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Leicester-Coach Claudio Ranieri steht kurz vor der Unsterblichkeit

Claudio Ranieri war bei vielen Topklubs (unter anderem Chelsea, Atletico Madrid, Juventus Turin) als Trainer angestellt, doch erst mit Leicester City könnte er heute erstmals als Trainer Meister werden.

Raphael Honigstein, London
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Beliebt und erfolgreich: Leicester-Trainer Claudio Ranieri.

Beliebt und erfolgreich: Leicester-Trainer Claudio Ranieri.

KEYSTONE

Gut siebzig Reporter und Kameramänner kamen zur Pressekonferenz nach Leicester – und Trainer Claudio Ranieri schüttelte jedem einzelnen von ihnen die Hand. «Das ist mein italienischer Aberglaube», lachte der Italiener. Vor dem 2:2-Unentschieden seines Teams gegen West Ham United vor 14 Tagen hatte Ranieri auf das gewohnte Begrüssungsritual verzichtet, prompt flog Stürmerstar Jamie Vardy (22 Saisontore) in der Partie vom Platz und wurde für zwei Spiele gesperrt. So ein Unglück soll sich heute, wenn seine Foxes (Füchse) mit einem Sieg bei Manchester United die Sensationsmeisterschaft perfekt machen können, auf keinen Fall wiederholen.

Ranieri, 64, hat in seiner langen Karriere schon viele Spitzenvereine trainiert; AS Monaco, Chelsea, Napoli, Fiorentina, Valencia, Atlético Madrid, Juventus, AS Roma, Inter Mailand. Den nationalen Titel aber hat er mit keinem dieser Klubs gewinnen können. In seiner Heimat galt der Sohn eines römischen Metzgers bis vor dieser irrwitzigen Saison als verlässlicher, aber unspektakulärer Coach, das Gegenteil eines Wundertäters. Als Nationaltrainer von Griechenland hatte er 2014 das Kunststück fertiggebracht, in Athen gegen die Färöer Inseln zu verlieren, die Wahl des Trainers sei leider «höchst unglücklich» gewesen, rief ihm der Verband nach dessen Rauswurf hinterher. Und in England hatte er sich ein Jahrzehnt zuvor, auf der Bank von Chelsea, das gerade von Milliardär Roman Abramowitsch übernommen war, den Ruf eines schon sehr netten, aber irgendwie doch überforderten, wankelmütigen Plauderonkels eingehandelt.

«Wirklich?», fragte der ehemalige englische Nationalspieler Gary Lineker, der berühmteste Sohn Leicesters, ungläubig, als Abstiegskandidat City den Trainer im Sommer verpflichtete.

«Wirklich?», fragte der ehemalige englische Nationalspieler Gary Lineker, der berühmteste Sohn Leicesters, ungläubig, als Abstiegskandidat City den Trainer im Sommer verpflichtete.

Keystone

Fünf Monate später steht der nette, immerfort lächelnde Mann plötzlich «einen Schritt vor der Unsterblichkeit» («Guardian»).

Ranieri selbst scheint kaum glauben zu können, in welchem Fussballmärchen er hier die Hauptrolle spielt. Nach Leicesters 2:0-Sieg gegen Sunderland am Anfang des Monats kamen dem Italiener auf dem Platz die Tränen. Diese Woche zeigte ihm ein Fernsehsender Interviews mit Leuten aus den Strassen von Leicester, Studenten, Marktverkäufer, Rentnerinnen. Sie alle dankten ihm für alles, was er für die Stadt, den Klub getan habe, dafür, dass er Träume wirklich mache. «Kann ich das Band haben?», fragte Ranieri, als er sich wieder einigermassen im Griff hatte. «Es macht mich glücklich, die Leute so glücklich zu sehen.»

Pizza für das ganze Kader

Leicester hat es mit relativ preiswerten Goodies und schnörkellosem Konterfussball bis nach ganz oben geschafft, doch das wahre Geheimnis dieser Mannschaft ist ihr Zusammenhalt. Christian Fuchs, Captain der österreichischen Nationalmannschaft, beschreibt Ranieri als Mann, der «Disziplin und Herz» verbindet. «Wer nicht mitzieht, hat Probleme», so Fuchs. «Aber wenn du deinen Job machst, ist er der angenehmste Trainer, den man sich vorstellen kann.»

Ranieri, ein Kunstliebhaber und Antiquitätensammler, arbeitet viel mit Humor, er baut so Druck und Spannungen ab. Und nach Partien ohne Gegentor lädt er das ganze Kader zum Pizzaessen ein, 15 Mal kam das in der laufenden Spielzeit in Leicester bereits vor. Schon in seinem ersten Trainerjob, Ende der 1980er-Jahre beim damals unterklassigen Cagliari, fuhr Ranieri nach jedem Spiel mit seinem Captain in ein Restaurant, um sich bei einem Gläschen Wein mit den Fans auszutauschen. «Er ist in Sardinien aufgrund seiner guten Ergebnisse in Erinnerung geblieben», sagt der ehemalige Cagliari-Spieler Ivo Pulga. «Aber auch als Mensch.» Eine von Ranieris ersten Amtshandlungen in City war es, in seinem Büro im Stadion Fotos der anderen 19 Premier-League-Trainer aufhängen zu lassen, damit sich diese beim Plausch nach den Spielen wohl fühlten.

Jamie Vardy steht sinnbildlich für das «Wunder von Leicester».

Jamie Vardy steht sinnbildlich für das «Wunder von Leicester».

KEYSTONE/AP/SCOTT HEPPELL

«Ranieri ist ein Klassetyp, er hat für jeden Zeit und ist immer respektvoll», erklärt Tor-Kristian Karlsen, der als Sportdirektor in Monaco mit ihm zusammenarbeitete. «Man wird deswegen in diesem Sport niemanden finden, der nur ein schlechtes Wort über ihn sagen wird. Er ist ein echter Gentleman, niemand verdient den Erfolg mehr als er.»

Diese Sichtweise hat sich mit gut zehn Jahren Verspätung nun auch auf der Insel verbreitet. Niemand nennt ihn hier mehr abschätzig «Clownio» oder «The Tinkerman», den Rumbastler, wie damals bei Chelsea, als er Kader und Formationen stets aufs Neue durchmischte und im Champions-League-Halbfinal gegen Monaco (1:3) vor lauter Wechselwut den Überblick verlor. Ranieri vertraut nun sich und seiner Elf, nimmt kaum Veränderungen vor. «Wir sind nächste Saison schon sicher in der Champions League – dilly-ding, dilly-dong», lachte er neulich, und läutete dazu mit der Hand eine unsichtbare Glocke. Heute kann sie dann richtig schlagen: die Stunde des Meisters.

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