Fussball
Lichtsteiner: «Ich lebe damit, auf dem Platz keine Freunde zu haben»

Am Samstag findet in Berlin der Final der Champions League statt. Mit dabei ist mit Stephan Lichtsteiner auch ein Schweizer. Im Interview spricht er über Träume in der Kindheit, den italienischen Fussball und die Zukunft seiner Karriere.

Lukas Plaschy
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Gibt immer hundert Prozent: Stephan Lichtsteiner ist auf dem Fussballplatz ein anderer Mensch als daneben.

Gibt immer hundert Prozent: Stephan Lichtsteiner ist auf dem Fussballplatz ein anderer Mensch als daneben.

Keystone

Stephan Lichtsteiner, wie viele Ticketanfragen bekamen Sie von Freunden und Verwandten für den Final in Berlin?

Lichtsteiner: Viele! (lacht.) Ich habe sie zwar nicht gezählt, aber es waren sicher über 100.

Können Sie momentan noch einen Schritt vor die Haustür machen, ohne gleich von den Tifosi belagert zu werden?

Die Erwartungen sind riesig. Unsere Fans wollen, dass wir den Titel holen. Alle reden nur noch vom Final. In Turin ist es noch okay, auch wenn viele Fotos mit mir machen wollen.

Wird Ihnen diese «Selfie-Manie» der Fans manchmal zu viel?

Ich kann dem Rummel schon aus dem Weg gehen oder ihn zumindest etwas steuern. Nach einer 45-minütigen Autogrammstunde sollten die Tifosi aber verstehen, dass es nun genug ist. Sogar auf dem Spielplatz kommen Fans auf mich zu. Meine Tochter Kim meint dann jeweils scherzhaft: «Oh, Papa, schon wieder Fotos!»

Der Champions-League-Final ist Ihr 50. Match in dieser Saison. Wie schaffen Sie es, die mentale Spannung aufrechtzuerhalten?

Die Italiener sagen «vincere aiuta a vincere», zu Deutsch etwa «Gewinnen hilft, um zu gewinnen.» Titelgewinne machen alles einfacher. Für Europacup-Spiele braucht es sowieso keine spezielle mentale Vorbereitung. Gegen Real oder Bayern München bist du im Kopf automatisch bereit. Gegen Mannschaften wie Cesena oder Cagliari in der Serie A ist es ungleich schwerer.

Liess die Konzentration nach dem Titel in der Meisterschaft nach?

Klar, wenn du danach ein Spiel hast, wo es für dein Team um nichts mehr geht, sagst du sicher mal zu dir, «in einem wichtigen Spiel wäre mir dieser Fehler nicht passiert».

Sie sind nun 31 Jahre alt, waren in Ihrer Karriere nie schwer verletzt, und rennen auf dem Feld wie ein 20-Jähriger. Was ist Ihr Rezept, um so lange auf hohem Niveau spielen zu können?

Die genetischen Voraussetzungen sind bei mir sicher gut, daneben braucht es die richtige Ernährung und genügend Schlaf. Ganz wichtig finde ich auch, dass man ausserhalb der eigentlichen Trainingseinheiten Übungen im Kraftraum macht. Vor allem für die Rumpfstabilität. Das zahlt sich auf Dauer aus. Zudem bin ich ein Bewegungsmensch, liege in den Ferien nicht nur herum, sondern gehe wandern oder spiele Tennis.

Wie viele Stunden Schlaf brauchen Sie?

Rund neun Stunden. Um 23 Uhr bin ich normalerweise im Bett. Zum Glück habe ich zwei liebe Kinder, die mich in der Nacht schlafen lassen (schmunzelt).

Sie haben in diesem Jahr Ihren Vertrag bei Juventus um weitere 2 Jahre (mit einer Option bis 2018) verlängert. Kehren Sie danach in die Schweiz zurück?

Mal schauen. Ich bin seit zehn Jahren im Ausland und ausser in der zweiten Saison bei Lille immer Stammspieler gewesen. Mit 33 muss ich dann sehen, wie fit ich bin. Ich hoffe aber, dass ich noch das eine oder andere Jahr anhängen kann.

Sie wirken auf dem Platz immer sehr aggressiv gegenüber Gegnern und Schiedsrichtern. Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu, wenn sie am TV sieht, wie Ihnen während des Spiels die Galle hochkommt?

