Es war, als ob der Himmel den Emmentaler nach einem Jahr Abwesenheit nun wieder «daheim» WM begrüssen wollte: die Wolken verziehen sich und es wird ein wunderbarer Freitagnachmittag mit einer schrägstehenden, goldenen Wintersonne. Die Piste trocknet ab. Am Samstagnachmittag kommt der Regen. Aber die Zeit reichte am Freitagnachmittag und am Samstagvormittag, um rund 100 Runden zu blochen. Genug, damit wir die Konturen der Moto2-Hierarchie für die Saison 2019 erkennen können.

Für alle beginnt wieder alles von vorne. Nicht mehr 600er-Zweizylinder-Honda-Einheitsmotoren treiben jetzt die Moto2-Höllenmaschinen an. Sondern 765er-Dreizylinder von Triumph. Mehr Power, mehr Elektronik. Die grosse Frage, die alle umtreibt: Kann Tom Lüthi wieder dort anknüpfen, wo er 2017 als WM-Zweiter aufgehört hat?

Optisch ist alles in bester Ordnung. Das Lederkombi seines neuen Arbeitgebers passt. 2019 und 2020 wird Tom Lüthi in den Farben des Deutschen «Dynavolt»-Teams fahren und sein Teamkollege heisst dort Marcel Schrötter (23). Der Deutsche hat in mehr als 100 Moto2-Rennen erst einen einzigen Podestplatz herausgefahren. Im Vergleich zu Tom Lüthi (45 Podestplätze) nur ein «fahrerischer Nasenbohrer».

Lüthi: Den Kampfmodus finden

Tom Lüthi ist nach diesen ersten Tests zuversichtlich. Er strahlt nicht mehr pflichtbewusst künstlichen Optimismus aus wie im Laufe dieser Saison. Sondern echten. Ganz offensichtlich macht ihm die Rennfahrerei wieder Spass. Die Zusammenarbeit mit dem neuen Team sei sehr gut angelaufen. Der Wechsel in die neue Klasse seit ein wenig wie eine Züglete im richtigen Leben: die Schränke ausräumen, die Sachen Packen und am neuen Ort wieder alles auspacken. Wenn er sagt: «Ich muss jetzt vorwärtsschauen», so ist das mehr als einfach ein Spruch. Nur wenn er die missglückte MotoGP-Saison so schnell wie möglich vergisst, hat er eine Chance. Nach diesen ersten Tests ist Pause angesagt bis zum 31. Januar 2019. Der Eindruck aus diesen drei Tagen in Jerez bleibt also über die ganze Winterpause bestehen.
Aber der Schein kann auch trügen. Wenden wir uns den harten Fakten zu.

Den gefahrenen Rundenzeiten. Und dann sehen wir: Tom Lüthi muss wieder von vorne beginnen. Er kommt nicht über den 12. Platz hinaus und ist noch hinter Marcel Schrötter (7.) klassiert.

Ein Grund zur Sorge? Noch nicht. Tom Lüthi hat nach einer Saison «Prozessions-Fahren» praktisch ohne Überholmanöver den «Kampfmodus» der Moto2-Klasse noch nicht gefunden. Aber das ist logisch. Dank seiner immensen Erfahrung wird er den «Kampfmodus» noch finden. Aber er wird nicht zu den Titelfavoriten gehören. Das kann nur gut sein. Er hat sich mit der Favoritenrolle schon immer schwergetan.

Aegerter: 5 Sponsoren verloren

Und Dominique Aegerter (28)? Auch bei ihm ist der optische Eindruck tipptopp. Das schmucke Lederkombi seines neuen Arbeitgebers MV Agusta passt wunderbar. Oder besser: des Teams «MV Agusta Forward Racing». Das legendäre italienische Werk gibt seinen Namen zur Dekoration. «Forward Racing» managt das ganze Abenteuer. Die Technologie ist nicht revolutionär. Wo MV Agusta draufsteht, ist viel Eskil Suter drin. Der Rahmen wird in Italien mit dem Knowhow aus der Hightech-Werkstatt in Turbenthal (ZH) gebaut. Sozusagen eine helvetisch-italienische Co-Produktion.

Dominique Aegerter ist nach den ersten drei Arbeitstagen mit seinem neuen Team zufrieden. Er ist ja erst einmal froh, dass er ein neues Team gefunden hat und seine Karriere in der Moto2-WM weiter geht. Sorgen macht ihm allerdings die Finanzierung der Saison 2019. «Ich habe fünf Sponsoren verloren.» Er muss Geld in die Teamkasse bringen. Die erste von drei Raten habe er bezahlt, die zweite noch nicht. Sie wird im nächsten Frühjahr fällig. Es geht um sechsstellige Summen. Und 2019 müsse er erstmals in seiner GP-Karriere sämtliche Spesen – Flüge, Hotels, Mietwagen – selber bezahlen. Bisher habe er erst zwei Sponsoren, die weitermachen. Seine Karriere ist nach wie vor eine Baustelle. Platz 22 unter den 31 Piloten bei diesen ersten Tests. Den Frust aus dieser Saison (nur WM-17.) hat er noch nicht aus der Seele gefahren.

Es wird ein langer, sorgenvoller Winter für den nachdenklich gewordenen «Rock’n’Roller».