Ski alpin

Lara Gut Super-Star: Die Tessinerin tritt sowohl auf als auch neben der Piste souverän auf

Lara Gut schafft sich Freiräume, um alles für den Erfolg zu tun.

Lara Gut schafft sich Freiräume, um alles für den Erfolg zu tun.

Lara Gut. Diesen Namen kennt die ganze Schweiz, sogar die ganze Ski-Welt. Mit ihren Erfolgen ist die erst 25-jährige weltbekannt geworden. Bittet die Schweizer WM-Goldanwärterin nun die Medien zum Gespräch, sprengt sie die Räume.

Stellen Sie sich vor, Lindsey Vonn läuft vorbei und keiner dreht sich um. Schwierig, oder? Die Amerikanerin ist der grosse Star im Ski-Zirkus, die Frau mit Glamour-Faktor, Ex-Freundin von Tiger Woods. Normalerweise steht sie im Rampenlicht, alle Kameras sind auf sie gerichtet.

Anders am Sonntag im Grand Hotel Kempinski: Es ist 16.25 Uhr, als Lindsey Vonn heraneilt. Weisse Jacke, weisse Baseballmütze – null Interesse. Und das, obwohl in Schrittdistanz die internationale Ski-Presse versammelt ist. Sie sind nicht wegen Vonn gekommen, sondern wegen Lara Gut, der Gesamt-Weltcupsiegerin, dem blonden Engel, welcher der Schweiz Gold bei der Heim-Weltmeisterschaft in St. Moritz einfahren soll.

Lara Gut: "Mir gehts gut, ich bin wieder fit"

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Der Salon Cresta im Edelhotel ist knapp 70 Quadratmeter gross: 50 Stühle, 2 Sofas, gemacht für maximal 60 Leute. Mindestens doppelt so viele Medienleute stehen sich hier auf den Füssen. Aus Norwegen, Deutschland, Österreich, den USA, der Schweiz – aus allen Ecken dieser Welt sind sie angereist, um über das grosse Ski-Spektakel in St. Moritz zu berichten. Kameramänner, Fotografen, Reporterinnen, Radioschaffende.

Dann kommt sie, Lara Gut Super-Star. Das blonde Haar flattert unter der mit goldenen Pailletten bestickten Sponsorenmütze. Schwarze Bluse, schwarzer Minirock, schwarze Strümpfe, braune, halbhohe Wildlederstiefel. Bevor sie den Raum betritt, klatscht sie mit Medienkoordinator Jérôme Krieg ab. Dicht auf ihren Fersen Filmemacher Nicollò Castelli. Die Steadycam auf Lara gerichtet. Der Tessiner hat 2012 den Spielfilm «Tutti giù» in die Kinos gebracht. Mit Gut in einer Hauptrolle. Jetzt dreht er gemeinsam mit der ehemaligen Profi-Snowboarderin Ursina Haller einen Dokumentarfilm über die Ausnahmekönnerin. Im Frühling feiert «Looking for sunshine» Premiere.

Was wird die Zuschauer erwarten? Lara mit ihrer ersten Gold-Medaille an einem Grossanlass? Das Drehbuch eines Dokumentarfilmes kann vieles vorsehen, Höhepunkte oder Tiefschläge schreibt das Leben selbst. Wie am Sonntag vor einer Woche in Cortina d’Ampezzo. Gut ist im Super-G mit Bestzeit unterwegs, als sie am Tor einhängt.

Sie überdreht, stürzt. Als sie sich aufrichtet, schreit sie auf vor Schmerz. Plötzlich steht alles in der Schwebe. Während Gut ausscheidet, rast Mikaela Shiffrin, ihre Hauptkonkurrentin im Kampf um die grosse Kugel und eigentlich eine Slalom- und Riesenslalom-Spezialistin, auf den 4. Platz. Gut muss für den Parallel-Slalom in Stockholm passen, Shiffrin triumphiert. 150:0 Punkte für die Amerikanerin im Duell um den Gesamt-Weltcup. Sie führt nun mit 1203 Punkten vor Gut mit 1023 Punkten. Vielleicht die Vorentscheidung.