Meine Frau weiss, wie das Spiel funktioniert und versteht, dass ich auf dem Feld bewusst anders bin. Fussball ist letztlich ein Sport, der stark auf Zweikämpfen und Duellen basiert. Ich habe mich damit arrangiert, dass ich auf dem Platz nicht viele Freunde habe. Du kannst es nicht allen recht machen. Gibst du nicht 100 Prozent, ist es falsch, gibst du 100 Prozent und setzt dich auch mit Worten fürs Team ein, ist es auch nicht recht.

Wie meinen Sie das?

Die gegnerischen Fans haben natürlich keine Freude, wenn du in der 89. Minute mit Krämpfen am Boden liegst. Eine gewisse Schlitzohrigkeit gehört aber zum Fussball.

Diesen Samstag können Sie die wichtigste Klubtrophäe auf der Welt gewinnen. Haben Sie damals als kleiner Junge im luzernischen Adligenswil von solch einem Moment geträumt?

So etwas träumst du nicht.

Sie hatten nie einen bestimmten Spieler oder ein Team als Vorbild?

Nein, ich mochte viele Mannschaften und hatte kein bestimmtes Idol. Was mich immer fasziniert hat, waren die Trophäen. Als ich als kleiner Bub den WM-Final zwischen Italien und Brasilien 1994 oder europäische Endspiele am Fernsehen sah, entwickelte sich in mir so eine Art Eifersucht im positiven Sinne. Ich sagte mir: «So einen Pokal will ich auch einmal gewinnen und in die Höhe stemmen!»

Können Sie uns einen Einblick geben, wie Sie sich mit Juventus während dieser Woche auf das Finalspiel vorbereiten?

Die Vorbereitung ist nicht anders als vor anderen wichtigen Begegnungen. Die Vorfreude ist natürlich gewaltig. Man spürt die Spannung, welche von Tag zu Tag steigt. Ich stand ja selbst noch nie in einem Champions-League-Final. Das ist eine ganz neue Erfahrung.

Sie sagten einmal, Finals spiele man, um sie zu gewinnen. Doch die Statistik spricht gegen Juventus. Die Finalbilanz in der Königsklasse steht bei zwei Siegen und fünf Niederlagen. Die letzten drei Endspiele gingen allesamt verloren.

Dann ist es Zeit, dass sich das ändert! (schmunzelt.)

Der italienische Fussball erlebt diese Saison eine Art Renaissance. Juventus steht in der Königsklasse im Endspiel, Napoli und Fiorentina schafften es in den Halbfinal der Europa-League. Ist der Calcio somit wieder besser geworden?

Die Serie A ist eine gute und gleichzeitig schwierige Liga. Das bestätigen mir Tevez und Evra, welche jahrelang in der Premier League spielten. Es lag an der Mentalität der italienischen Teams, welche die Europa League lange nicht ernst genommen haben. Die Serie A strebt nach defensiver Perfektion, während es in anderen Ligen auch mal ein 7:3 gibt. In Italien wird man nicht für den Sieg gelobt, sondern für die drei Gegentore kritisiert.

Sie spielen seit sieben Jahren in der Serie A. Wie fällt Ihr persönliches Urteil zum italienischen Fussball aus?

Fussball ist hier eine Religion. Jeder nimmt sich heraus, Kritik üben zu dürfen. Ob Journalisten oder Fans, alle sind Experten. Das gehört in Italien dazu. Aber das Schwarz-Weiss-Denken nervt mich manchmal schon. Entweder ist alles gut oder alles schlecht. Mich stören zudem jene Experten, welche selbst nichts gewonnen haben, sich aber anmassen, andere zu kritisieren.

Das heisst, dass in Ihren Augen jemand nur Experte sein kann, der ebenfalls Titel gewonnen hat?

Auf jeden Fall. Wie will jemand sagen, du musst dies und das tun, um die Champions League oder den «Scudetto» zu gewinnen, wenn er selbst in seiner Karriere nichts oder nichts Wichtiges gewonnen hat? Wie kann ein Ex-Spieler einen Coach kritisieren, ohne dass er selbst je an der Seitenlinie stand?

Wie würden Sie sich bei einem allfälligen Finalsieg gegen Barcelona belohnen?

An den Sieg will ich noch gar nicht denken.

Viele Ihrer Berufskollegen lassen sich ein Tattoo stechen oder kaufen ein schnelles Auto.

Ich habe mich eigentlich nie belohnt für Siege. Ich muss mich nicht durch Statussymbole oder Tattoos mit meinem Erfolg identifizieren. Fussball war lange der wichtigste Teil in meinem Leben. Jetzt ist die Familie hinzugekommen. Sie wird in Berlin dabei sein. Das bedeutet mir sehr viel. Sollten wir gewinnen, machen wir vielleicht ein Grillfest mit den Kollegen (schmunzelt).

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