Fussball

Marcel Koller: «Alles andere ist beschissen, um ehrlich zu sein»

FCB-Cheftrainer Marcel Koller hat den Blick auf seinen ersten Cupfinal als Trainer gerichtet.

Als Trainer ist Marcel Koller noch nie im Cup-Final gestanden, als Spieler jedoch schon. Der Mann an der Seitenlinie beim FC Basel spricht über seine Zeit als Spieler und als Trainer, das Cup-Trauma, wieso er Spieler nervt und was heute der grösste Fehler wäre.

Haben Sie ein Cup-Trauma?

Marcel Koller: Ich? Weil ich als Trainer noch nie in einem Cupfinal gestanden habe?

Und weil Sie auch sonst als Trainer im Cup eine überschaubare Bilanz haben.

Jetzt musste ich erst überlegen, wie weit ich es denn jeweils geschafft habe (lacht). Mit Wil war ich im Halbfinal – mit einem Zweitligisten notabene. Mit Köln bin ich im Achtelfinale im Penaltyschiessen rausgeflogen. Da wollte niemand Penalties schiessen (überlegt weiter). Aber ja, jetzt bin ich ja wieder im Halbfinal. Es wurde Zeit! (lacht) Aber als Spieler habe ich den Cup fünf Mal gewonnen. Der Cup ist zum Gewinnen da. Und mit dem FCB haben wir jetzt schon vier Finals gewonnen. Heute kommt der fünfte.

Der Cuptitel gilt als jener, der am einfachsten zu holen ist.

Nein, um ihn zu gewinnen ist er nicht am einfachsten. Aber er ist der einfachste Weg, um international dabei zu sein. Wobei das bei uns ja jetzt auch wieder nicht gilt. (Der zweite Platz wird höher gewertet als ein Cuptitel, weshalb der FCB auch bei einem allfälligen Cupsieg nicht direkt in der Europa League mitspielen darf, sondern wie im vergangenen Jahr in der Champions-League-Qualifikation antreten muss, Anm.d.Red.)

Als Spieler konnten Sie den Cup fünf Mal gewinnen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Bei meinem ersten Cupsieg gab es sogar zwei Spiele. Gegen Servette haben wir im Hinspiel 2:2 nach Verlängerung gespielt. Da waren wir eigentlich die schlechtere Mannschaft.

Aber Andi Egli hat GC in der 117. Minute der Verlängerung mit dem Ausgleich ins Wiederholungsspiel gerettet.

Ja, der Egli. Das Rückspiel konnten wir dann 3:0 für uns entscheiden. Einen Titel zu holen ist immer schön. Es ist das, was man das ganze Jahr über anstrebt. Die Meisterschaft ist natürlich in einer gewissen Weise wertvoller, aber auch einen Cuptitel nimmt man gerne mit. Ich habe an alle Titel schöne Erinnerungen. Der Erste ist natürlich noch etwas Spezieller, aber Titel sind am Ende das, was bleibt.

War es noch spezieller, als Sie später als Captain den Pokal als Erster entgegennehmen konnten?

Ja, das ist natürlich noch einmal ein anderes Gefühl, wenn du den Kübel als Erster bekommst, ihn hochstemmen kannst und auch den ersten Schluck Champagner nehmen darfst.

Können Sie von den Erfolgen als Spieler von damals etwas adaptieren auf Ihren Job als Trainer heute? Gewisse Methoden Ihrer Trainer zum Beispiel?

Nein, ich bin jetzt ja auch schon lange dabei. Man kann das nicht mehr mit damals vergleichen. Am Ende trage ich zusammen mit meinem Trainerteam die Verantwortung. Wenn der Plan für mich passt, kann ich es vermitteln. Aber die Spieler müssen ihn auch begreifen. Ich kann während dem Spiel nicht eingreifen. Ich kann nur reinrufen oder Wechsel vollziehen. Das Tor aber kann ich nicht selber schiessen oder den Pass selber spielen. Für immer neue Situationen eine Lösung zu finden ist das Schwierigste als Trainer. Bei uns ist es nicht wie bei Schauspielern, wo Szenen wiederholt werden können und der Ball immer wieder am selben Punkt landet. Wir müssen flexibel sein.

