Leichtatletik

Die Schweizer Trümpfe in der WM-Saison: Büchel, Kambundji, Zbären und Hussein lassen uns träumen

Selina Büchel nach ihrem Goldlauf an der Hallen-EM im März.

Selina Büchel nach ihrem Goldlauf an der Hallen-EM im März.

Selina Büchel, Mujinga Kambundji, Noemi Zbären und Kariem Hussein treten an, um die Besten der Welt das Fürchten zu lehren.

Vor vier Jahren noch undenkbar, haben zahlreiche Schweizer Leichtathleten den Anschluss an die internationale Spitze geschafft. Kariem Hussein gewinnt 2014 in Zürich EM-Gold über 400 Meter Hürden. Selina Büchel wird im Jahr darauf Hallen-Europameisterin über 800 Meter und bestätigt den Erfolg in diesem Jahr. Mujinga Kambundji gewinnt im letzten Jahr bei den Europameisterschaften in Amsterdam Bronze über 100 Meter. In der gleichen Periode lässt sich die Emmentalerin Noemi Zbären, die sich auf die 100 Meter Hürden spezialisiert hat, bei Junioren-Europameisterschaften zweimal Gold umhängen.

Vier Himmelsstürmer, die allesamt vor dem Sprung ins Ungewisse stehen. «Ich muss es in jedem Jahr neu lernen», sagt Hussein. Auch Kambundji sagt, sie wisse nicht, wo sie stehe. Und Büchel, die sich in der Halle bereits in bester Verfassung zeigte, misst sich ab sofort an der Weltspitze. Für die erst 23-jährige Zbären ist die Ungewissheit nach einem Kreuzbandriss am grössten. Die WM-Sechste von vor zwei Jahren mahnt zur Geduld und bezeichnet 2017 als Übergangsjahr mit den Weltmeisterschaften in London (5. bis 13. August) als Höhepunkt. Erste Antworten darauf, wo die Schweizer Himmelsstürmer stehen, liefern die ersten Freiluft-Meetings in den kommenden Tagen und Wochen.

Modellathlet Hussein feilt an der Basis

Kein Gramm Fett, gertenschlank, austrainiert. Wer Kariem Hussein, den 400-Meter-Hürden-Europameister von 2014, sieht, kann kaum glauben, was der 28-Jährige sagt: «Mir fehlt einfach noch immer die Basis. Wenn du schnell laufen willst, brauchst du im ganzen Körper Spannung. Stabilität von den Zehen bis in die Fingerspitzen.» Zwar habe er sich im Winter in allen Bereichen verbessert, doch im athletischen Bereich sieht er noch immer am meisten Potenzial. «Ich dachte, dass ich vom Fussball gute Voraussetzungen mitbringe. Aber ich habe das Gefühl, dass ich noch viel mehr erreichen kann.» Im technischen Bereich sieht der Medizinstudent hingegen weniger Luft nach oben, obwohl er auch mit der Anpassung der Schrittlänge experimentiert hat. Nach zwei von Verletzungen geprägten Jahren ist für ihn aber viel elementarer, dass er derzeit keine Beschwerden hat. 

Kariem Hussein will noch mehr erreichen.

Kariem Hussein will noch mehr erreichen.

Rückblende: Weil er an einer Fussverletzung laboriert, steht sein Start bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro bis zur letzten Sekunde auf der Kippe. Es reicht, aber die Form stimmt nicht, Hussein scheidet im Vorlauf aus. «Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Gerade wenn du emotional bist wie ich und in Phasen, in denen du körperlich und mental sensibel bist, ist es schwierig, ruhig zu bleiben.» Wenn die Entscheidung gefallen sei, habe er aber keine Probleme, nach vorne zu schauen. «Ich habe meine Karriere nicht auf einen Wettkampf ausgerichtet, darum fällt es mir leicht, nach vorne zu schauen», begründet Hussein. Darum verdrängt er auch den Gedanken, was an der EM in Amsterdam im letzten Sommer möglich gewesen wäre, wenn er nicht am linken Fussgelenk lädiert gewesen wäre. Es gibt ihm aber eine Gewissheit: «Dass ich auch mit einer Verletzung Bronze gewinnen kann.» Sein Ziel an den Weltmeisterschaften ist der Final.

