Apropos
Langlauf-Lektion bei 35 Grad

Kaum in Berlin gelandet, läuft mir bereits die erste Kolumne über den Weg. Gestatten: Manfred Kässer, 74-jährig, aus der Nähe von Stuttgart, Super-Volunteer.

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
Merken
Drucken
Teilen

Gestählt von unzähligen Einsätzen als freiwilliger Helfer an Sport-Grossveranstaltungen, leidet er als Empfangsdame am Flughafen Tegel an latenter Unterforderung. Und nimmt sich von Herzen dankbar meiner an, der da nur die simple Frage zu stellen getraute, wo es hier zum Bus geht. Er tut dies mit solcher Konsequenz, dass ich am nächsten Morgen nach dem Erwachen reflexartig nach links schaue, ob Manfred Kässer neben mir im Bett liegt.

Nun gut, Kässer ist ein wandelndes Kompendium des Sports. Er half bei der Ski-WM, Leichtathletik-WM, Radball-Titelkämpfen, beim Volleyball und sogar bei der Rhythmischen Sportgymnastik. Er sah Muhammad Ali im Madison Square Garden kämpfen, war beim Abschiedsspiel von Pelé in New York und drückte dem Toggenburger Vogelmenschen Walter Steiner im Skifliegen die Daumen. Er lebt für den Sport. Und ist daneben noch verheiratet.

Vor allem aber hat er von all seinen Erlebnissen eine Anekdote zur Hand. Wussten Sie, dass Walter Steiner oben im Sprungturm einmal an einem Seil befestigt auf den ersten Metern des Anlaufs abgebremst wurde, damit er beim Absprung nicht zu viel Tempo aufnahm und zu weit ins Flache sprang. Oder dass die schwäbischen Feierabend-Kicker des SC Geislingen im Trainingslager in Como ein Freundschaftsspiel gegen die Profis von Inter Mailand austrugen, weil ihnen ihr ehemaliger Junior Jürgen Klinsmann versprach, für den Trip nach Italien einen Testgegner zu vermitteln.

Mit besonderer Inbrunst erzählt mir der rüstige Rentner beim Warten auf den Bus in der Berliner Mittagshitze die Geschichte des 50-km-Langlaufs an den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo. Von jenem jungen Schweizer, der nur als Ersatzläufer zum Einsatz kam und noch nie zuvor über 50 km startete. Er führte das Rennen jedoch sensationell nach 10 km, nach 20 km, nach 30 km, nach 40 km und sogar nach 45 km an. Erst im allerletzten Streckenteil büsste er für den Effort, brach ein und landete schliesslich auf Rang 6. Ich, der Langlauf-Journalist, kenne diese Schweizer Heldentat nicht. Also recherchiere ich. Und tatsächlich, die Geschichte stimmt. Werner Geeser hiess der junge Athlet. Mir bleibt die Erkenntnis: Der Volunteer, dein treuer Helfer und Lehrer.