Motorsport
Max Verstappen oder Lewis Hamilton auf der Zielgeraden? Der Schweizer Formel-1-Experte Marc Surer tippt WM-Titelrennen

Vor dem Rennen in Brasilien steht der siebenfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton gehörig unter Druck. Max Verstappen liegt bereits 19 Zähler vor dem Mercedes-Piloten. Abschreiben sollte man den Briten aber keinesfalls. Sagt Experte Marc Surer.

Pascal Kuba
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Beim GP von Mexiko konnte Verstappen einen Sieg vor Hamilton feiern.

Beim GP von Mexiko konnte Verstappen einen Sieg vor Hamilton feiern.

AP

Max Verstappen ist in der Pole-Position um den WM-Titel in der Formel 1. Nach seinem Sieg letztes Wochenende in Mexiko beträgt der Vorsprung auf seinen Titelrivalen Lewis Hamilton 19 Punkte. Somit biegt der Holländer als Favorit auf die Zielgerade des Rennens um die Weltmeisterschaft ab. Es wäre seine Erste.

Etwas dagegen hat der siebenfache Weltmeister Hamilton. In den beiden letzten Rennen wurde Hamilton jeweils Zweiter hinter Verstappen, war zuletzt in Mexiko aber chancenlos. Der ehemaliger Formel-1-Fahrer und heutige TV-Experte Marc Surer mahnt zur Vorsicht. Er sagt: «Lewis Hamilton kann die Wende noch schaffen.» Gleichzeitig sieht Surer Verstappen in Topform. Was spricht also für die beiden Konkurrenten?

Zur Person

Marc Surer
SRF

Marc Surer

Der ehemaliger Formel-1-Fahrer fuhr zwischen 1979 und 1986 in der Motorsport-Königsklasse. Heute arbeitet er als TV-Experte bei SRF, zuvor war er jahrelang bei Sky engagiert.

Die Fahrer

«Hamilton ist ein Ausnahmekönner, nicht ohne Grund gewinnt man sieben WM-Titel. Er ist auch ein sehr fairer Fahrer. Einer der ganz Grossen», sagt Surer über den 36-jährigen Briten. Seine Kommentare nach dem Rennen in Mexiko dürfe man nicht ganz ernst nehmen. «Nach dem Rennen sind es teilweise Psychospielchen. Entweder, um seine Ingenieure und sein Team anzuspornen. Andererseits gibt er auch falsche Aussagen, um die anderen Teams zu manipulieren.»

Auch für Verstappen findet Surer lobende Worte. Zu Beginn seiner Karriere war der Holländer ein junger Wilder. «Früher hat er immer wieder dumme Fehler gemacht. Ist mit anderen kollidiert oder hat das Auto selbst kaputt gefahren. Das passiert ihm jetzt nicht mehr. Er ist gereift und bereit für die WM. Dazu ist Verstappen in einer sensationellen Form», sagt Surer.

Diese lässt sich auch in Zahlen belegen: Die Hälfte der 18 gefahrenen Rennen hat Verstappen für sich entschieden, darunter die letzten zwei in Texas und Mexiko. Hamilton dagegen konnte nur fünf Siege herausfahren, den letzten Ende September in Russland.


Die Boliden

Letztes Wochenende fuhr Verstappen dem 36-jährigen Briten in Mexiko davon. Das müsse man aber ausklammern, sagt Surer. Der grössere Turbo bietet auf hoch gelegenen Strecken mit dünner Luft wie in Mexiko einen klaren Vorteil für Red Bull. Auf diesen kann Verstappen auf den restlichen Strecken aber nur bedingt bauen. Somit gilt es für Mercedes, das Auto optimal einzustellen: «Wenn das Auto perfekt ist, können sie Red Bull schlagen.»

Surer will aber keinem der beiden Teams eine Strecke zuweisen, auf denen sie dominieren sollten: «Es kommt auch auf die richtige Strategie an. Austin war eher eine Mercedes-Strecke mit vielen Geraden und trotzdem hat Verstappen gewonnen. Auf den Geraden kann Mercedes das Heck senken, daraus resultiert weniger Luftwiderstand. In den schnellen Kurven macht dies das Auto aber langsamer. Es ist ein Abwägen: Will man in den Geraden oder in den Kurven schnell sein? Mercedes muss also den Kompromiss finden.»


Die Teamkollegen

Valtteri Bottas und Sergio Perez könnten in den letzten Rennen zu Königsmachern mutieren. Vor allem der Mexikaner steht bei Red Bull in der Pflicht. «Perez weiss, dass er nur deswegen angestellt wurde, um Verstappen zu unterstützen. Er weiss, was von ihm erwartet wird», sagt Surer.

Auf der anderen Seite fährt Bottas nächste Saison nicht mehr für Mercedes, weswegen man von ihm nicht viel Unterstützung erwarten darf. Trotzdem ist sein Einfluss auf den WM-Titel laut Surer enorm: «Er hat aber den Vorteil, dass er in der Qualifikation schneller ist. Er kann oft vor Perez starten und hat deswegen einen grösseren Einfluss auf das Rennen als der Mexikaner. Das hat man auch in Mexiko gesehen, wo Perez zu weit hinten gestartet ist, um Hamilton Platz zwei wegzunehmen. Das beeinflusst die Taktik enorm.»


Das Restprogramm

Wie in Mexiko ist auch die Rennstrecke von Sao Paolo hoch gelegen, auf über 800 Meter über dem Meeresspiegel. Das spielt dem Red-Bull-Piloten in die Karten. Auch das feuchte Klima von Interlagos ist laut Surer ein Trumpf für den 24-jährigen Niederländer: «Max Verstappen gilt als exzellenter Regenfahrer, deswegen hat er Vorteile in Brasilien, falls es regnet.»

Die restlichen Rennen finden allesamt auf der arabischen Halbinsel statt: Katar, Saudi-Arabien und Abu Dhabi. Hier spielt für die Teams die Tageszeit eine Rolle, denn die Rennen werden in der Nacht gefahren. «In der Nacht fährt man auf aufgeheiztem Asphalt und die Frage lautet, welches Team bekommt die bessere Abstimmung hin, dass die Reifen funktionieren, wenn es kühler wird?», sagt Surer.


Die mentale Stärke

Wer nach Verstappens Sieg in Mexiko glaubte, einen konsternierten Hamilton beim Interview gesehen zu haben, wird von Surer eines Besseren belehrt. Denn die Performance der Honda-Motoren in den Red-Bull-Boliden war bekannt: «Honda-Motoren funktionieren in der Höhe besser, das wusste man im Vorhinein. Im Qualifying haben sie es nicht hinbekommen, deswegen hatte man bei Mercedes Hoffnungen», erklärt Surer Hamiltons Frust.

Und er ergänzt: «Hamilton ist unter Druck unglaublich, das hat man in Mexiko gegen Perez gesehen. Das sind Fähigkeiten, die einen Champion ausmachen. Von der Coolness her ist er auch relaxter. Nach sieben WM-Titeln geht man anders an die Sache. Verstappen hingegen hat jetzt die grosse Chance.» Das er diese nutzen will, zeigte er auch vergangenes Wochenende, als der Holländer als letzter in Kurve eins bremste und Hamilton so bereits am Anfang des Rennens überholte.

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