Kambundji hört aufs Bauchgefühl

Sie komme sich ein bisschen wie eine Oma vor, gibt die erst 25-jährige Mujinga Kambundji zu. Ihre Kolleginnen der 4×100-Meter-Staffel kichern. Es sind Sarah Atcho (21), Salomé Kora (22) und Ajla Del Ponte (20). Wäre die Schweizer Sprintstaffel am Reissbrett entstanden, sie hätte wohl genau so ausgesehen. Kambundji, die Bernerin, Del Ponte, die Tessinerin, Kora, die Ostschweizerin, und Atcho, die Romande. Gemeinsame Trainings zu koordinieren, das geben alle vier zu, sei schwierig. «Wir sind Einzelsportlerinnen», sagt Kambundji, die meist in Mannheim trainiert. Aber die Stimmung sei gut. Das hat mit dem Trainerwechsel zu tun. Kambundji verzichtete im Vorjahr auf die Staffel und machte Diskrepanzen zwischen den Ansichten der Athleten und denen des inzwischen versetzten Laurent Meuwly geltend. Übernommen hat Ralph Mouchbahani.

Mujinga Kambundji feilt an Details.

Mujinga Kambundji feilt an Details.

Was sich verändert hat? «Weniger Regeln, weniger Termine, mehr Freiheiten, bessere Kommunikation», sagt Sarah Atcho. Die Stimmung, das ist sichtbar, ist gut. Und das Potenzial immens. «Als ich in die Gruppe kam, war ich mit meinen 11,50 Sekunden die Schnellste.» Nun reiche diese Zeit knapp für einen Startplatz aus, sagt Kambundji, deren Bestwert seit der WM 2015 in Peking bei 11,07 liegt. Um diese nach unten zu drücken, hat Kambundji an diversen Details gefeilt. «Individuelleres Krafttraining», nennt sie es. Erst versucht sie es mit mehr Wiederholungen und weniger Gewicht. Dann umgekehrt, was ihr mehr behagt. Wieso? «Das kann ich nicht sagen. Es ist ein Bauchgefühl.» Gleiches gilt beim Startprozedere. Bisher startet sie mit dem rechten Bein vorne. Zuletzt experimentierte sie mit dem linken. Derzeit gehe die Tendenz wieder zum rechten. Und wie entscheidet Kambundji das? «Nach Bauchgefühl.»

Büchel und die halbe Goldmedaille

Selina Büchel ist so etwas wie das Postergirl der Schweizer Leichtathletik geworden. Schlagfertig, ehrgeizig, schnell. So schnell, dass sie im Februar bei den Hallen-Europameisterschaften in Belgrad über 800 Meter ihren Titel von vor zwei Jahren verteidigt. Und so ehrgeizig, um zuzugeben, dass diese Goldmedaille für sie nicht das allerhöchste der Gefühle ist. «Es ist zwar schön, einen Grossanlass mit einem Lächeln im Gesicht zu verlassen. Aber die Aussensaison ist das, was wirklich zählt. Die grosse Herausforderung sehe ich auf Weltniveau», sagt die 25-jährige Ostschweizerin, die sich selber als typische Schweizerin beschreibt: «Konsequent, kontrolliert, zuverlässig.» Dazu passt auch, dass sie im April wie in den letzten acht Jahren mit ihrem Heimatverein, dem KTV Bütschwil, in Cesenatico, einem Touristenörtchen an der italienischen Küste der Emilia-Romagna, bestritten hat.

Es gibt kaum etwas, das Selina Büchel dem Zufall überlässt.

Es gibt kaum etwas, das Selina Büchel dem Zufall überlässt.

Auf ihrer Website macht Büchel ihre ganz persönliche Abrechnung. Ein Auszug: 94 Trainingskilometer, vier benutzte Laufschuhe plus Spikes, 4 Stunden Massage, 3,5 Stunden Mittagsschlaf, 18 gegessene Pastateller am Mittag, fünf Spielabende, kein Sonnenbrand. Es gibt kaum etwas, das Selina Büchel dem Zufall überlässt. Um den Anschluss an die Weltspitze zu schaffen, hat die Raumplanungszeichnerin ihren Teilzeitjob aufgegeben. Sie hat marginale Anpassungen im Kraft- und im Sprint-Training vorgenommen, «weil man ja nicht immer gleich trainieren kann». An den Olympischen Spielen verpasste sie den Final-Einzug, das will sie nun an der WM in London am letzten Tag, am 13. August, ändern. Realistisch ist das nur, wenn sie auf dem Level ihres Schweizer Rekords von 1:57,59 läuft. Halbe Sachen macht Büchel nicht. Mit einer kleinen Ausnahme: Im Trainingslager schaffte sie nur ein halbes Buch.

