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Liebes Tagebuch, ich spreche alltägliche Gegenstände wie ein englischer Fussballkommentator aus

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Eishockey-WM abgesagt. Fussball-EM abgesagt. Olympische Spiele abgesagt. Freizeitsport verboten. Die Sportwelt steht still. Was macht das mit uns? Lesen Sie in unser Tagebuch.

Tag 6: Samstag, 28. März

Liebes Tagebuch. Ich spreche alltägliche Gegenstände wie ein englischer Fussballkommentator aus.

Ich hatte Langeweile, besuchte Youtube und schaute mir Videos an, die man sich halt so ansieht, wenn man Langeweile hat. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass sich jeder halbwegs normale Mensch in regelmässigen Abständen das Elfmeterschiessen des Champions-League-Endspiels 2001 zu Gemüte führt. Oder Wayne Rooneys Siegtreffer gegen Milan im Halbfinal 2007. Allgemeinwissen. Man weiss, wer die sieben Bundesräte sind. Weiss, was Rezession bedeutet und wie die Hauptstadt von Australien heisst.

Und man weiss, was sich am 12. Mai 2013 an der Vicarage Road zugetragen hat.

Rückspiel im Halbfinal-Playoff der zweithöchsten englischen Spielklasse. Watford gegen Leicester. Leicester gewann das Hinspiel mit 1:0. Weil es nach 96 Minuten 2:1 für Watford steht, wären die Foxes aufgrund der Auswärtstorregel im Final um den letzten Premier-League-Platz. Leicesters Anthony Knockaert tritt gleich einen Elfmeter. Niemand glaubt ernsthaft daran, dass Watford das Ding noch dreht.

Doch Torwart Manuel Almunia pariert Strafstoss und Nachschuss. Befreiungsschlag. Der eingewechselte Fernando Forestieri kommt im rechten Couloir an den Ball, flankt in den Strafraum, wo Jonathan Hogg auf den heransprintenden Troy Deeney zurücklegt.

«Deeneeeeeeey!», ruft der Kommentator. Und dieser Deeney zimmert den Ball mittels Dropkick unter die Latte. Ekstase, die Zuschauer stürmen den Rasen. Watford ist weiter. Diese knappe halbe Minute reicht, um begreiflich zu machen, wie bittersüss und grossartig und wunderschön der Fussball sein kann.

Nun ja. Am Nachmittag frage ich meine Freundin, ob sie ein «Käfaleeeeeeeeey» wolle. Und abends, beim Znacht, mustere ich das selbstgemachte Bananenbrot. Ich halte inne, hole tief Luft. Und sage: «E herrlichs Bananebrötleeeeeeeeeey.»

Tag 5: Freitag, 27. März

Liebes Tagebuch. Gestern lag ich neben meiner Freundin im Bett. Träge vom sinnsuchenden Alltag und dem dritten Glas Weisswein. Wir hörten «The Scientist» von Coldplay. Das Selbstmitleid des ziellosen Sportjournalisten im Frühjahr 2020.

Sie fragte, wie es mir ginge.

«Es tuät eifach verdammt weh weg äm FC Sanggalle.»

«Da hesch mir imfall di letzte drü Nächt scho gseit.»

Ich nehme dem Virus nicht übel, dass er mir Fussballeuropameisterschaft und Olympia nimmt. Ich arrangiere mich erstaunlich schnell mit allem und jedem. Jessicas Laufpass oder die missratene Semesterprüfung. Vergessen und vergeben, wenn ein bisschen Gras über Sache und Fussballplatz gewachsen ist. Ich bin kein nachtragender Mensch. Nicht, dass ich jemandem bewusst eine zweite Chance zugestehe. Ich bin einfach zu faul für Rachefeldzüge. Und überdies viel zu harmoniebedürftig.

Aber dass das Virus den St. Galler Meistertitel verhindert, macht mich sauer.

Heute habe ich mich dabei ertappt, wie ich «FCSG YB 3 3» bei Google eintippe. Ich schaue mir Zusammenfassungen und Handyvideos an. Sehe ein Spiel, das hin und her wog. Das sich schliesslich aufbaute wie eine Welle. Nach der Flut kam die Ebbe. Leider nicht der Schalker Stürmer.

Ich stelle fest, dass ich seit drei Tagen im selben Trikot (Sunderland, Cattermole, Nummer acht) herumlaufe. Und seit sieben Tagen Trainerhosen trage. Ich sollte sie und mich mal waschen. Es ist, als wolle ich die Zeit anhalten. Ich höre Bon Ivers «Blood Bank» in der Dauerschleife. Weil ich es hörte, als der FCSG die Grossen ärgerte und an die Spitze stürmte. Es ist mein Soundtrack der Schweizer Fussballrevolution. Es ist die Zeitkapsel vom Herbst 2019.

Es wird auch heute Nacht wieder schmerzen.

Tag 4: Donnerstag, 26. März

Liebes Tagebuch. Heute war ich auf Twitter. Dort, wo sich Wut- und Gutbürger treffen und beleidigen. Dort, wo ich zufrieden feststelle, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die unausgeglichener sind als ich.

Gegenwärtig zählen Nutzer vier Spieler auf, dank denen sie den Fussball lieben. Und nominieren drei Personen, um es ihnen gleichzutun. Die sogenannte Timeline ist nun voll von früheren Fussballern. Es ist wunderbar. Baggio, Beckham, Bergkamp. Wir kennen den verschossenen Elfmeter Baggios an der Weltmeisterschaft in den USA. Wir kennen Beckhams Freistoss gegen Griechenland in Manchester. Und wir kennen Bergkamps Pirouette gegen Newcastle. Diese Geschichten sind geschrieben.

