Die Sonne geht unter und Tom Lüthis Stern geht auf: «Ich wusste, dass ich bei kühleren Temperaturen besser bin. Als ich spürte, dass es kühler wird und der Wind aufhört, da kehrte die Selbstsicherheit zurück. Vor dem Rennen setzte ich mir kein konkretes Ziel. Ich wollte völlig unbelastet fahren und so ein Maximum herausholen. Ich denke, das ist mir gelungen.»

Tom Lüthi ist das beste Rennen seiner Karriere gefahren. Das will etwas heissen. Immerhin ist es sein 268. Grand Prix und der 136. in der Moto2-Klasse. 11 davon hat er gewonnen. «Das beste Rennen? Vielleicht bin ich zu wenig emotional für eine solche Beurteilung …» Nun, es ist so. Denn die Umstände waren gegen Lüthi.

Nie hat es vor einer Saison so viele bange Fragen gegeben. Wie hat er das schwierige vergangene Jahr (keine MotoGP-Punkte) verarbeitet? Kommt der 32-Jährige mit der Intensität der Moto2-Klasse gleich zurecht? Und wie reagiert er auf den starken Teamkollegen Marcel Schrötter, der ihm im Training (mit Bestzeit) auf und davongefahren ist. Und da war auch noch ein spektakulärer Sturz am ersten Trainingstag.

Lüthi ist die Nummer eins

Alle offenen Fragen sind beantwortet. Tom Lüthi braust vom 11. bis auf den 2. Platz vor, in der letzten Runde hat er den führenden Lorenzo Baldassarri eingeholt, in der drittletzten Kurve wagt er noch einmal eine furiose Attacke, und er verliert schliesslich das Rennen um bloss 53 Hundertstel.

Das ist weniger als eine Maschinenlänge. «Ich habe alles versucht, und in der drittletzten Kurve habe ich eine Lücke gesehen. Aber Balda (Baldassarri – die Red.) hatte aufgepasst und schloss die Lücke. Wenn ich es trotzdem versucht hätte, wäre die Chance höchstens 50 Prozent gewesen.» Lüthi blieb cool und begnügte sich mit dem zweiten Platz.

Natürlich ist jetzt auch geklärt, wer die Nummer eins im Team ist. Marcel Schrötter, der das Training dominiert hatte, konnte mit der Spitze nicht ganz mithalten und Tom Lüthi rauschte an ihm vorbei, Widerstand gab es keinen. Der Deutsche verneigte sich fahrerisch sozusagen vor seinem Teamkollegen. «Das spielt doch keine Rolle», wehrt sich Tom Lüthi. «Wir arbeiten sehr gut zusammen.» Ja klar, das muss er so sagen.

Das Rennen verliert Lüthi nicht in der dramatischen Schlussrunde. Sondern ganz am Anfang. Wegen eines Massensturzes hängen die Streckenposten die gelbe Flagge raus. Das bedeutet Überholverbot. «Ich konnte nicht mehr reagieren und hatte Jorge Martin verbotenerweise unter gelber Flagge überholt.

Um keine Strafe zu riskieren, habe ich ihn sofort wieder vorbeigelassen und dabei Zeit eingebüsst. Das Rennen habe ich in dieser Startphase verloren.» Hätte er den Spanier nicht vorbeigelassen, hätte Lüthi mit einer Boxendurchfahrt oder einer Rückversetzung im Klassement bestraft werden können – der Podestplatz hätte sich in Luft aufgelöst.

Die Aufarbeitung

Das Rennen von Tom Lüthi war ein Sturmlauf aus der 4. Startreihe heraus. Dreimal unterbietet er den Rundenrekord. Keiner ist so schnell. Am Ende erntet der Schweizer die Früchte seiner Arbeit. Er sagt, er habe sich im Winter noch nie so umfassend vorbereitet. «Es war ihm nach der schwierigen vergangenen Saison bewusst, dass es viel braucht», sagt Lüthis Manager Daniel M. Epp.

«Er war noch nie so professionell wie im vergangenen Winter.» Dazu gehörte auch die intensive Arbeit mit seinem Mentaltrainer. «Ich habe gleich nach Saisonschluss mit der Aufarbeitung der vergangenen Saison begonnen», sagt Lüthi. «An meinem Talent habe ich nie gezweifelt. Aber ich war mir bewusst, dass ich mich Stück für Stück wieder nach vorne arbeiten muss.»

Tom Lüthi war bereits im ersten Rennen nach der Rückkehr aus der «Königsklasse» der wahre, ja der bestmögliche Tom Lüthi. Das bedeutet: Er kann in dieser Saison um den WM-Titel fahren.