Triathlon

Kann Daniela Ryf beim Ironman Hawaii ihren Titel verteidigen?

Daniela Ryf hat hoffentlich auch auf Hawaii allen Grund zum jubeln.

Daniela Ryf hat hoffentlich auch auf Hawaii allen Grund zum jubeln.

Wenn morgen in Hawaii der Startschuss zum diesjährigen Ironman fällt, werden viele Augen auf sie gerichtet sein: Daniela Ryf. Schafft die Solothurnerin nach ihrem Sieg im letzten Jahr die Titelverteidigung?

Wie reagieren, wenn die Perfektion verloren geht? Daniela Ryf ist vor dem Ironman bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr mit der Frage konfrontiert. Fällt die Reaktion auf Hawaii gleich aus wie ihre erste Antwort, dann werden wir morgen im Rennen eine gigantische Daniela Ryf zu sehen bekommen.

Die Solothurnerin macht nichts lieber, als ihre Grenzen zu kitzeln. Oder sie gar zu verschieben. Mit ihrer Ungeschlagenheit in der Saison 2015 hat Ryf Triathlon-Geschichte geschrieben. Und nebenbei 1 Million Dollar kassiert. Das höchste Preisgeld, das eine Triathletin je gewonnen hat.

Daniela Ryfs Zieleinlauf beim Ironman Hawaii 2015

Daniela Ryfs Zieleinlauf beim Ironman Hawaii 2015

Dazu weit und breit keine Anzeichen, dass ihre Siegesserie in diesem Jahr beendet werden könnte. Die Einzige, welche die 29-Jährige aus Feldbrunnen zu stoppen vermag, schien sie selbst zu sein. Ihre fehlende Bremse. «Sie will immer Gas geben, in jedem einzelnen Training», erklärt Ryfs Trainer Brett Sutton. Auch wenn der Australier in der Szene als «harter Hund» verschrien wird, so sieht er seinen Job in der Zusammenarbeit mit der Schweizer Sportlerin des Jahres doch oft als Aufgabe, «Daniela vor sich selber zu schützen».

Rückschlag in Frankfurt

Das Unterfangen «Titelverteidigung beim Ironman» geht seinen gewollten Weg. Bis zu jenem verhängnisvollen 3. Juli. Am Ironman in Frankfurt will sich Ryf für Hawaii qualifizieren. Auf den ersten Blick reine Formsache. Doch es passiert das Unvorstellbare. Die Solothurnerin muss erstmals in ihrer Karriere ein Rennen aufgeben. Das regnerische, kühle Wetter und Wassertemperaturen von 15 Grad lassen ihren Körper kollabieren. Nichts geht mehr auf der Velostrecke.

Ryf reagiert mental heftig. Eine Aufgabe sei schlimmer als ein schlechter Rang, meint sie. Enorme Unzufriedenheit und Selbstzweifel nagen an ihr. «Ich habe in Frankfurt eine grosse Schwäche gezeigt», sagt sie. Brett Sutton schüttelt ob solcher Aussagen nur den Kopf. Und er kennt die einzige Therapie, die bei Daniela Ryf hilft: Grenzen überschreiten. Zusammen planen sie als Reaktion auf ihre Aufgabe das Unmögliche. Die zweifache Olympiateilnehmerin soll in Roth und in Zürich zwei Ironman innerhalb von sieben Tagen absolvieren.

Sie tut es. Und wie! In Deutschland gewinnt Ryf mit der drittschnellsten Zeit, die eine Frau je erzielt hat (8:22:04), beim Ironman Switzerland mit Streckenrekord. «Wehe, wenn sie losgelassen», kommentiert ihr Trainer und er prophezeit: «In Hawaii mit acht Wochen zusätzlichem Training wird sie noch ein ganz anderes Tier sein.»

Die Welt der Solothurnerin ist wieder in Ordnung. Die Saisonhöhepunkte können kommen. Mitte August vor ihrem Abflug zur 70.3-Ironman-WM in Australien, die sie in den vergangenen beiden Jahren jeweils gewonnen hat, sagt sie: «Frankfurt hat mich mental ein wenig durchgeschüttelt. Aber insgesamt habe ich auf der Ironman-Distanz an Substanz gewonnen.»

Doch dann in Australien ein neuerlicher Rückschritt. Sie beendet die Weltmeisterschaft als Vierte neben dem Podest. Eine für ihre Verhältnisse schwache Leistung auf dem Velo ist der Hauptgrund. Gegen aussen nimmt sie die Niederlage erstaunlich locker. «Ich hatte keine guten Beine», sagt sie, «das kann immer mal passieren.»

Innerlich brodelt es und Daniela Ryf nimmt die dreiwöchige spezifische Hawaii-Vorbereitung in Südkorea mit einem unbefriedigenden Gefühl im Bauch in Angriff. Doch diesmal gibt es nur noch ein Ventil für eine heftige Reaktion: den Ironman selber. Nur hier kann sie das Tier wirklich von der Leine lassen.

Entspannt zur Titelvertedigung

Vier Tage vor dem Start stellt sich der «Angry Bird», wie Trainer Sutton sie als Spitzname nennt, zum letzten Mal der Öffentlichkeit. Die 29-jährige wirkt relaxt und bereit. Die Aufregung erkennt man höchstens an ihrem Redeschwall. Aber das ist nichts Neues. Die Selbstzweifel als treue Begleiter sind abgeschüttelt. «Ich freue mich auf das Rennen. Ich bin sehr zufrieden mit der Vorbereitung. Ich bin so bereit, wie man nur sein kann», sagt Ryf.

Und sie verspricht ein Feuerwerk. «Ich werde offensiv agieren. Das entspricht meinem Naturell. Ich möchte nicht ins Ziel kommen und denken, ich hätte mehr herausholen können.»
Die Titelverteidigung erzeuge keinen Druck. Im Gegenteil: Weil sie den Sieg auf Hawaii bereits erreicht habe, hoffe sie, das Rennen diesmal etwas mehr geniessen zu können. Was immer Genuss für ein von der Leine gelassenes Tier sein mag.

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