Melbourne Cup

Morgens im Idyll, abends im Müll – das ist die Party des Jahres in Australien

Der Melbourne Cup ist das prestigeträchtigste Pferderennen der Welt – und noch viel mehr. Die Australier feiern „The race that stops a nation“ seit Generationen als Volksfest. Obwohl an diesem Tag Unzählige Geld verlieren, gehen viele als Gewinner nach Hause.

Ein angebissener Burger liegt im Schatten eines überfüllten Müllsacks. Leere Champagnerflaschen werden vom Wind über die abgelatschte Wiese gejagt. Biergeruch liegt in der Luft. Eine Frau hastet barfuss und in einem zerrissenen Kleid zu ihren Freunden hinüber. Gelächter. Etwas weiter hinten liegt ein Mann auf dem Rücken. Die Hände auf dem Bauch gefaltet, den Hut ins Gesicht gezogen, Jackett mitsamt rosaroter Krawatte neben sich. Eine Frau blickt grinsend auf ihn herab, zückt ihr Smartphone, schiesst ein Foto. Erheitert zeigt sie es in die Runde. Gelächter. 

Acht Stunden zuvor in Melbourne, Australien. Der Himmel ist wolkenverhangen. Es regnet. Für viele Australier ist es trotzdem der Morgen des schönsten Tages im Jahr. Der Melbourne Cup steht an, das prestigeträchtigste Pferderennen der Welt: Auch Jockeys aus Europa, Asien und Amerika träumen davon, die goldene Trophäe im Wert von 200'000 australischen Dollar (umgerechnet rund 150'000 Franken) in die Höhe zu stemmen. Das gesamte Preisgeld beläuft sich auf über sechs Millionen Dollar, gut die Hälfte davon geht an den Sieger.

In Melbourne spricht man schon seit Tagen nur von diesem einen Rennen, das in Down Under ganz unbescheiden als „The Race that stops a nation“ bekannt ist. Ob auf der Strasse, im Restaurant oder im Laden, überall wird man von wildfremden Menschen – Passanten, Kellnern, Kassierern – nach seinem Tipp gefragt.

Die zwei führenden Zeitungen „Herald Sun“ und „The Age“ berichten in den Tagen vor dem Cup über dutzende Seiten hinweg, beleuchten jeden scheinbar noch so unbedeutenden Aspekt. Hier im südöstlich gelegenen Staat Victoria ist der „Cup-Day“, wie die Einheimischen den Tag nennen, ein gesetzlicher Feiertag. Andere Gliedstaaten könnten dereinst dem Beispiel folgen. Denn auch in den östlichen Metropolen Sydney und Brisbane sowie der westlichen Grossstadt Perth stösst der Melbourne Cup auf immenses Interesse. Wer kann, zieht einen Ferientag ein oder legt seine Arbeit kurz nieder, um das Rennen verfolgen zu können. 

Wichtiger als Weihnachten

Um zu verstehen, warum die Leute in Down Under so verrückt sind nach diesem Pferderennen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Die Besiedlung Australiens durch Grossbritannien begann im Jahr 1770. Erst 1901 formierten sich die australischen Kolonien zu einem unabhängigen Staat, verbleiben aber bis heute unter der britischen Krone. Weil Australien also noch eine sehr junge Nation mit nur wenigen traditionsreichen Anlässen ist, sind die Leute besonders stolz auf den 157 Jahre alten Melbourne Cup.

Der Schweizer Journalist Christian Fröhlicher, der heute beim Radio SBS in Melbourne arbeitet, glaubt, dass der Event in Zukunft sogar noch wichtiger werden wird: „Da Australien ein klassisches Einwanderungsland ist und hier viele Religionen miteinander leben, verlieren christliche Feiertage wie Weihnachten oder Ostern an Bedeutung. Anlässe wie der Melbourne Cup sind hingegen für alle Konfessionen von Interesse.“

Melbourne Cup ist auch Laufsteg

Kurz nach zehn Uhr - etwa gleichzeitig mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages – kommt Leben in die noch nassen Strassen Melbournes. Menschen pilgern aus allen Himmelsrichtungen zum Bahnhof Flinders Street, dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Millionenstadt. Von hier aus verkehren an diesem Tag Extrazüge beinahe im Minutentakt in den nordwestlich gelegenen Stadtteil Flemington, wo der Melbourne Cup ausgetragen wird.

Die Damen stöckeln in hohen Schuhen, farbigen Kleidern und auffälliger Kopfbedeckung durch die Eingangshalle des Bahnhofs. Immer wieder blitzen an Hals und Armen – scheinbar – teure Halsketten und Uhren auf. Die meisten Herren tragen traditionelle Anzüge, wobei oft mit auffallender Krawatte gepaart, als ob sie den Damen nicht kampflos die ganze Aufmerksamkeit abtreten wollen. Denn der Cup ist auch ein Mode-Event. Es gibt eine eigene Modeschau mit einem Preisgeld von über 340'000 Dollar.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation"

Der "Cup-Day" ist der schönste Tag für viele Australier im Jahr. Über 90'000 Besucher besuchen den diesjährigen Event. Die meisten von ihnen nehmen den Extrazug vom Bahnhof Flinders Street nach Flemington.

