Kunstturnen
Das Stehaufmännchen hat fertig - seit zwei Jahren fehlt er an Wettkämpfen

Lucas Fischer muss seinen Olympiatraum begraben und tritt per sofort zurück - dieser Schritt kommt nicht aus heiterem Himme.

Rainer Sommerhalder
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Nur noch Erinnerung: Lucas Fischers Karriere als Leistungssportler ist definitiv vorbei.ho

Nur noch Erinnerung: Lucas Fischers Karriere als Leistungssportler ist definitiv vorbei.ho

Das Aushängeschild der Schweizer Kunstturner tritt per sofort aus dem Nationalkader zurück. Dieser Schritt kommt nicht aus heiterem Himmel. Seit Sommer 2013 konnte der 25-jährige Aargauer aus gesundheitlichen Gründen an keinem einzigen Wettkampf mehr teilnehmen.

Nicht zum ersten Mal lagen in den vergangenen Monaten Glück und Leid in Fischers Leben nahe beieinander. Zuerst der sportliche Karrierehöhepunkt mit dem Gewinn der Silbermedaille an den Europameisterschaften im April 2013 in Moskau am Barren. Dann der tränenreiche Verzicht auf die WM im Herbst desselben Jahres wegen wiederholter epileptischer Anfälle. Fischer versprach, rechtzeitig für den Weg an die Olympischen Spiele 2016 in Rio wieder zurück im Geschäft zu sein. Noch einmal nach London 2012 wollte sich das ewige Stehaufmännchen den Karrierehöhepunkt unter den fünf Ringen durch die heimtückische Krankheit nicht rauben lassen.

Doch letztlich war nicht die Epilepsie stärker als Lucas Fischers unbändiger Wille, sondern eine weitere körperliche Schwachstelle. Denn eine Operation im Spätherbst 2013 brachte einen extremen Knorpelschaden im Knie ans Tageslicht. Eine zweite OP wurde notwendig und als sich der Aargauer des Jahres 2013 im Februar 2014 auf den Operationstisch legte, wusste er bereits, dass dieser Knorpelschaden seine Karriere existenziell bedrohen würde. «Niemand konnte mir versprechen, dass es gut kommt», sagt der Barren-Spezialist rückblickend.

Zuversicht nur die halbe Wahrheit

Fischer wollte weiterhin nichts unversucht lassen. Er glaubte an die Rückkehr, liess die Öffentlichkeit mit einem Comeback-Tagebuch auf Facebook an seinem Weg teilhaben, sprach davon, bis 2020 weiter Leistungssport betreiben zu wollen und und versprühte in der Olympia-Serie des Schweizer Fernsehens «Mein Weg nach Rio» grosse Zuversicht.

Doch dies war nur die halbe Wahrheit. Den selber gesetzten Zeitplan für seine Rückkehr musste Fischer ständig verschieben. Zuletzt hiess es, er turne am kommenden Samstag anlässlich der Schweizer Mannschafts-Meisterschaft im heimischen Lenzburg erstmals wieder. «Mein Knie hält der Belastung bei der Landung eines normalen Abgangs noch nicht stand», sagte Fischer im April 2015 nach bereits einjährigem Aufbautraining. Erst im August zeigten seine ins Netz gestellten Videos, wie er eine komplette Übung am Barren turnt – die Nagelprobe für das lädierte Knie. Doch zugleich nahmen seine Einträge auf Facebook «heute war kein guter Tag» in den letzten Wochen zu. Statements wie «versuchen einen neuen Weg zu finden und zu gehen – das ist der Schlüssel, damit dich deine eigene Welt nicht gefangen hält» oder «manchmal tut es einfach weh und man wartet, bis der Wind mit den eigenen Sorgen hinfort schwebt» liessen nichts Gutes erahnen. Der Countdown für eine WM-Teilnahme Ende Oktober in Glasgow wurde immer unrealistischer.

Der «falsche» Mann für Rio?

Kam hinzu, dass Fischer mit seiner Weltklasse-Barrenübung als einziger «Waffe» alles andere als der ideale Kandidat für das Schweizer Team im Rennen um einen Olympiaplatz war. Gefragt sind Allrounder, die möglichst viele Geräte bestreiten können. Erstmals in der Karriere zu viele und zu hohe Hürden für Lucas Fischer? An einer Pressekonferenz heute Dienstag wird er seine Beweggründe offenlegen.

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