Langlauf

Kriminell und schnell: Norwege Petter Northug ist erfolgreichster WM-Athlet

Petter Northug feiert seinen Weltmeistertitel im Sprint von Falun.

Petter Northug feiert seinen Weltmeistertitel im Sprint von Falun.

Petter Northug wurde im Herbst zu Gefängnis verurteilt, weil er betrunken einen Unfall verursacht hatte – nun macht er sich mit dem 10. Gold zum erfolgreichsten WM-Athleten.

Die Überraschung an der Siegerehrung bestand nicht darin, dass Petter Northug auf der obersten Stufe des Podests stand. Ungewohnt war vielmehr, dass er dabei Tränen vergoss. So viele Emotionen hatte der erfolgsverwöhnte Norweger noch selten gezeigt. Seine Erleichterung schien grenzenlos: Northug wirkte, als sei ein halbes Gebirge von seinen Schultern abgefallen in diesem Moment, in dem viel zusammenkam nach einem äusserst turbulenten Jahr.

Der Reihe nach: In seiner langlaufverrückten Heimat Norwegen ein Superstar, muss er nach den Olympischen Spielen in Sotschi viel Kritik einstecken. Zum ersten Mal überhaupt seit seinem WM-Debüt im Jahr 2007 ist er bei einem Grossanlass ohne Medaillen geblieben. In einem SMS an seinen Manager lässt er verlauten, er sei zum letzten Mal an einer Meisterschaft gewesen, um sich «anpinkeln zu lassen».

Dann folgt der verhängnisvolle 4. Mai 2014. Nach einer langen Nacht setzt sich Northug gegen fünf Uhr morgens stark betrunken ans Steuer seines teuren Sportwagens – und landet nach kurzer Fahrt im Strassengraben. In Panik lässt er das schrottreife Fahrzeug und seinen ebenfalls unverletzt gebliebenen Beifahrer zurück und begeht Fahrerflucht. Als ihn die Polizei wenig später aufspürt, streitet er im ersten Moment alles ab – um rasch einzusehen, dass es besser ist, alle Karten auf den Tisch zu legen. Einen Tag später bittet er an einer Pressekonferenz öffentlich um Verzeihung für sein Vergehen. «Ich bin bereit, meine Strafe dafür entgegenzunehmen.»

Im Dauerclinch mit dem Verband

Nachdem Northug im Sommer weitgehend abseits des Rampenlichts trainiert hat, wird er im Oktober zu einer 50-tägigen Gefängnisstrafe, einer Busse von 180 000 norwegischen Kronen und einem Fahrausweisentzug für fünf Jahre verurteilt. Der Zeitraum für das Absitzen der Strafe wird zunächst auf den Winter festgesetzt – genau während der Weltmeisterschaften in Falun. Ein Gesuch auf Verschiebung bis nach der Saison wird später gutgeheissen. Mit einer elektronischen Fussfessel wird Northug während seiner Gefängniszeit zudem weiter trainieren können.

Der Unfallprozess ist nicht der einzige Ärger, mit dem sich Northug vor der WM-Saison herumschlägt. Auch sein früheres Management zieht ihn vor Gericht, weil er vorzeitig aus dem Vertrag ausgestiegen ist. Zudem liegt er mit dem norwegischen Verband im Clinch. Mit einer grossen Supermarkt-Kette hat er einen lukrativen Sponsoring-Vertrag abgeschlossen. Weil es sich dabei um einen Konkurrenten eines wichtigen Verbandssponsors handelt, droht ihm der Rauswurf aus dem Nationalteam – und damit die Verbannung aus den Weltcup- und WM-Loipen. Erst am 1. November können sich die beiden Parteien auf einen Kompromiss einigen.

Die Vorbereitung auf die WM-Saison bestreitet der 29-Jährige mit seinem privaten Betreuerstab zwar grösstenteils abseits des Teams, akzeptiert aber den Willen der Trainer. So unterbricht er Ende Januar sein Höhentrainingslager auf dem Berninapass, um sich an den norwegischen Meisterschaften das Ticket für den WM-Sprint zu sichern – obwohl er diese Vorgabe als Schikane empfindet.

Nach seinem Triumph zum WM-Auftakt in einem spektakulären und spannenden Klassisch-Sprint dürften Northug nun wohl auch die letzten Norweger die kriminelle Tat aus dem Frühling verzeihen. «Dieser Titel bedeutet mir sehr viel», sagte Northug. «Das ist eine wichtige Saison für mich.» Der Bauernsohn aus der Nähe von Trondheim hat nun nicht nur in allen Einzeldisziplinen einen WM-Titel gewonnen. Mit seiner zehnten Goldmedaille löste er auch seinen Landsmann Björn Dählie als erfolgreichsten männlichen Teilnehmer bei nordischen Ski-Weltmeisterschaften ab. Und sein Medaillenhunger ist noch nicht gestillt: Auch über 30 und 50 km gehört Northug neben Dario Cologna zu den grössten Favoriten.

Björgen und Schniders Exploit

Bereits beim 13. WM-Gold ist Marit Björgen angelangt, die sich gestern in Falun zwölf Jahre nach ihrem ersten Titel vor der einheimischen Stina Nilsson durchsetzte. Der 34-jährigen Björgen fehlt nun noch ein Titel, um ihrerseits die Russin Jelena Välbe als erfolgreichste WM-Athletin der Geschichte abzulösen.

Für die grosse Überraschung aus Schweizer Sicht sorgte Ueli Schnider. Der 24-jährige Grenzwächter aus dem Entlebuch, der im Weltcup noch nie über Rang 22 hinausgekommen ist, glänzte als Achter.

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