Premier League
Nach Spott und Hohn wird Leicester-Coach Claudio Ranieri vollste Bewunderung entgegengebracht

Trainer Claudio Ranieri ist drauf und dran, mit Leicester City in der englischen Premier League für eine Sensation zu sorgen. Seine Mannschaft hat sich wider Erwarten vom potenziellen Abstiegskandidaten zum Tabellenführer entwickelt.

Markus Brütsch
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Vom absoluten Tiefpunkt zum nicht enden wollenden Höhenflug: Leicester-Trainer Claudio Ranieri.

Vom absoluten Tiefpunkt zum nicht enden wollenden Höhenflug: Leicester-Trainer Claudio Ranieri.

AP Photo

«Du hast uns zerstört», schreibt eine Zeitung. «Eine nationale Schande und die Katastrophe des Jahrhunderts», titelt eine andere. Nach nur vier Spielen als Trainer der griechischen Nationalmannschaft muss Claudio Ranieri seinen Platz räumen. Die Heimniederlage gegen die Färöer Inseln hat nach drei Partien ohne Sieg das Fass zum Überlaufen gebracht. Ranieri ist am Ende – haben alle gedacht, als dieser im November 2014 in Athen die Koffer packen musste und danach heim nach Italien gereist ist. Dass dieser Versager noch einmal einen Job bekommen würde, schien ausgeschlossen.

«Ich bin nicht Obama»

Es ist anders gekommen. Nur fünfzehn Monate nach dem Debakel von Piräus ist Ranieri einer der meistbewunderten Trainer Europas und der Thailänder Vichai Srivaddhanaprabha gilt im Profifussball als einer der gewieftesten Klubbesitzer. Vergessen ist, wie sich halb England darüber mokiert hat, als Leicester City im Sommer letzten Jahres Ranieri als Nachfolger von Aufstiegstrainer Nigel Pearson engagierte. Nur knapp und dank eines eindrücklichen Endspurts hatte dieser Leicester in der Liga gehalten. Es war klar: Auch für dessen Nachfolger würde es in der neuen Spielzeit nur darum gehen, nicht abzusteigen.

Nach 25 Spielen mit bloss zwei Niederlagen tritt Leicester am Sonntag im Emirates-Stadion nun aber als stolzer Leader gegen Arsenal an. Siegen die Foxes zum 16. Mal und trennen sich Manchester City und Tottenham unentschieden, hat Leicester zwölf Runden vor Schluss sieben Punkte Vorsprung auf den nächsten Verfolger. «Ich bin nicht Obama und kann einfach sagen ‹Yes we can›», hat Ranieri neulich gewitzelt. Doch wird es für den 64-Jährigen nach jedem Sieg schwieriger, Fragen nach dem Gewinn des Meistertitels abzublocken. Immerhin hat er jetzt schon mal gesagt: «Träumen dürfen die Spieler schon. Das kann ich ihnen schlecht verbieten.»

Taktikfuchs, Bastler, Chamäleon-Trainer

Einer, der Ranieri aus dem Effeff kennt, ist Roberto Di Matteo. Dieser spielte bei Chelsea, als Ranieri im September 2000 Trainer an der Stamford Bridge wurde. Zwar verletzte sich Di Matteo schon im zweiten Spiel unter dem Landsmann gegen St. Gallen so gravierend, dass es das Karriereende bedeutete, doch natürlich blieb er nahe genug dran, um die Arbeitsweise Ranieris genau kennen zu lernen. «Er ist ein Taktikfuchs, der für eine gute Teamatmosphäre sorgt, offen ist und mit dem man gut sprechen kann», sagt Di Matteo. Es war die Zeit, als Ranieri auf der Insel den Spitznamen «Tinkerman» (der Bastler) verpasst bekam, weil er ständig an seiner Mannschaft herumschraubte. Schon in der Heimat war er deshalb als «Chamäleon-Trainer» bezeichnet worden.

In Leicester ist davon nichts zu sehen. «Ranieri verändert praktisch nichts mehr», sagt Di Matteo und lobt den Römer für den Überfallfussball, mit dem Leicester den Grossen das Fürchten beibringt. «Dieser erinnert mich an die Zeit, in der Ranieri den FC Valencia trainierte und mit Stürmern wie Claudio Lopez einen rasanten Konterfussball spielte», sagt Di Matteo. Mit einem 6:0 gegen Real Madrid war Ranieri mit Valencia 1999 Sieger der Copa del Rey geworden. Es sollte nach dem Cupsieg mit Florenz 1996 der bisher einzige Titel in Ranieris Palmarès bleiben.

Glück in der Liebe und Pech im Spiel

Der frühere Serie-A-Abwehrspieler hat sich in all der Zeit seiner nun dreissigjährigen Trainerlaufbahn gar den Ruf des ewigen Zweiten und Pechvogels erarbeitet. Er, seit Ende der 70er-Jahre mit Rosanna zusammen, sei einer, der Glück in der Liebe, aber Pech im Spiel habe. «Claudio ist ein sensationeller Mensch, aber auch ein grosser Trainer, der bei Klubs wie Napoli, Juventus, Roma, Atlético Madrid und Monaco war», stellt Di Matteo klar. «Auch ich habe lange Zeit darauf gewartet, dass bei Leicester der Einbruch kommt. Inzwischen aber ist es für mich der Titelfavorit.» Wie bei den Buchmachern, die den Verein zu Saisonbeginn als Absteiger Nummer 1 gehandelt hatten.

Gewiss profitiert Ranieris Mannschaft davon, dass sie kaum Verletzte hat, international nicht engagiert und in den Cupwettbewerben bereits ausgeschieden ist. Ranieri verfügt mit Schmeichel, Morgan, Huth, Drinkwater, Mahrez und Vardy über eine bemerkenswert starke Achse und mit letzteren zwei über obercoole Skorer. Dass aber eine Mannschaft mit dem drittgeringsten Wert beim Ballbesitz (43,7%) und mit der schlechtesten Passqualität (69,3%) aller Premier-League-Teams Tabellenführer sein kann, ist gleichwohl erstaunlich. «Die Liga spielt halt verrückt in diesem Jahr», sagt Ranieri. «Und wir haben weniger Druck als die Grossen.»

«Gökhan Inler kann unser Maradona sein»

Dies sagte Leicesters Trainer Claudio Ranieri kurz nach der Verpflichtung des Schweizer Nationalmannschaftscaptains Gökhan Inler im August letzten Jahres. Nicht, weil dieser so virtuos Fussball spielt, sondern aus Neapel kam, wo der Argentinier einst gross aufgetrumpft hatte. Doch Inler, mit vielen Hoffnungen in die Midlands gekommen, kommt bei Leicester überhaupt nicht zum Zug und hat in der Premier League erst fünf Teileinsätze bekommen. Er ist ein Opfer davon geworden, dass die Resultate stimmen, Ranieri fast keine Verletzungssorgen kennt und deshalb die Mannschaft kaum einmal umstellt. Das sind im Hinblick auf die Europameisterschaft keine guten Perspektiven für Inler, dessen möglicher Transfer zu Schalke geplatzt ist und der noch bis zum 15. Februar die Möglichkeit hätte, sich an einen Schweizer Klubs ausleihen zu lassen.

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