Aussies trinken aus Schuh

Eine nicht minder offensichtliche Rolle spielt an diesem Tag der Alkohol. Es scheint, als ob die Kühlschränke eine magische Anziehungskraft auf die Australier hätten. Sobald der erste Fuss aufs Festgelände gesetzt, geht’s zum erstbesten Getränkestand auf dem Fest, um sich ausgiebig mit Bier und Champagner einzudecken.

Das Trinken aus einem Schuh scheint besonders im Trend zu liegen. „Shoey“, nennen das die Australier liebevoll. Man sei nur am Cup gewesen, wenn man einen shoey gemacht habe, sagt ein junger Mann, während er den Inhalt einer Dose in seinen Schuh füllt und diesen einer Kollegin vor die Nase hält. Sie trinkt mit Zug. Die Menge ruft „shoey, shoey, shoey“! Leerer Schuh, voller Erfolg!

Etwas weiter unten auf der Wiese vor der abgesperrten Pferderennbahn suchen die Besucher ein freies Plätzchen Erde. Man wähnt sich an einem Musikfestival: Viele haben Stühle und Picknicktücher mitgebracht, um es sich gemütlich zu machen. Nur sorgen hier in Flemington die Pferde für die Musik – und statt in T-Shirts und kurzen Hosen wird mit Schlips und High Heels gefeiert.

Kurz nach Mittag ist bereits jeder Quadratmeter der Wiese besetzt. Durchkommen wird zum Hindernislauf. Wer erst jetzt anreist, wird sich im Stehen vergnügen müssen. John und Matthew haben mit ihren Freunden einen Platz ganz vorne an der Rennstrecke ergattert. Sie sind seit 8 Uhr auf dem Festgelände und haben dementsprechend schon viel Alkohol intus. „Wir kommen jedes Jahr so früh, um ungestört zu trinken. Und wenn wir für das Rennen nicht mehr aufstehen können, schauen wir es eben im Liegen auf dem grossen Bildschirm“, sagt John und stimmt in das Gelächter seiner Freunde ein. Die schick gekleidete Gruppe ist von Müllsäcken umgeben. Ihr Picknicktuch mit Sauce bekleckert. Rundherum liegen Pommes zerstreut auf der Erde.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation" (2)

Die über 90'000 Zuschauerinnen und Zuschauer suchen sich ein freies Plätzchen auf der Wiese. Schon kurz nach Mittag ist die Fläche vollständig besetzt. Viele haben Picknicktücher und Stühle mitgebracht, um es sich so richtig bequem zu machen. 

Ein Kontrast zu den Menschenmassen auf der Wiese ist der abgesperrte Bereich am anderen Ende der Anlage. „Sorry mate“, murmelt der Mann beim Eingang immer wieder und weist verirrte Gäste ab. Wer hinein will, muss auf der Gästeliste stehen. Denn hier tummeln sich die Reichen und Schönen des Landes und die, die es gerne noch werden wollen.

Zum Beispiel die Gewinnerin der aktuellen Staffel von „Der Bachelor“ in Australien, Laura Byrne. Sie nippt auf einer Yacht, die ein berühmter Champagner-Hersteller extra auf die Wiese gestellt hat, an ihrem Glas. Den Privilegierten steht deutlich mehr Platz zur Verfügung als den übrigen Gästen. Und anstelle von Pommes und Burgern werden ihnen zum Mittagessen Häppchen aufgetischt.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation" (3)

Im abgesperrten Bereich haben die Besucher mehr Platz zur Verfügung. Hier gibt es Champagner und Häppchen umsonst.

„An euch haftet das Blut der Pferde“

Im Gegensatz zum umstrittenen Pferderennen wird die Wettkultur in Australien in der Öffentlichkeit kaum kritisch diskutiert. Die allermeisten Besucher haben schon vor Tagen – und nach langwierigem Fachsimpeln mit Familie und Freunden - ihr Pferd ausgewählt. Besonders beliebt ist „Sweepstakes“, eine Wettart, die vor allem im Freundeskreis oder unter Arbeitskollegen praktiziert wird. Sie ähnelt einer Lotterie, weil man zufällig ein Los zieht und kein Fachwissen benötigt.