Wie fest kitzelt es Sie manchmal, selber noch ins Spiel einzugreifen?

Das hat man schon auch noch. Aber nur, bis ich mein Knie wieder spüre (lacht).

Beim FCB fokussiert sich alles auf den Cup, der Meistertitel ist futsch. Wann haben Sie das zu realisieren begonnen? Bereits im Winter, als der Rückstand auf YB bereits beträchtlich war?

Nein gar nicht. Wir haben uns auch da noch vorgenommen, Spiel für Spiel zu nehmen. Aber wir wussten, dass unsere Ideen nicht in zwei, drei Wochen umgesetzt werden können. Die Rückrunde ist klar besser als die Hinrunde. Aber wenn man den Titel verpasst, dann hat etwas nicht gepasst, das ist so. Jetzt ist die Meisterschaft abgeschlossen, und es geht darum, zu sehen, wo die Mentalität dieser Mannschaft und jedes Einzelnen ist. Lässt er sich hängen, weil er denkt, es ist eh vorbei? Oder beisst er durch und will trotzdem noch alles gewinnen in der Meisterschaft?

Im Cupspiel in Sion hat Ihr Team diese Mentalität gezeigt, als es das Spiel noch drehen konnte.

Ja, das war wichtig, das positiv zu überstehen. Im Cup muss man immer im Hinterkopf haben, dass man mit einem Unentschieden eine Verlängerung und allenfalls ein Penaltyschiessen erreicht. Dann hat man nochmal eine Möglichkeit das Spiel zu gewinnen.

Sie haben eingangs gesagt, dass in Köln keiner schiessen wollte. Haben Sie diesbezüglich für Donnerstag schon vorgebeugt und Spieler bestimmt?

Das schauen wir dann nach einer allfälligen Verlängerung, weil auch noch nicht klar ist, wer denn alles noch auf dem Platz stehen würde. Es gibt Spieler, die bereits angemeldet haben, dass sie schiessen. Aber gewisse haben auch schon abgewinkt. Aber ich denke, ich habe mehr Penaltyschützen als in Köln damals (lacht).

Zu welcher Gruppe gehörten denn Sie jeweils? Hatten Sie den Mut, zu schiessen?

Ich habe schon ab und zu geschossen – aber auch ab und zu verschossen. Das verfolgt dich dann ein paar Tage.

Wie wichtig ist es, noch ein oder zwei Spiele zu haben, in denen es noch um etwas geht, um die Spieler für den Rest der Saison bespassen zu können?

Natürlich hilft es, die Spannung hochzuhalten. Aber wir müssen die Spieler nicht bespassen. Das ist ihr Job. Wenn man keine Spannung hat, verletzt man sich auch eher. Hinzu kommt, dass immer viele Leute ins Stadion kommen und kein Team sehen wollen, das sich hängen lässt. Die Fans haben bezahlt, um vollen Einsatz und ein gutes Fussballspiel zu sehen.

Sie betonen immer wieder, dass eine Mannschaft sechs Monate braucht, um die Botschaft eines neuen Trainers zu verstehen. Sie sind bereits acht Monate in Basel. Haben Sie das Gefühl, die Mannschaft weiss mittlerweile, was Sie wollen?

In vielen Situationen, ja. Das sieht man ja auch in den Resultaten, welche viel besser sind als noch in der Hinrunde. Dass es ein paar Dinge drin hat, die noch nicht klappen, ist normal.

Stichwort Torabschluss.

Da geht es um Erfahrung und Bewusstsein, ja. Aber so viele Torchancen heraus zu spielen ist auch ein Plus und eine gute Chance, ein Spiel für sich zu entscheiden. Der finale Touch muss einfach noch besser werden.

