Nach der Qualifikation
Dank «Modus der Gnade» hat der SC Bern noch die Chance den Meistertitel zu verteidigen - trotz dem 9. Rang

Eigentlich hätte der SC Bern die Playoffs verpasst. Doch dank eines neuen Modus haben die Hauptstädter immer noch Chance, den TItel zu verteidigen.

Klaus Zaugg
Merken
Drucken
Teilen
Haben noch Chancen auf den Titel: die Spieler des SC Bern.

Haben noch Chancen auf den Titel: die Spieler des SC Bern.

Marcel Bieri / Keystone

Sie waren die himmelhohen Favoriten für die beiden ersten Plätze. Am Ende haben nur die Zuger diese Erwartungen erfüllt und mit einem neuen Punkterekord die Qualifikation gewonnen. Die ZSC Lions sicherten sich dagegen erst gestern Abend definitiv den 5. Platz und damit die direkte Qualifikation für die Playoffs.

Der Zufälligkeit des Spielplans ist es zu verdanken, dass die Zuger und die Zürcher zuletzt nacheinander in Langnau gegen das Schlusslicht anzutreten hatten. Die Zuger haben am Samstag 3:5 verloren – die Zürcher am Montag 5:2 gewonnen. Zahlen, die eigentlich sagen, dass Zug ausser Form und der ZSC in Hochform ist. Was so natürlich nicht ganz stimmt.

Für Zug ging es um rein gar nichts mehr

Die Zuger Dominik Schlumpf, Yannick-Lennart Albrecht und Raphael Diaz (von links) lachen über den Qualifikationssieg mit neuem Punkterekord.

Die Zuger Dominik Schlumpf, Yannick-Lennart Albrecht und Raphael Diaz (von links) lachen über den Qualifikationssieg mit neuem Punkterekord.

Urs Flueeler / Keystone

Es spielte sicher eine Rolle, dass es für die Zuger um rein gar nichts mehr ging. Den Qualifikationssieg mit neuem absoluten Punkterekord hatten sie sich schon gesichert. Die Zürcher brauchten hingegen noch einen Punkt, um jeden Zweifel an der direkten Playoff-Qualifikation auszuräumen. Wer als neutraler Beobachter diese zwei Testläufe der beiden Liga-Titanen gesehen hat, neigt dazu, die Zürcher zu favorisieren.

Zug ist spielerisch brillant. In der Offensive mit dem stürmischen Elan einer Kavallerie-Schwadron, der Präzision von Landvermessern und mit Verteidigern, die es verstehen, ihren Stürmern fleissig Assists zu machen. Eishockey wird als Spiel zelebriert. Die ZSC Lions wirken rauer, weniger verspielt, schwerblütiger. Als sei Eishockey eine sehr ernsthafte Angelegenheit. Der 5. Platz ist eigentlich eine Enttäuschung und führt dazu, dass es unter Umständen nicht erst im Final, sondern bereits im Halbfinal zu einer Konfrontation mit Zug kommen wird.

ZSC ist «pretty solid»

ZSC-Cheftrainer Rikard Grönborg findet sein Team ziemlich solid.

ZSC-Cheftrainer Rikard Grönborg findet sein Team ziemlich solid.

Ennio Leanza / Keystone

Trainer Rikard Grönborg sagt es so: «Natürlich darf ich als Trainer nur mit einem 1. Platz zufrieden sein. Aber in der Qualifikation geht es erst einmal darum, in die Playoffs zu kommen.» Er gibt zu bedenken, dass er über eine längere Zeit verletzungsbedingt auf wichtige Spieler verzichten musste. Der Tiefpunkt war wohl die Cup-Finalniederlage gegen den SC Bern im Hallenstadion (2:5). Doch seither haben sich die Zürcher aus der Depression herausgearbeitet und sind, wie der Trainer sagt, «pretty solid» («ziemlich solid»). Was heissen will: bereit für die Playoffs.

Eine Kombination aus Leichtigkeit und Wucht

Es gibt eine Szene, ein paar Sekunden nur, aus der 52. Minute dieses letzten Spiels vom Montag in Langnau, die uns zeigt, dass die ZSC Lions inzwischen besser sind, als es der 6. Platz vermuten liesse: Roman Wick, der ewige Künstler, entwindet sich mit eleganter Drehung seines Gegenspielers und zirkelt den Puck genau auf den Stock des kräftigen Marco Pedretti, der direkt einnetzt. Es ist diese Kombination aus künstlerischer Leichtigkeit und Wucht, die erst die Faszination es Eishockeys ausmacht. Wer also vermutet, dass Zug und die ZSC Lions nach dem Testlauf von mehr als 50 Qualifikationsrunden auch tatsächlich die Favoriten sind, liegt nicht falsch.

Diese Qualifikation ist nach einem neuen Modus gespielt worden. Sozusagen nach dem «Modus der Gnade». Seit 1988/89 ist es Brauch, dass die Ränge 1 bis 8 für die Playoffs berechtigen. Doch nun sind zum ersten Mal auch die Plätze 9 und 10 für die Playoffs qualifiziert. Sie dürfen gegen den 7. und 8. in einem Playoff-Sprint (nur zwei und nicht vier Siege sind zum Weiterkommen erforderlich) antreten.

Vom Platz 9 zum Meistertitel?

Dank dieses neuen Modus ist es für Titelverteidiger SC Bern keine Qualifikation der Schande: Zum zweiten Mal hintereinander haben die Berner nur Rang 9 erreicht. Aber eben: Diesmal gibt es die Möglichkeit, vom 9. Platz aus Meister zu werden. Zwei Siege braucht der SCB bloss gegen den HC Davos, um anschliessend Qualifikationssieger Zug in den echten Playoffs herausfordern zu können. Es ist das Duell der zwei erfolgreichsten Mannschaften dieses Jahrhunderts: des Meisters von 2004, 2010, 2013, 2016, 2017 und 2019 (SCB) gegen den Meister von 2002, 2005, 2007, 2009, 2011 und 2015 (HCD).

Der HC Davos spielt in den Pre-Playoffs.

Der HC Davos spielt in den Pre-Playoffs.

Freshfocus / Michela Locatelli

Es sind indes nur noch Operetten-Versionen dieser wahrhaftig ruhmreichen Vergangenheit. Der SCB bei weitem nicht mehr so böse, kräftig, selbstsicher und taktisch schlau wie zu meisterlichen Zeiten. Und der HCD zwar immer noch schnell, wirblig und tempobesessen. Aber bei weitem nicht mehr so präzis, zielstrebig und sausend und brausend wie in der meisterlichen Ära unter Arno Del Curto. Zu oft mahnt das HCD-Offensivspektakel an einen Sturm in einem Mehltrog: Nur viel Staub wird aufgewirbelt.

Rückt der SCB gegen diesen HCD auf den 8. Platz in die richtigen Playoffs vor, bricht in Zug Hektik aus. Die Zuger haben kein Trauma ZSC. Das haben sie inzwischen überwunden. Sie fürchten ausser Gott nur noch den SCB. Gegen die Berner waren sie zuletzt 2017 und 2019 im Final chancenlos – absolut chancenlos.