Weit drängender jedoch die Frage, ob Lara rechtzeitig bis zur WM in St. Moritz wieder fit wird. Kurz nach dem Rennen gibt Gut via soziale Medien erste hoffnungsvolle Signale. Ihre rechte Körperhälfte ist übersät mit blauen Flecken, Schulter, Arm, Hand und Bein geprellt. Mit Eisbeutel auf dem Beifahrersitz präsentiert sie sich ihren Fans auf Facebook auf der Heimfahrt ins Tessin. Dort hat sie in den vergangenen Tagen mit ihren Physiotherapeuten alles dafür gemacht, dass sie vor allem das heftig geprellt Bein wieder voll belasten kann.

Ski-WM: Fünf Schweizer Medaillenhoffnungen und ihre Selbsteinschätzung

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Am Montag geht es los an der Ski-WM in St. Moritz mit der Eröffnungsfeier, am Dienstag dann das erste Rennen. Wie schätzen die fünf Schweizer Medaillenhoffnungen Lara Gut, Wendy Holdener, Beat Feuz, Carlo Janka und Patrick Küng ihre Chancen ein? Eine Umfrage.

Physiotherapie statt Interviews

Jetzt also sitzt Gut vor der Sponsoren-Leinwand von Swiss Ski. Vor ihr türmen sich die Mikrofone, die Medienschaffenden drängen zur Gold-Anwärterin, angezogen wie die Motten vom Licht. Sie beginnt auf Deutsch, sagt, dass sie an vergangenen Weltmeisterschaften manchmal kurz angebunden gewesen sei beim Medien-Marathon nach Trainings und Rennen, weil sie keine Lust gehabt habe zu sprechen. Wenn sie in den kommenden Tagen kurz angebunden sein werde, dann nicht, weil sie keine Lust habe, sondern weil sie schnellstmöglich zur Physiotherapie wolle. Um ihr Bein zu pflegen. Sie lacht, strahlt.

Es wäre vermessen, zu behaupten, die Verletzung komme gelegen. Doch sie nimmt Druck von ihr. Niemand im Schweizer Ski-Team nährt die Hoffnung auf Gold mehr als die Tessinerin. Mit ihr steht und fällt vieles in St. Moritz. Zwar sagt sie, dass die Prellungen sie nicht behindern würden. Im Hinterkopf aber müssen die Fans haben, dass Gut die Ski-WM mit ein bisschen weniger Glück vom Spitalbett aus hätte verfolgen müssen. Wie relativ da plötzlich Gold-Träume werden.

Knappe 13 Minuten beschwichtigt Gut die Reporter. Die Fragen gleichen sich. Lara antwortet. Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch. Dann geht es raus in den Gang. Interview mit ausgewählten TV-Sendern. Eine Reporterin stürzt im Tumult, schlägt sich den Kopf an und taumelt benommen zur Seite. Fabienne Suter und ihre Kolleginnen vom Speed-Team gehen vorbei, kaum jemand bemerkt sie. Sie werden im Anschluss an den Lara-Wahnsinn mit der Schweizer Presse sprechen. CNN & Co. sind dann nicht mehr im Fünfsternehotel.

Nur Vonn übertrumpft Gut

Guts Spiessrutenlauf neigt sich dem Ende zu. Es fehlen noch die Interviews mit SRF, RSI und RTS. Radio und Fernsehen. Immer wieder die Fragen nach ihrem Bein, dem Druck, St. Moritz. Lara stellt sich hin. In der Hand das Smartphone und ein Soft-Getränk. Sie lacht, erzählt immer wieder das Gleiche. Um ihren Hals hängt eine dünne goldene Kette. Daran ein silberner Engel und ein bronzefarbenes, vierblättriges Kleeblatt. Glücksbringer im Kampf um Gold. Diesem lang ersehnten Gold, das ihr genauso fehlt wie Lindsey Vonn.

Die Amerikanerin hat wenige Stunden vor Gut Hof gehalten. Fast doppelt so viele Medienschaffende schauten zu, als die Amerikanerin mit ihrem Hündchen Lucy im Arm über den blauen Teppich geschritten kam. Und während Gut nun im Erdgeschoss des Grand Hotel Kempinski die letzten Fragen beantwortet, schmust Vonn längst mit Lucy in der Suite des Fünf-Sterne-Palasts. Hier träumen die beiden – fast Tür an Tür – von Gold.

Animierte Grafik: Die WM-Strecken in St.Moritz

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An der Ski-WM in St. Moritz gibt es vom 6. Bis zum 19. Februar in insgesamt neun Disziplinen Medaillen zu gewinnen. Alle Strecken führen in den Zielraum, wie die animierte Grafik zeigt.

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