Interview
Jonas Omlin über seinen Start bei Montpellier, das Duell gegen PSG und die bevorstehende Geburt seines Sohnes

Sportlich war der Start für Jonas Omlin bei Montpellier HSC in der Ligue 1 ein Erfolg. Vor dem Spitzenkampf gegen Paris St. Germain spricht der Obwaldner aber auch über das schwierige Einleben unter Coronabedingungen.

Janick Wetterwald
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Jonas Omlin im Dress von Montpellier HSC.

Jonas Omlin im Dress von Montpellier HSC.

Federico Pestellini/Freshfocus (29. November 2020

Montpellier und das Meer statt Niederstad und des Alpnachersees. Jonas Omlin lebt seit Mitte August in der französischen Stadt mit nicht ganz 300'000 Einwohnern. Der 26-jährige Obwaldner hat bei Montpellier HSC einen Vertrag bis Ende der Saison 2024 unterschrieben. Die ersten Monate waren für Omlin sportlich sehr erfolgreich – der nächste Gegner am Samstag im Spitzenkampf heisst Paris St. Germain.

Neben dem Platz ist die Lage wegen Corona schwierig. Zusammen mit seiner Partnerin Janice erwartet der ehemalige FCL-Goalie noch Ende Dezember einen Sohn. Bis anhin war das Paar mit dieser Situation auf sich alleine gestellt – keine Besuche von der Familie oder sonstigen privaten Kontakte. Im Gespräch blickt Jonas Omlin unter anderem auf seine ersten Spiele in Frankreich zurück und verrät, wie er sich für die bevorstehende Geburt organisiert hat.

Sie haben nun zehn Spiele im Dress von Montpellier absolviert. Insgesamt hat Ihr Team aus zwölf Partien 23 Punkte geholt. Wie lautet Ihr Fazit zum Saisonstart?

Jonas Omlin: Ich ziehe ein positives Fazit. In dieser Liga ist es schwierig, Spiele zu gewinnen. Viele Mannschaften spielen auf einem guten Niveau, es ist sehr ausgeglichen. Die ersten zwölf Spiele haben wir eine gute Punkteausbeute erzielt und auch gegen starke Teams gepunktet.

Jonas Omlin im Dress von Montpellier HSC.

Jonas Omlin im Dress von Montpellier HSC.

Federico Pestellini/Freshfocus (29. November 2020

Wie schätzen Sie Ihre persönliche Leistung ein?

Aus meiner Sicht habe ich zu viele Tore (15) bekommen, aber diese Tore sind nicht auf Fehler von mir zurückzuführen. Trotzdem: Tore kriegen als Torhüter ist nie schön. Meine Leistungen waren konstant, ich bin nicht aufgefallen, aber auch nicht abgefallen. Im letzten Spiel konnte ich zum ersten Mal ohne Gegentor vom Platz, darüber bin ich glücklich.

Bei der 0:4-Klatsche gegen Stade Reims wurden Sie in der Pause ausgewechselt. Wie haben Sie diese erste Halbzeit erlebt?

Das war ein schlechter Spielverlauf für uns. Eine frühe rote Karte, danach kassieren wir drei Tore und noch vor der Pause die zweite rote Karte. Mir hat es nach zehn Minuten in den Oberschenkel gezwickt, und zur Pause ging es für mich nicht mehr weiter. Diese klare Niederlage war ein Weckruf, jeder hinterfragte seine Leistung, und seither haben wir vier Spiele in Serie gewonnen. Ich bin froh, nach der Verletzung wieder im Tor zu stehen.

Wie beschreiben Sie den Fussball in der französischen Liga?

Was für mich sehr eindrücklich ist: Offensiv haben viele Mannschaften grosses Potenzial und schnelle Spieler. Wenn die im Eins-gegen-Eins abgehen wie die Rakete, dann wird es für die Verteidigung schwierig.

Was sind die grössten Unterschiede zur Schweizer Liga?

Es wird mehr aus der zweiten Reihe geschossen; ich denke, darum gibt es auch so viele Tore. Ein weiterer Punkt: In der Schweiz spielst du gegen neun andere Mannschaften insgesamt viermal. Da weisst du bald mal, was auf dich zukommt. In der Ligue 1 hast du 19 verschiedene Gegner, auf die du nur zweimal pro Saison triffst.

Begrüssen Sie es als Goalie, wenn Sie in jedem Spiel viel Beschäftigung haben?

Das Problem ist, dass man so weniger zu null spielt. Ich begrüsse es aber schon, dass ich viel gefordert werde. Mit Basel gab es Spiele, wo ich sehr wenige Aktionen hatte.

Der nächste Gegner ist Paris St. Germain am Samstag um 21 Uhr. Sie werden mir jetzt sagen, das ist ein Spiel wie jedes andere, oder?

Genau (lacht). Klar wird es ein spezieller Match, und ich freue mich, gegen solche weltbekannten Namen spielen zu dürfen. PSG ist die beste Mannschaft in Frankreich, die auch in der Champions League für Furore sorgt.

Ist es sogar ein einfacheres Spiel als gegen einen Gegner aus dem Tabellenkeller?

Nein, das glaube ich nicht. Im Spiel denke ich nicht an die Namen der Spieler und mache das, was ich immer mache. Ich versuche, das abzurufen, was ich kann. Diese Einstellung hat sich bis jetzt bewährt.

Auf der andere Seite des Spielfelds wird Keylor Navas im Tor stehen. Was können Sie über ihn sagen?

