Fussball

Nach seinem plötzlichen Rücktritt: Wie tickt Erfolgstrainer Favre?

Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander: Lucien Favre.

Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander: Lucien Favre.

Lucien Favre hat nach der sechsten Niederlage im sechsten Pflichtspiel der Saison mit Mönchengladbach die Reissleine gezogen. Die Flucht des Romands hat Tatort-Qualität.

Es ist ein ganz normaler Sonntagabend. Fernseher an. Die Woche ausklingen lassen. Tatort schauen. Millionen Leute tun das. Und sehen plötzlich, wie ein Name auf der Liste der Verdächtigen im Bild erscheint: Lucien Favre.  

Gut zwei Wochen ist es her. Und natürlich ist der Name Favre durchgestrichen im TV. Nein, Favre ist kein Mörder. Favre ist nicht auf der Flucht. Noch nicht.

Der vergangene Sonntagabend ist kein normaler in Mönchengladbach. In der Stadt herrscht Aufregung. Vielleicht trifft es Erschütterung noch besser. Es ist der Abend, der den Fussballklub, die Borussia, in seinen Grundfesten erschüttert. 

Lucien Favre  – The Coach (Mai 2015): Ein verehrendes Fan-Video über den Schweizer Trainer von Borussia Mönchengladbach.

Lucien Favre – The Coach (Mai 2015): Ein verehrendes Fan-Video über den Schweizer Trainer von Borussia Mönchengladbach.

Wie eine Flucht

Lucien Favre legt sein Traineramt nieder. Plötzlich und unvermittelt. Nach viereinhalb Jahren. Gegen den Willen seines Vereins. Es wirkt wie eine Flucht. Es wirkt, als würde Favre seine Borussia im Regen sehen lassen. 

Die Meinungen in Deutschland sind schnell gemacht über den 57-jährigen Schweizer, den sie über die Jahre schätzen, aber nie lieben gelernt haben. «Feige!», «Lässt den Verein im Stich!», «Ego-Abschied!», «Unverantwortlich!», rauscht es im Blätterwald.

Favres Argumente verhallen ungehört – vom Verein und von der Öffentlichkeit. Das ist erstaunlich, weil es kaum einen so feinfühligen Trainer gibt als den Romand. Er spürt jede noch so kleine Strömung im Klub.

Wer Favre in den letzten Wochen genau zugehört hatte, der merkte: Irgendetwas stimmt nicht mehr. Favre deutete mehrfach an, seine Spieler nicht mehr vollständig zu erreichen.

Favre und die Krise – unmöglich

So konsequent Favres Rücktritt auch ist, so unglücklich sind die Begleiterscheinungen. Zumal es nicht zum ersten Mal so ist. Wenn Favre einen Verein verlässt, dann geschieht das mit Nebengeräuschen.

Das war beim FC Zürich so. Das war bei Hertha BSC Berlin so. Und das ist nun bei Mönchengladbach so. Angefangen bei der Kommunikation bis hin zum fragwürdigen Zeitpunkt, mitten im Frühsaisonstress, wo zwei Spiele pro Woche Alltag sind.

Die Frage ist nun, ob die jüngste Episode Favres Ruf als Trainer nachhaltig beschädigt. Ob sich der Eindruck festigt, Favre sei kein Trainer für eine Krise. Ob diese Eindrücke die Wahrheiten auf dem Platz verdrängen.

Den Fakt zum Beispiel, dass Gladbach unter Favre vom Fast-Absteiger zum Champions-League-Teilnehmer (erstmals in der Vereinsgeschichte) geworden ist. Die Frage ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu beantworten.

Wie ein russischer Pilot

Um das Wesen des Trainers Favre zu verstehen, muss man bis ins Jahr 1993 zurückblicken. Während zweier Wochen durfte er in Barcelona Johan Cruyff über die Schulter schauen.

Dieser wunderbare, technisch geprägte Fussball hat Favre geprägt. Er war nie einer, der auf Kraft und Kampf setzte. Sondern auf das Filigrane und Schnelle. Vielleicht auch deshalb, weil sein eigenes Ende als aktiver Fussballer einem Horror glich, 1985 als Gabet Chapuisat ihm das Knie zertrümmerte. Es ist wohl das schlimmste Foul der Schweizer Fussballgeschichte.

Gabet Chapuisat gegen Lucien Favre

Gabet Chapuisat gegen Lucien Favre

Als Trainer hat Favre ganz unten angefangen, mit C-Junioren im Nachbardorf seiner Heimat St. Barthélemy. «Vielleicht ist es bei mir ja wie bei den russischen Piloten – gut werden nur diejenigen, die auf alten Tupolews das Fliegen gelernt haben», sagte er einmal.

Die grösste Schweizer Bühne betrat er erstmals mit Yverdon. 1997 führte er die Waadtländer in die NLA, wurde sogar Fünfter, «Yverdinho» nannte man sein Team. Das ist fast noch schöner als der Übername für Favres Team in Gladbach, «Borussia Barcelona».

Rücktritt schon im Sommer ein Thema?

Das Erreichen der Champions League mit Mönchengladbach hat Favres Bewusstsein für die Grenze des Erreichbaren geschärft. Es gibt Menschen, die erzählen, dass Favre schon im Sommer mit dem Rücktritt liebäugelte.

Es ist kaum falsch. Nun haben seine Zweifel eine bislang unerreichte Dimension erreicht. An interessanten Angeboten wird es Favre auch in Zukunft nicht mangeln. Zu gut ist sein Leistungsausweis.

Spannender ist schon eher die Frage, ob er sich auch vorstellen könnte, alsbald ein Nationalteam zu trainieren. Etwas, das ihn bislang nicht reizte. Weil er es brauchte, jeden Tag auf dem Rasen zu stehen.

Ändert sich dies, könnte das beim Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic (Vertrag bis nach der EM 2016) durchaus die eine oder andere schlaflose Nacht auslösen.

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