Wo sehen Sie denn, dass sie Mannschaft umsetzt, was Sie fordern?

An der Art wie wir spielen und trainieren. Sowohl in der Defensivarbeit - wie kompakt wir stehen, wie wir agieren, wenn wir den Ball nicht haben – als auch wie wir den Ball laufen lassen und uns Chancen kreieren. Auch wenn wir im Moment noch zu wenig Tore erzielen.

Sie setzen konsequent auf ein 4-2-3-1. In dieser Phase der Meisterschaft könnte man auch systemtechnisch experimentieren, beispielsweise auch mal einen Doppelsturm bringen. Wieso verzichten Sie darauf?

Wir sind überzeugt, dass das, was wir spielen, gut ist. Wenn du etwas Neues machst, hast du vielleicht eine Möglichkeit mehr, aber ich sage immer: Ich kann etwas Neues einüben, aber das tun alle anderen Mannschaften schon. Wir haben Stabilität in unserem System, da können die anderen machen und tun, was sie wollen. Denn wenn wir defensiv gut verteidigen, dann spielt es keine Rolle, ob sie mit sechs Verteidigern oder drei Stürmern antreten. Es liegt am Ende an uns. Bayern München oder Barcelona wechseln auch nicht jede Woche ihr System. Flexibilität zu haben ist gut, aber es muss nicht immer sein.

Es gab aber Zeiten in Basel, wo genau nach dieser taktischen Flexibilität geschrien wurde.

Aber Sie sagen es ja schon: Es wurde danach geschrien, von den Leuten und den Medien. Ich aber bin überzeugt von dem, was wir machen. Ich muss nicht nur machen, wonach die Leute schreien. Schliesslich arbeite ich täglich mit diesen Spielern zusammen. Systeme sind heutzutage auch Spielereien, in denen man sich nicht verlieren darf.

Sie sprechen die tägliche Arbeit an. Diese war nicht immer leicht in dieser Saison, es gab eine Revolte, die nach Aussen getragen wurde. Wie ist der Alltag momentan?

Es war auch vorher gut und ist es auch jetzt noch. Auch sich auf der zwischenmenschlichen Ebene kennen zu lernen braucht Zeit. Das ist schwieriger, wenn man mitten in einer Saison dazu stösst. Wenn man diese Möglichkeit in einem Trainingslager oder in der Vorbereitung hat, ist alles automatisch ruhiger, als wenn du irgendwann rein geworfen wirst.

Wie wichtig wäre für Sie ein Cuptitel, um Bestätigung zu haben, dass Ihre Arbeit fruchtet?

Natürlich täte der Cuptitel gut und ist wichtig. Und ich will den auch. Aber ich denke, Ludovic Magnin möchte ihn auch.

Die Bilanz für Sie als FCB-Trainer in dieser Saison hängt stark vom Abschneiden im Cup ab. Holen Sie den Titel, kann die Saison doch noch als einigermassen positiv abgehakt werden. Passiert das Gegenteil, haben Sie alle Ziele verpasst. Empfinden Sie es als unfair, Sie an diesem Titel aufzuhängen?

Ich bin Keiner, der urteilen mag, ob etwas fair oder unfair ist. Es ist wohl so, dass die Aussenwahrnehmung nun einmal so ist. Das muss ich zur Kenntnis nehmen.

An was beurteilen Sie denn, ob Sie eine erfolgreiche erste Saison hier hatten oder eben nicht?

Das hängt nicht vom Cup ab. Für einen Verein wie den FCB ist es wichtig, Titel zu gewinnen. Aber für eine Beurteilung ist das ganze Jahr wichtiger als nur diese sechs Spiele. Wir haben anfangs gesagt, dass wir zu wenig Power haben. Das haben wir geändert. In der Rückrunde haben wir noch kein Spiel verloren. Auch daran sieht man, dass etwas passiert ist. Wir haben ausserdem junge Spieler integriert und gesehen, dass sie weiter sind als damals, als wir übernommen haben. Das sind Prozesse, die man beurteilen sollte. Nicht nur wo wir gewonnen und wo wir verloren haben oder wie viel Abstand wir haben.

