Motorradsport

Tom Lüthi und die Bremse im Kopf

Tom Lüthi hat das «Mugello-Trauma» noch nicht überwunden.

Tom Lüthi hat das «Mugello-Trauma» noch nicht überwunden.

Motorrad-Rennfahrer reden über fast alles, nur nicht über die Hauptsache. Noch selten haben wir so eindrücklich gesehen, wie sehr Rennsport Kopfsache sein kann wie bei Tom Lüthi (28) und Dominique Aegerter (24) vor dem GP von Katalonien in Barcelona.

Die Tage eines GP-Wochenendes haben eine klare Struktur. Zum immer wiederkehrenden Ritual gehören bei unserem «Dream-Team» mit Tom Lüthi und Dominique Aegerter die sogenannten Medienkonferenzen nach dem Training am Freitag- und am Samstagabend. Die Piloten sitzen in der Hospitality ihres Teams. Der Küchenbursche stellt Getränke und Snacks bereit und serviert Kaffee. Um 16.45 Uhr kommt Tom Lüthi zur Fragestunde. Um 17.00 Uhr folgt Dominique Aegerter.

Die Themen sind immer die gleichen. Es geht um Fahrwerkseinstellungen, Reifen, Temperaturen, Linienwahl und Bremsverhalten. Der Motorsport bietet so viele technische Ausreden, dass es gelingt, um den heissen Brei herumzureden. Die Bremse im Kopf wird nie thematisiert. Dabei ist sie gerade in der Moto2-WM entscheidend. Alle haben das gleiche Bike und die gleichen Reifen. Die Technik kann die Unterschiede nicht erklären. Aber in der Machowelt Töff gibt keiner zu, dass das Problem im Kopf sein könnte. Dass er von den Dämonen des Zweifels geplagt wird.

Lüthi hat das «Mugello-Trauma» noch nicht überwunden

Gestern hätte jemand, der die Deutsche Sprache nicht versteht und nicht lesen kann, das Trainingsresultat der Schweizer – 4./zweite Startreihe für Aegerter, 10./vierte Startreihe für Lüthi – erraten. Alleine durch das Studium der Körpersprache. Der Routinier Tom Lüthi wirkt ein wenig hektischer als sonst. Spricht ein bisschen schneller, als dies der Berner normalerweise tut, und sein Oberkörper ist stärker nach vorne über den Tisch gebeugt.

Er hat das «Mugello-Trauma» noch nicht überwunden. Dort hat er vor zwei Wochen in Führung liegend durch Sturz den Sieg vergeben. Er erklärt, dass sich seine Maschine hier in Barcelona einfach nicht mehr so gut fahren lasse wie zuletzt in Le Mans (Sieg) und eben Mugello. Er sagt: «Es ist mühsam. Ich bin zu stark am Limit und rutsche ständig herum.» Es sei schwierig, aggressiv zu bremsen, weil das Vorderrad immer wieder die Bodenhaftung verliere. Tom Lüthi ist einer der talentiertesten Fahrer der Welt. Wenn er diese Schwierigkeiten hat, fällt er nicht gleich ins Bodenlose und aus den Top Ten.

Tom Lüthi verlässt den Raum und kurze Zeit später kommt Dominique Aegerter herein. Er ist zufrieden. Erste Startreihe und Podest (3.) in Mugello und jetzt zweite Startreihe (4.) in Barcelona. Auf die Frage, ob die Krise endlich überwunden sei, sagt er: «Ich bin zwar mit den Resultaten noch nicht ganz zufrieden. Aber ja, ich denke, die Krise ist vorbei.» Dann erzählt er von seinen Schwierigkeiten während des Trainings.

Aegerter gibt sich locker

Es sind exakt die gleichen wie bei Tom Lüthi. Schliesslich haben ja beide die gleiche Höllenmaschine. Der einzige Unterschied: Aegerter plaudert viel lockerer und seine Körperhaltung ist entspannter. «Ja klar rutscht es auch bei mir. Aber das gehört dazu. Sonst wäre ich ja nicht am Limit.» Das Problem, das Tom Lüthi beunruhigt, lässt ihn also kalt. Er hat seine Bremse im Kopf gelöst. Sein Selbstvertrauen ist intakt und der Asphalt-Rock-’n’-Roller hat endlich wieder die Coolness, die Lockerheit gefunden, die er für seinen wilden Stil braucht.

Er ist so locker, dass er gleich noch fragt, warum sich heute niemand nach dem neusten Stand seines Liebeslebens erkundige. Seine Dauerbegleiterin Tanja Steiner ist zwar wieder einmal da. Aber er ist nach wie vor single.

Das Rennen (12.15 Uhr, live SRF 2) ist genauso Kopfsache wie das Training. Nicht immer gelingt es, die lockere Stimmung in den Sonntag hinüberzuretten. Schlechter Schlaf in der Nacht auf den Sonntag kann die Dämonen des Zweifels rufen und ein Rennen ruinieren.

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