Er ist ein sehr guter Goalie. Was er auf der Linie alles rausholt, ist stark. Sein Torwartspiel ist sehr eigen – vor einer Parade macht er viele Sidesteps und verkürzt den Winkel sehr gut. Er liest auch das Spiel gut. Seine Art als Torhüter finde ich beeindruckend.

Sprechen wir wieder über Ihren Verein. Sie haben in einem früheren Interview die Infrastruktur von Montpellier besonders erwähnt. Was ist Ihnen da aufgefallen?

Der grösste Unterschied ist der Platz. Im Vergleich zu Basel ist das Fussballgelände von Montpellier viel grösser und zudem etwas abgeschottet. Es wird alles bewacht, und wir kommen nur mit einem Badge auf das Gelände. Trotz der Grösse ist der ganze Verein in einem Komplex vereint, die Junioren, die Frauen, die 1. Mannschaft.

Wie modern ist die Anlage?

Rein von der Ausstattung her ist es vergleichbar mit Basel. Ein topmodernes Trainingsgelände, wie beispielsweise Liverpool kürzlich eröffnet hat, ist es nicht.

Die Distanzen zwischen den Spielorten sind in Frankreich grösser als in der Schweiz. Wie reisen Sie mit der Mannschaft an die Auswärtsspiele?

Viel mit dem Flugzeug. Das Fliegen finde ich sehr angenehm, und der Zeitverlust ist kleiner. Es gibt aber auch längere Reisen mit dem Bus. Beispielsweise nach Bordeaux eine rund sechsstündige Busfahrt. Die Stimmung im Flieger ist ähnlich wie im Bus. Jeder ist für sich, hat Kopfhörer auf, hört Musik oder schaut einen Film.

Wie sehen Sie Ihre Rolle im Team?

Als Goalie würde ich sagen (lacht).

Was heisst das?

Unter den aktuellen Bedingungen ist es schwierig, private Freundschaften zu knüpfen. Ich schaue im Training auf mich, mache meinen Job und versuche, den Verteidigern Sicherheit zu geben. Ich denke, das hat bisher sehr gut geklappt.

Medial stehen Sie weniger im Fokus als noch beim FC Basel. Wie gehen Sie damit um?

Aufgrund meiner Französischkenntnisse werde ich selten für Interviews ausgewählt, was für mich auch völlig in Ordnung ist. Es ist aber eine angenehme Abwechslung, wenn mal jemand aus der Schweiz anruft (lacht).

Nach seinem ersten Spiel ohne Gegentor gab Omlin ein kurzes Interview:

Thema Corona: Wie streng sind die Regeln im Verein und im Land?

Es gilt auf dem ganzen Gelände eine Maskenpflicht, und die ganze Mannschaft wird mindestens einmal in der Woche auf das Virus getestet. Privat wurden die Regeln gerade etwas gelockert. Man darf in Frankreich wieder bis zu drei Stunden am Tag nach draussen. Allerdings muss man dafür ein Dokument ausfüllen und die genauen Gründe angeben.

Wie gehen Sie und Ihre Partnerin mit dieser Situation um?

Für meine Freundin Janice und mich war es ein schwieriger Start. Wir konnten die Stadt nicht kennenlernen. Zudem wäre meine Partnerin gerne mal zurück in die Schweiz gereist, oder wir hätten hier Besuch erwartet. Janice reiste einmal in die Schweiz, allerdings unter erschwerten Bedingungen mit zehn Tagen Quarantäne. Hauptsächlich waren wir mit der Situation hier in Frankreich auf uns alleine gestellt.

Sie beide erwarten Ende Dezember einen Sohn. Wie geht es Ihnen mit der Schwangerschaft?

Janice geht es sehr gut, sie hatte bisher keine Komplikationen. Der Termin ist Ende Dezember, und wir möchten, dass das Kind in der Schweiz auf die Welt kommt.

Wie sieht der Plan aus für die Geburt?

Janice wird schon bald in die Schweiz zurückkehren. Ich bleibe hier, trainiere, spiele und warte – wir haben am 23. Dezember das letzte Spiel in diesem Jahr. Danach kann ich hoffentlich ein paar Tage in der Heimat verbringen. Kommt das Baby früher, werde ich so schnell wie möglich in die Schweiz fliegen – der Verein ist informiert.

Zum Schluss noch ein Blick zurück auf Ihr erstes Spiel im Dress der Schweizer Nationalmannschaft: Wie viel hat Ihnen das Testspiel gegen Kroatien bedeutet?

Für mich war es das erste Spiel überhaupt für die Schweiz. Viele Spieler haben zuvor Einsätze in den Junioren-Nationalmannschaften – ich bin da ein Quereinsteiger. Es war eine coole Erfahrung gegen einen super Gegner, bei dem am Ende auch noch Luka Modric auf dem Platz stand. Besonders froh war ich auch, dass meine Familie in diesem Spiel auf der Tribüne sitzen durfte. Das war sehr wertvoll für mich.

Wie sehen Sie Ihre Chancen in Zukunft in der Schweizer Nati?

Sehr positiv. Ich wurde in den letzten Zusammenzügen oft aufgeboten, aber die Konkurrenz ist gross. Wir haben das Glück in der Schweiz, sehr viele gute Goalies zu haben. Mit Yann Sommer, Yvon Mvogo und Goalietrainer Patrick Foletti haben wir ein super Team zusammen. Ich hoffe, dieses Trio bleibt so noch etwas bestehen, und ich will natürlich in Zukunft noch mehr Einsätze für die Schweiz haben.

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