Noemi Zbären vor dem Sprung ins Ungewisse

Auch ein Jahr danach spricht sie nicht gerne darüber. Über diesen verhängnisvollen Moment, als sie sich beim Basketballspielen schwer am linken Knie verletzt. «Aber es muss sein», sagt Noemi Zbären. Und sie erzählt die Geschichte, die in ihrer bisher so linear verlaufenen Biografie Spuren hinterlassen hat. «Der Arzt in der Notaufnahme hat gesagt, dass die Bänder in Ordnung seien», sagt die Langnauerin. «Aber machen Sie doch zur Sicherheit noch ein MRI.»

Doch am Tag darauf zeigt die Untersuchung: Das vordere linke Kreuzband ist gerissen, die Saison damit zu Ende, bevor sie begonnen hat. «Das war natürlich ein doppelter Hammer», sagt Zbären. «Für mich ist eine kleine Welt zusammengebrochen. Ich bin ein Mensch, der viel Struktur braucht, und plötzlich war der ganze Sommer, der für Sport vorgesehen war, unverplant.» Sie verpasst die Europameisterschaften in Amsterdam, wo sie um die Medaillen gelaufen wäre, und auch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro, die ihre ersten gewesen wären.

Noemi Zbären dämpft vor ihrer Rückkehr die hohen Erwartungen.

Noemi Zbären dämpft vor ihrer Rückkehr die hohen Erwartungen.

Ein Rückschlag, wie ihn Zbären bisher nicht kannte. 2013 wird sie in Rieti, Italien, U20 Europameisterin. Zwei Jahre später holt sie in Talinn, Estland, auch in der U23 Gold. Im Sommer 2015 läuft sie bereits in der Weltspitze. Sechsmal bleibt sie unter 12,90 Sekunden, an den Weltmeisterschaften in Peking wird sie Sechste. Für die Rettung gegen die Leere sorgt ihre Mutter, indem sie Zbären aufmuntert, während ihrer Rekonvaleszenz das Studium zu forcieren. Mit 21 Jahren hat sie den Bachelor in Biochemie im Sack, nun arbeitet sie mit Hochdruck an ihrem Master in Mikrobiologie und Immunologie und steht vor der Rückkehr auf die Tartanbahn. Als Schauplatz hat sie sich die Heimat ausgesucht. Am 13. Mai steht sie beim Hürden-Meeting in Langnau im Emmental am Start.

Es ist ein Sprung ins Ungewisse, wie sie selber sagt. «Es geht mir gut. Ich spüre eine grosse Vorfreude, aber mich begleitet auch eine grosse Ungewissheit. Ein Teil des Wintertrainings fehlt. Seit Anfang Jahr bin ich zurück und kann die Umfänge sukzessive steigern. Ich habe zwar Anhaltspunkte aus dem Training. Aber es wird sich weisen müssen, wie ich diese im Wettkampf umsetzen kann.» Das Hürdenlaufen habe sie schnell wieder im Griff gehabt. «Das ist wie Velofahren, man verlernt es nie.» Während der Rehabilitation und mit gezieltem Krafttraining habe sie ihre Rumpfstabilität verbessert.

800m Women FINAL - European Athletics Indoor Championships Belgrade 2017

800m Women FINAL - European Athletics Indoor Championships Belgrade 2017

Trotzdem dämpft sie vor ihrer Rückkehr bewusst die Erwartungen und mahnt zur Geduld: «Die besten Zeiten sind sicher nicht zu erwarten.» Sie, die schon vor zwei Jahren eine Zeit von 12,71 Sekunden lief, spricht von einem «Übergangsjahr». Und dass es schon schwierig genug werde, die WM-Limite zu unterbieten. Diese liegt bei 12,98 Sekunden. Sie müsse sich langsam wieder herantasten, «damit ich 2018 wieder voll angreifen kann», sagt die 23-Jährige. Immerhin hat sie Vertrauen in ihren Körper. «Das linke Knie ist stabiler als das rechte. Das macht mir sicher keine Sorgen.»

Nimmt sie auch etwas Positives aus ihrer Malaise mit? «Ich habe gelernt, zu akzeptieren, dass ich nicht immer alles gleichzeitig machen kann. Ich bin heute nicht mehr extrem ungeduldig, sondern nur noch ungeduldig.» Und sonst? «Basketball spiele ich garantiert nie mehr.»

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