Matchanalyse
Eine magische Nacht, aber nur für Italien – Schweizer Nati bleibt beim 0:3 chancenlos

Die Schweizer Nati verliert in Rom ihr zweites EM-Spiel gegen Italien 0:3. Um den Achtelfinal doch noch zu erreichen, braucht es nun einen Sieg gegen die Türkei.

Etienne Wuillemin
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Ciro Immobile tröstet Granit Xhaka nach dem Abpfiff.

Ciro Immobile tröstet Granit Xhaka nach dem Abpfiff.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Eine einzige gute Nachricht gibt es für die Schweiz nach diesem Abend: Noch ist sie an dieser EM nicht ausgeschieden. Noch könnte sie mit einem Sieg am Sonntag gegen die Türkei die Achtelfinals erreichen.

Allein, woher soll der Glaube dafür kommen? Es fällt ziemlich schwer nach diesem ernüchternden 0:3 gegen Italien, das auch ein 0:4 oder 0:5 hätte sein können. Es ist lange her, seit man eine Schweiz gesehen hat, die ihrem Gegner derart unterlegen ist. Eine Schweiz, die von Anfang bis Ende überfordert ist. Die ohne Leidenschaft agiert. Ohne Tempo. Ohne Geradlinigkeit. Als hätte sie keinen Plan, wie sie der übermächtigen blauen Macht entgegentreten kann.

Italien-Schweiz, das sind die besten Bilder

Das war zu wenig: Xherdan Shaqiri und Co. haben gegen Italien keine Chance.
12 Bilder
0:3-Klatsche: Granit Xhaka und Manuel Akanji sind konsterniert.
Die Italiener sind den Schweizern von Anfang an krass überlegen.
Selten kommen die Schweizer zu Chancen. Hier vergibt Zuber.
Entsprechend unzufrieden: Nati-Trainer Vladimir Petkovic.
Die Schweizer können nur zuschauen, wie Locatelli zum 2:0 einnetzt.
Freulers Gesichtsausdruck beschreibt die Leistung der Schweizer treffend, während der Doppeltorschütze zum Jubeln abdreht.
Wenn du zerrst, zerr ich eben auch: Embolo und Acerbi im Zweikampf.
Die tragische Figur der ersten Halbzeit ist Italiens Kapitän Giorgio Chiellini (links). Sein Tor zum 1:0 wird wegen Handspiels aberkannt. Wenig später muss er verletzt vom Feld.
Inbrünstig singen die Schweizer Fans die Nationalhymne.
Gute Stimmung vor dem Match.
Schon in der Stadt fielen die Schweizer auf.

Das war zu wenig: Xherdan Shaqiri und Co. haben gegen Italien keine Chance.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Nach der Nations League im Herbst 2020 und den drei Unentschieden gegen Spanien und Deutschland (2x) dachten die Schweizer, sie seien der Weltspitze einen Schritt näher gekommen. Sie wollten nun an der EM darum auch die Italiener ärgern. Es ist beim Willen geblieben. Italien hat der Nati mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit die Grenzen aufgezeigt.

Wo waren die Stürmer?

Klar ist: Gegen die Türkei braucht es eine gewaltige Steigerung. Am besten von allen. Besonders aber von Xhaka, der das Spiel endlich in die Hand nehmen muss. Von Rodriguez, der weit entfernt ist von seinen besten Tagen. Von Shaqiri auch, der an dieser EM noch keinen einzigen glanzvollen Moment hatte. Und natürlich von den Stürmern. Ob Seferovic, Embolo oder Gavranovic – sie alle sind am Mittwoch unsichtbar. Vielleicht braucht es diese Ausgangslage ja, diese Angst vor dem vorzeitigen Scheitern, damit die Schweizer endlich auftauen.

Mit einem Sieg könnten sie auf vier Punkte kommen. Damit wäre die Nati mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zumindest unter den besten Gruppendritten. Falls Wales gegen Italien verliert (je höher desto besser), könnte auch der Sprung auf Rang 2 noch gelingen. Aber eben: bereits ein Unentschieden gegen die Türkei würde das Aus bedeuten.

Und dann verzehrt Italien seine Beute genüsslich

Genau fünf Minuten lang spielen die Schweizer so, wie sich das Petkovic vorstellt. Ein paar schöne Ballstafetten springen dabei heraus. Mehr nicht. In diesen Momenten ahnt man noch nicht, wie frustrierend dieser Abend wird.

Zehn Minuten warten die Italiener ab. Schauen sich ihren Gegner an, wie die Schlange das Kaninchen. Und verzehren dann ihre Beute genüsslich.

Zunächst haben die Schweizer noch Glück, weil Immobile aus sieben Metern und völlig unbedrängt übers Tor köpft. Nach 19 Minuten kommt die erste ­Gefühlsexplosion im «Olympico». Italiens Captain Giorgio Chiellini trifft nach einem Eckball. Das Problem ist nur, dass er Akanji wegdrückt und dabei den Ball erst noch mit der Hand spielt. Der Videoschiedsrichter greift ein. Italien muss weiter warten.

Nach Chiellinis Tor jubelten die Italiener erstmals – aber noch vergeben.

Nach Chiellinis Tor jubelten die Italiener erstmals – aber noch vergeben.

Claudio De Capitani / freshfocus

Fünf Minuten später meldet sich Chiellini ab, lässt sich auswechseln. Die Fans bangen, hoffen, dass er es mehr aus Vorsicht tut, denn wegen einer ernsthafteren Verletzung.

Es läuft die 26. Minute. Und jetzt passiert das Unvermeidliche. Weil die Schweizer erdrückt werden von der blauen Wucht. Weil sie nie wissen, was gerade passiert auf dem Platz. Manuel Locatelli spielt einen weiten Ball auf Berardi. Dieser nimmt Tempo auf, umkurvt Rodriguez ohne jede Mühe. Spielt wunderbar in die Mitte – wo Locatelli seinen Sprint in die gefährliche Zone vollendet und nur noch den Ball über die Linie drücken muss.

Locatelli hat den Ball im Tor versorgt.

Locatelli hat den Ball im Tor versorgt.

Riccardo Antimiani / AP

Eine Schweizer Reaktion? Fehlanzeige. Bei den wenigen Konteransätzen bleiben die Bälle stets an einem Bein hängen. Derweil beeindruckt Italien. Da ist Tempo. Da ist Bewegung. Da ist Präzision. Da ist Ballsicherheit. Da ist Leichtigkeit. Und ja, auch Gelassenheit, wenn es einmal von Nöten ist.

Die «Gazzetta dello Sport» schrieb vor dem Spiel: «Vorwärts Italien, auf eine weitere magische Nacht!» Genau so ist es gekommen. Und die Schweiz? Sie muss feststellen, dass nach der Pause alles nur noch schlimmer wird. Nach 52 Minuten ist es wieder Locatelli, der sich den Ball vor dem Strafraum zurechtlegen und einschiessen darf – 2:0. Die Schweizer schauen hilflos zu. Eine einzige Chance zum Anschluss hat die Nati danach, durch Zuber. Er nutzt sie nicht. Im Gegensatz zu Ciro Immobile, der kurz vor dem Ende sogar noch zum 3:0 trifft. Spätestens da wird jedem Schweizer klar: Es muss viel passieren, damit diese EM nicht zur totalen Enttäuschung wird.

Nati-Fans in Rom nach Niederlage bitter enttäuscht.

Video: Detlev Munz