Leichtathletik
Was ist die Staffel den Schweizer Sprintern wert?

Die Schweizer Sprinterinnen haben mit der frühzeitigen Olympiaqualifikation einen Coup gelandet. Dennoch herrscht Unruhe im Staffel-Team, einem Prestigeprojekt von Swiss Athletics.

Simon Steiner
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Mujinga Kambundji ist eine feste Grösse in der Frauen-Sprintstaffel.

Mujinga Kambundji ist eine feste Grösse in der Frauen-Sprintstaffel.

KEYSTONE

Mehr als ein Jahr vor den Olympischen Spielen haben die ersten Schweizer Leichtathletinnen das Ticket nach Rio bereits auf sicher. An der Staffel-WM auf den Bahamas nutzte das Sprintteam der Frauen über 4 x 100m die erste Gelegenheit zur Qualifikation. Damit gelang den Schweizerinnen auch die Rehabilitation für die beiden missglückten Auftritte in der vergangenen Saison im Zürcher Letzigrund: Dort war die Staffel zuerst an der EM mit Medaillenchancen ausgeschieden, als Startläuferin Mujinga Kambundji den Stab verlor. Keine zwei Wochen später scheiterte das Quartett im Rahmen von Weltklasse Zürich mit einem Wechselfehler.

Latente Unruhe

Dass die Schweizer Staffelfrauen nun zu den ersten Athletinnen überhaupt gehören, welche die Olympiaselektion geschafft haben, wird im Verband mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. «Darauf bin ich stolz», sagt Peter Haas, Chef Leistungssport von Swiss Athletics. Der Verband hatte das Projekt Frauenstaffel vor fünf Jahren nach dem Vorbild des Pendants auf Männerseite lanciert. In der Zwischenzeit hat die Nationalstaffel den Schweizer Rekord in wechselnder Besetzung und mehreren Schritten um fast anderthalb Sekunden auf 42,94 Sekunden gesenkt.

Der Erfolg auf den Bahamas täuscht indes darüber hinweg, dass im Team eine latente Unruhe herrscht. An der Staffel-WM kam es zum Eklat, als der Schweizer 100-m-Rekordhalter Alex Wilson sich weigerte, die dritte Strecke zu laufen, worauf ihn Staffelcoach Laurent Meuwly aus dem Aufgebot strich. «In der Vergangenheit kam es offenbar vor, dass die Athleten dem Coach die Aufstellung diktiert haben», sagt Meuwly, der neben den Frauen seit dieser Saison auch die Männerstaffel betreut. «Ich kann das nicht akzeptieren.»

Für Irritationen hatte bereits vor der Saison eine Vereinbarung gesorgt, die der Verband den potenziellen Staffelmitgliedern vorlegte. Diese verpflichteten sich mit ihrer Unterschrift, das geplante Trainingsprogramm mitzumachen, was einigen Athleten sauer aufstiess. Unmut rief zudem ein anderer Passus hervor, gemäss dem sich der Verband das Recht vorbehält, im Fall einer Finalchance an einem Grossanlass dem Staffelerfolg vor einem möglichen Einzeleinsatz Priorität einzuräumen.

Wie ein Dompteur

An der EM in Zürich hatte Meuwly insbesondere auf Ellen Sprunger (Siebenkampf) und Mujinga Kambundji (100 und 200 m) Druck ausgeübt, damit sie zugunsten der Staffel auf ihren respektive einen der beiden Einzeleinsätze verzichteten, was diese jedoch nicht taten. Kambundji und weitere Athleten unterzeichneten die Vereinbarung daher in einem ersten Schritt nicht. Möglichen Einzelstarts soll nun jedoch nichts im Weg stehen. «An der WM im August in Peking oder an den Olympischen Spielen wird niemand für die Staffel auf einen Einzeleinsatz verzichten müssen», sagt Leistungssportchef Haas.

Für die meisten Mitglieder im Team ist die Staffel ohnehin die einzige Chance, um an den Olympischen Spielen in Rio mit dabei zu sein – geschweige denn im Final. Für den 100-m-Lauf der Männer hat der internationale Leichtathletik-Verband die Selektionslimite beispielsweise auf 10,16 Sekunden festgelegt. Diese Zeit hat in der Schweiz nur Wilson bei seinem Rekordlauf schon unterboten.

Doch der Sprinterstolz scheint manchen zuweilen im Weg zu stehen, wenn es darum geht, sich dem Team unterzuordnen. «Vor allem die Männer neigen dazu, sich im internationalen Vergleich zu überschätzen», sagt Coach Meuwly. Sprinter Amaru Schenkel formuliert es anders: «Die Frauen sind niedliche Kätzchen – die Männer wilde Löwen. Ein Dompteur muss wissen, wie man mit Löwen umgeht, sonst wird er gefressen.» In den kommenden Tagen steht im Team eine Aussprache an.

Präzisierung

Im hier zugrundeliegenden Artikel wird Amaru Schenkel verkürzt zitiert. Er legt Wert auf der Publikation des vollständigen Zitats: «Die Frauen sind niedliche Kätzchen – die Männer wilde Löwen. Ein Dompteur muss wissen, wie man mit Löwen umgeht. Es geht um den gegenseitigen Respekt. Wenn der nicht vorhanden ist, werden entweder die Löwen erschossen oder der Dompteur gefressen.»