Heisst das auch, dass Ihnen das öffentliche Urteil zu schwarz-weiss-denkerisch ist?

Das gibt es immer, ja, weil es relativ einfach ist.

Bedeutet für Sie eine Entwicklung eines jungen Spielers wie Noah Okafor also mehr, als noch ein, zwei Spiele mehr zu gewinnen?

Es ist beides wichtig. Spiele wie den Cup-Halbfinal muss man gewinnen, das müssen auch die Jungen lernen. Dieses Bewusstsein, dass man einen Titel holen kann, müssen sie auch bekommen. Es sind noch zwei Schritte, den ersten müssen wir heute machen. Dann kommt das Finale. Beide Spiele sind dazu da, gewonnen zu werden. Alles andere ist beschissen, um ehrlich zu sein. Aber wir müssen es schaffen, genau an dem Tag zu dem Zeitpunkt die genau richtige Leistung auf den Platz zu bringen.

Das ist dieses Bewusstsein, welches Sie immer wieder ansprechen. Wie entwickelt man dieses?

Das hat viel mit Erfahrung zu tun. Wenn wir Noah als Beispiel nehmen: Er muss sich bewusst sein, dass es nicht mehr Juniorenfussball ist. Man muss bereit sein, wach sein, und wissen, was man machen und wohin man verschieben muss, wenn man den Ball mal nicht hat. Es muss sich einbrennen. Wenn es nicht ankommt, muss ich den Jungen eben auf den Nerv gehen und es wiederholen. Immer wieder.

Wie nehmen Sie die Mannschaft den aktuell wahr? Ist die Atmosphäre anders als vor einem 30. Meisterschaftsspiel in Sion?

Nicht gross, nein. Wir sind fokussiert aber nicht nervös. Ich sitze im Bus auch nicht auf einem anderen Platz oder ändere sonst etwas in der Spielvorbereitung.

Spüren Sie aber ein Brennen auf dieses Spiel? Immerhin ist es seit langem wieder eines, das Bedeutung hat.

Wenn du dieses Brennen zu sehr hoch pusht, bist du gefangen. Es ist besser, es ruhig angehen zu lassen. Wir wissen, was wir können und das müssen wir abrufen. Wenn wir das tun, dann sind wir gut. Wenn ich aber hier oben (Koller zeigt auf seinen Kopf) überdrehe, dann – so meine Erfahrung –habe ich die Ruhe nicht, schwierige Situationen im Spiel zu erkennen und zu wissen, wo es was braucht. Man muss heiss sein, scharf sein, jedes Spiel gewinnen wollen, das ist klar. Dazu braucht es Emotionen. Aber wenn man zu emotionsgeladen ist, kann man auch untergehen.

Zürich hat einen Negativlauf. Wie viel einfacher oder schwieriger macht das dieses Cupduell?

Es wird entscheidend sein, dass wir uns davon nicht einlullen lassen. Wen wir denken, wir können locker auf den Platz gehen, da bei ihnen aktuell eine kleine Unruhe herrscht, wäre das der grösste Fehler, den wir machen können.

Sie sind noch zwei Schritte von Ihrem ersten Cuptitel als Trainer entfernt. Was fehlt Ihnen abgesehen davon eigentlich in Ihrer Trainerkarriere eigentlich noch?

Die Champions League.

Die wollte mit Paulo Sousa schon einmal ein Trainer hier gewinnen.

Dabei zu sein als Trainer würde schon einmal reichen. Mit St. Gallen sind wir in der Quali leider knapp gescheitert. Da sind die besten Mannschaften dabei, es herrscht ein unglaubliches Tempo. Die eigene Mannschaft damit vergleichen zu können, wäre schon sehr spannend.

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