US Open
La Grande Dame - Wie aus dem einstigen Glamour Girl Venus Williams ein Vorbild wurde

Venus Williams konnte zwischen 2000 und 2008 sieben Grand-Slam-Titel gewinnen. Ihre Geschichte ist so faszinierend wie zerstörend. Denn als ihr Vater im Jahr 1980 im Fernsehen einen Check von einem Tennisturnier sieht beschliesst er kurzerhand, dass seine Töchter Tennisprofis werden

Simon Häring
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Venus Williams strebt bei den US Open ihren ersten Major-Titel seit 2008 an.

Venus Williams strebt bei den US Open ihren ersten Major-Titel seit 2008 an.

Keystone

Auf dem Höhepunkt der Schaffenskraft gewinnt Venus Williams zwischen 2000 und 2008 sieben Grand-Slam-Titel, oft auch durch Erfolge gegen ihre jüngere Schwester Serena. Ihre Geschichte ist eine aus Zufall und Kalkül und eine, die gleichermassen fasziniert wie verstört. Sie beginnt 1980, kurz vor der Geburt, als Vater Richard beim Zappen bei der Siegerehrung eines Tennisturniers den Check sieht. «Eine unglaubliche Summe für vier Tage Arbeit», sagt er sich und fällt den Entschluss, dass seine Töchter Tennisspielerinnen werden.

Mondänes Leben im Blitzlicht

Fortan zeichnet ein 78-seitiges Konzept den Weg an die Spitze vor. Das Vorhaben gelingt. Zusammen gewinnen Venus und Serena 30 Grand-Slam-Titel im Einzel, 14 im Doppel, beide schaffen den Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Auf dem Höhepunkt des «Sister Acts» zeigt der US-Sender «ABC Family» eine sechsteilige Realityshow mit dem Titel «Venus and Serena: For Real». Die Show zeigt das mondäne Leben der Schwestern. Man sieht sie beim Probefahren eines Sportwagens, beim Shopping, wie sie bei Preisverleihungen über rote Teppiche gehen und bei Fotoshootings.

Venus Williams hatte viele einschneide Erlebnisse in ihrem Leben

Venus Williams hatte viele einschneide Erlebnisse in ihrem Leben

KEYSTONE/AP/KATHY WILLENS

Daneben versucht sich Venus als Innendekorateurin, baut das Modelabel «Eleven» auf und schreibt ein Buch darüber, wie sich sportliche Leistungsprinzipien ins Geschäftsleben übertragen lassen. Im Spätsommer 2015 erwirbt sie den Bachelor in Betriebswirtschaft. Sie definiert sich längst nicht mehr nur über Titel. Von der Rolle des Glamour Girls hat sie sich längst emanzipiert. Es gab viele einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben. Den Tod ihrer Halbschwester Yetunde Price zum Beispiel, die am 14. September 2003 in ihrem Auto erschossen wurde.

Aber kein Moment hat Venus Williams so verändert wie jener an den US Open 2011. Damals war bei ihr das Sjögren-Syndrom diagnostiziert worden, eine Autoimmunerkrankung, zu deren Symptomen Gelenkschmerzen und Müdigkeit gehören. Das erklärte endlich die sportliche Berg-und-Tal-Fahrt der letzten Jahre. Man erwartete den Rücktritt, doch stattdessen begann sie sich vegan zu ernähren und kehrte nach einem halben Jahr zurück.

«Gewinnen wird nie langweilig»

Sie war schon immer graziler als ihre Schwester, aber die Diät akzentuierte den Kontrast noch. Es war, als würde für Venus ein zweites Leben beginnen, das der Grande Dame. «Ich brauchte eine Weile, um Grenzen zu akzeptieren. Aber ich sehe es nicht so, als wäre das Glas halb leer, sondern halb voll», sagte sie am Dienstag, nachdem sie gegen Petra Kvitova einen 1:3-Rückstand im dritten Satz gedreht hatte.

«Gewinnen wird nie langweilig.» 20 Jahre nach ihren ersten US Open lebe sie noch immer ihren Traum. Kraft ihrer Lebensgeschichte hat sie sich zu einer Figur entwickelt, deren Strahlkraft nicht ausschliesslich vom Erfolg abhängt. Das hat auch mit Sätzen wie diesen zu tun: «Sport ist ein Mikrokosmos des Lebens. Es geht darum, sich da draussen gegen alle Widerstände durchzusetzen und niemals aufzugeben.» Es wirkt wie eine Blaupause für ihr Leben.

Venus Williams lebt immer noch ihren Traum

Venus Williams lebt immer noch ihren Traum

KEYSTONE/AP/AARON FAVILA

«Alle wollen wie Venus sein»

Venus Williams (37) hat niemals aufgegeben. Auch in diesem Jahr nicht. Im Frühling war sie in Florida in einen Autounfall verwickelt, bei dem ein 78-Jähriger ums Leben kam. Sportlich ist es hingegen ihre stärkste Saison seit Jahren. Sie stand schon in Melbourne und Wimbledon im Final. Halbfinal-Gegnerin Sloane Stephens sagt über ihre Landsfrau: «Venus ist unsere Anführerin. Alle wollen wie sie sein.» Den letzten Major-Titel im Einzel gewann Williams vor neun Jahren. An den Final gegen Schwester Serena erinnert sich kaum mehr jemand. Aus Glamour Girl Venus ist eine Grand Dame geworden.

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