Kommentar
Von Lara Gut-Behrami wurde Übernatürliches erwartet – doch das Menschliche ging dabei vergessen

Schon früh hiess es, Lara Gut-Behrami könne alles gewinnen. Und daran wurde sie gemessen. Jetzt ist sie Olympiasiegerin und erfüllt die Prophezeiung.

Martin Probst
Martin Probst
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Das letzte Puzzleteil: Lara Gut-Behrami gewann Olympiagold und ist sichtlich berührt.

Das letzte Puzzleteil: Lara Gut-Behrami gewann Olympiagold und ist sichtlich berührt.

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Lara Gut-Behrami hat es geschafft. Sie ist ganz oben angekommen im Olymp der alpinen Skifahrer. Mit Gold im Super-G gehört sie nun zum exklusiven Kreis jener Athletinnen, die alle grossen Titel gewonnen haben.

Weltmeisterin wurde Gut-Behrami vor einem Jahr. Den Gesamtweltcup gewann sie 2016. Nun ist die 30-Jährige Olympiasiegerin. Es ist die Vollendung ihrer Karriere und gleichzeitig die Erfüllung einer Prophezeiung, an deren Ursprung sie selbst vor 14 Jahren stand.

Damals tauchte sie 16-jährig im Weltcup auf, stürzte in St. Moritz kurz vor dem Ziel und wurde trotzdem Dritte. Und man ahnte: Das ist der Beginn einer aussergewöhnlichen Karriere. Die Erwartungen schossen in die Höhe und die Superlative wurden zum Begleiter und Massstab ihrer Karriere.

Sie muss nicht immer in die Kamera lachen

Doch auch Ausnahmetalente erleben Krisen und Rückschläge. Eigentlich ist das ganz normal. Aber wenn das Übernatürliche erwartet wird, haben menschliche Züge keinen Platz. Vielleicht wird auch darum nicht respektiert, dass Gut-Behrami nicht immer so fröhlich sein kann wie damals, als sie 2008 mit schneebedecktem Gesicht in die Kamera lachte.

Obwohl sich die Schlagzeilen bei ihr nicht nur um sportliche Leistungen drehten, sprechen ihre Erfolge für sich. Gut-Behrami stand auch dann auf dem Podest, wenn alle anderen Athletinnen und Athleten von Swiss-Ski versagten. An der WM 2013 zum Beispiel, als sie den Nuller verhinderte.

Eines geht in den Diskussionen, ob sie sich als Athletin abseits der Piste immer richtig verhalte, vergessen: Gerade weil Gut-Behrami ihren Weg geht und gelernt hat, sich abzugrenzen, sind die jüngsten Grosserfolge möglich. Sonst wäre sie an den Erwartungen womöglich zerbrochen.

So wie 2017, als Gut-Behrami an der Heim-WM in St. Moritz die grosse Favoritin war und sich schwer verletzte. Sie fühlte sich danach erstmals richtig frei. Weil sie nach Jahren im Rampenlicht endlich Ruhe fand.

Damals realisierte die Tessinerin, dass sie etwas verändern muss. Ihre Prioritäten verschoben sich. Das Privatleben wurde wichtiger und sorgte für ein Gleichgewicht in ihrem Leben, das Gut-Behrami erst erlaubte, sportlich ganz nach oben zu kommen. Dort ist sie jetzt. Das ist verdient.

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