Wir haben nun Zeit, uns zu erinnern.

Frederic schreibt mir, er wünsche sich, es sei wieder 2007. Wir schwelgen ein bisschen. Paul Freier und Diego Klimowicz. Aachener Tivoli und Bielefelder Alm. Als am Mittwochnachmittag noch frei war. Und die Welt in Ordnung, wenn Simona bei MSN schrieb. Ich sehe mir die Verlängerung des DFB-Pokalfinals 2007 an. Weiss Gott, warum. Ich bin ein bisschen rührselig.

Wenn ich mit meinen Freunden am Open Air, diesen vier Tagen in einer temporären Zeltstadt, beschwipst von Bier und Musik, zusammensitze, sprechen wir fast ausschliesslich über unsere Zeit bei den Junioren. Über das Wochenende in Poschiavo, wo mitten auf dem Platz ein Schacht lag. Über das Geschoss aus vierzig Metern, das einmal ein Schlenzer von der Strafraumgrenze war. Über das herrlich herausgespielte Siegtor gegen Chur in der Nachspielzeit, das doch eigentlich in der 88. Minute mittels Abstauber fiel. Liebe macht bekanntlich blind.

Sport ist die stete Hoffnung auf etwas, das bleibt. Er endet nicht mit einem Pfiff, einer Sirene oder Zielflagge. Er lebt weiter. Auch jetzt ein bisschen. In Kopf und Herz.

Tag 3: Mittwoch, 25. März

Liebes Tagebuch. Mir fehlt der Sport, mir fehlt sein Rhythmus. Dienstag- und Mittwochabend Champions League. Donnerstags vielleicht Europa League. Je nach Beziehungsstatus. Samstags um halb vier Bundesligakonferenz. Am Sonntag ins Stadion und abends das Sportpanorama.

Jetzt ist es still. Kein Taktgeber, kein Solist. Kein Chor. Kein Toni Kroos und kein Lionel Messi. Keine lärmende Kurve. Seit über einer Woche läuft kein Sport, werden keine Geschichten geschrieben. Wir schreiben nun Geschichte, in dem wir zu Hause bleiben.

Ich vermisse die Stimmung im Stadion.

Ich vermisse die Stimmung im Stadion.

Draussen blühen unverblümt die Blumen. Ein bisschen Hohn. Zu Hause riecht es nach Bratpfanne und Meister Proper. Und nicht nach dem Schweiss der Umkleidekabine und abgestandenem Bier. Ich höre den Dampfabzug und die Waschmaschine. Und nicht das Quietschen der Turnschuhe auf dem Plastik der Sporthalle.

Mir fällt viel ein und auf. Und die Decke auf den Kopf.

Tag 2: Dienstag, 24. März

Liebes Tagebuch. Ich habe zu wenig Geld, um mir den «Football Manager 2020» zu kaufen. Und ich habe viel zu wenig Geld, um mir den FC Wil oder Neuchâtel Xamax zu kaufen. Also befreie ich meinen alten Computer von Staub und seltsamen Suchverläufen. Und lege «Fussball Manager 14» ein.

Zeit meiner beruflichen Karriere war ich Lehrling oder Praktikant. Nun bin ich die wichtigste Person bei der Borussia aus Mönchengladbach. Nach zwei Minuten verhandle ich mit Frank Lampard über einen haarsträubend lukrativen Vertrag und habe den Ausbau der Haupttribüne in Auftrag gegeben. Nach zwei Minuten bin ich dem Grössenwahn verfallen. Doch das Geld reicht nicht, um in der Defensive nachzurüsten. Im Abwehrzentrum sind der vollkommen talentfreie Roel Brouwers und der maximal grundsolide Tony Jantschke gesetzt. In der ersten Pokalrunde scheitere ich auswärts in Rostock.

Nach zwei Minuten verhandle ich mit Frank Lampard.

Nach zwei Minuten verhandle ich mit Frank Lampard.

Erneut kommt das Abendessen zur Unzeit. Das lasse ich meine Freundin auch wissen. Erzähle, dass ich jetzt da sein müsse für «mini Jungs». Dass ich euphorisch ausführe, wie ich mit der Mannschaft einen Freizeitpark besuchte (und dafür zwei Moralpunkte sammelte), mag zwar etwas befremdlich klingen. Aber ihre Gleichgültigkeit verletzt mich. Ich kehre zurück an den Computer.

Tag 1: Montag, 23. März

Liebes Tagebuch. Ich lade mein Handy öfters auf. Ich kämpfe im «Quizduell» gegen meinen Kollegen Simon, ernte Weizen bei «Hay Day» und sehe auf Instagram Fussballer, die mit Klopapier jonglieren. Heute habe ich in der App «Score! Hero» drei Franken investiert. Und wohl den vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Ich bin dauernd am Handy.

Ich bin dauernd am Handy.

«Ligretto» mit meiner Freundin und ihrer kleinen Schwester. Ich spiele mit einem besorgniserregenden Ehrgeiz. Ich lege die Karten nicht in die Mitte, ich werfe sie. Ich verliere meistens.

Später lerne ich das Kartenspiel «Drecksau». Ich gewinne die ersten beiden Runden, ehe meine Freundin die Einnahme des Znachts durchsetzt. Ich bezichtige sie des unehrenhaften Kalküls. Es kann kein Zufall sein, dass wir genau jetzt essen. Im Laufe des Abends wiederhole ich diesen Verdacht. Anfangs lacht sie noch höflich, irgendwann ist sie genervt. Und ich erschrecke, weil mein Selbstvertrauen inzwischen abhängig ist von der Wahrnehmung eines Doppelsieges beim Kartenspiel.

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