Wie viele in Australien einen Wettschein ausfüllen, zeigt eine einmalige Hochrechnung aus dem Jahr 2000: Damals hatten 80 Prozent der Gesamtbevölkerung am „Cup-Day“ auf ein Pferd gesetzt. Nicholas Tzaferis, Mediensprecher von Tabcorp, dem grössten Wettunternehmen des Landes, ist überzeugt, dass diese Zahl heute noch aktuell ist. „Auch Leute, die sonst nie wetten, machen an diesem Tag eine Ausnahme“, sagt er.

Tabcorp verzeichne auf den verschiedenen Onlineplattformen Anfang November Zehntausende neue Anmeldungen. Am „Cup-Day“ selber werden Wetten im Gesamtwert von über 90 Millionen Dollar abgeschlossen. „Der Melbourne Cup ist für unser Unternehmen mit Abstand der umsatzstärkste Tag im Jahr“, sagt Tzaferis. Dabei spiele das Internet eine immer grössere Rolle. In Spitzenzeiten werden online während des „Cup-Days“ über 3000 Wettabschlüsse pro Sekunde registriert.

Doch auch für die Buchmacher vor Ort scheint das Geschäft nach wie vor lukrativ zu sein. Auch noch um 14 Uhr - eine Stunde vor dem grossen Rennen - sind die Schlangen beträchtlich. Da ist zum Beispiel Greg, ein Australier in den Mittzwanzigern. In seinem Freundeskreis sei er die Ausnahme, sagt er. „Ich schätze das romantische Gefühl, am Renntag meine Wette persönlich beim Buchmacher zu platzieren. Das ist mir das Warten wert.“ Ein wenig Aberglaube sei aber auch dabei, weil er online noch nie etwas gewonnen habe.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation" (4)

Die Schlange vor den Buchmachern ist eine Stunde vor dem grossen Rennen immer noch beträchtlich. Und dies, obwohl immer mehr online wetten. 

Eine Stunde später ändert sich die Szenerie schlagartig. Die Schlange vor den Wettbüros hat sich in Luft aufgelöst. Die Festzelte sind wie leergefegt. Noch vor zehn Minuten hatten sich die Besucher auf der Hauptachse des Festgeländes zu Tausenden aneinander vorbeigezwängt. Jetzt wirkt sie wie ausgestorben. Die Stille wird nur von einem konstanten Brummen unterbrochen.

Eine angetrunkene Frau in einem langen, roten Kleid kämpft sich auf ihren hohen Absätzen eine Treppe hinunter ins Oval von Flemington. Hinunter zu den 90'000 Zuschauern. Hier wird das Brummen deutlicher. Aus den Lautsprechern dröhnt die unverkennbare Stimme von Star-Kommentator Craig Willis, die sich ins Gedächtnis vieler Australier eingeprägt hat. Es ist Punkt 15 Uhr. Der grosse Moment. Ein lauter Knall. Die Menge tobt.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation" (5)

Australier drehen durch: Wie es mitten in der Menschenmenge ist, wenn das wichtigste Pferderennen der Welt läuft.

Sohn gewinnt gegen Vater

Exakt drei Minuten und 22 Sekunden später hat der Spuk ein Ende. Mit Rekindling aus Grossbritannien (Wettquote 1:16) gewinnt das jüngste Pferd auf der Bahn. Geritten von Jockey Corey Brown, der bereits seinen zweiten Cup holt. Sein Trainer, Joseph O'Brien, besiegt damit seinen Vater Aidan O'Brien, der den Zweitplatzierten Johannes Vermeer trainiert hat.

Für viele Australier ist das nur Nebensache. Ein Blick auf den Wettschein genügt, um zu erkennen, dass es heuer wieder nichts wurde mit dem grossen Geld. Nur vereinzelt sind Jubelschreie zu hören. Während der siegreiche Besitzer zusammen mit Jockey und Trainer feiert, sitzen sie bereits wieder auf der grünen Wiese – oder was von ihr übrig ist – und stossen miteinander an.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation" (6)

Stimmen von den Zuschauern an der Rennstrecke: Wie gefällt Ihnen der Melbourne Cup?

Zurück am Bahnhof Flinders Street zeigt sich abends ein anderes Bild. Schick gekleidete Männer und Frauen sucht man nun vergebens. Kaum ein glamouröses Outfit hat den Tag schadlos überstanden. Die Rückkehrer torkeln langsam in alle Himmelsrichtungen davon. Nun paarweise. Rekindling und Jockey Corey Brown sind an diesem Novembertag in Melbourne nicht die einzigen Gewinner.

Reportage: Melbourne Cup - "The race that stops a nation" (7)

Zurück am Bahnhof Flinders Street. Ein Australier verteilt Küsschen.

Outfits unter der Lupe:

Das ganze Rennen:

Der Countdown über Aarau und Sydney nach Melbourne:

Melbourne Cup 2017: Countdown

Der Countdown zum Melbourne Cup: Über Aarau und Sydney nach Melbourne

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