Rettet die Tigers

Jakobs Weg: Mit Rettet die Tigers zum Vorzeige-Sportunternehmen

Langnau hat nur noch minime Chancen auf eine Playoff-Qualifikation. Trotzdem schreiben sie im strukturschwachen Emmental an einer Erfolgsgeschichte. Noch vor acht Jahren auf dem Sterbebett, präsentieren sich die SCL Tigers heute als Vorzeige-Unternehmen. Eine Reportage aus Hockey-Country.

Die Augen des jungen Mannes an der Kasse stehen auf halbmast. Letzte Nacht war er in Bern oben. Und es ist spät geworden, bis er wieder zurück in Langnau war. Denn YB hat gewonnen. Kein normales Spiel, sondern den Cup-Halbfinal gegen Basel. Vielleicht wäre es klug, heute früher ins Bett zu gehen, sinniert er. Aber das geht nicht. Denn heute spielen die SCL Tigers. Ein Pflichttermin für die Dorfbewohner. «Hier wird man als SCL-Fan geboren», sagt der junge Mann.

Das Spiel am Abend ist die grosse Chance auf die erst zweite Playoff-Qualifikation. Mit einem Sieg gegen Servette würde man den Gegner überholen, läge zwei Runden vor Schluss über dem Strich. Aber das Spiel endet 1:3. Die Playoffs verkommen zum verschwommenen Bild. Ein Rückschlag? Vielleicht. Nur: Die Emmentaler haben trotz dem herausragenden Torhüter Ivars Punnenovs die billigste und untalentierteste Mannschaft der NLA.

Dass sie zwei Runden vor Schluss noch eine theoretische Playoff-Chance haben, ist erstaunlich. Gar wundervoll ist, dass sie heute als Vorzeige-Sportunternehmen gelten, schuldenfrei sind, zuletzt viermal hintereinander Gewinn erwirtschaftet haben, das Stadion bei Heimspielen zu 96 Prozent ausgelastet ist. Und das, obwohl der Klub vor acht Jahren auf dem Sterbebett lag, in einer der strukturschwächsten Regionen des Landes beheimatet ist.

Die prächtigen Jugendstilhäuser im 9241-Einwohner-Dorf erzählen eine andere Geschichte. «Im alten Bern war Langnau hinter Bern und Lausanne die drittgrösste Gemeinde», erzählt Bernhard Antener. «Leinenweberei, Holzverarbeitung, Käse, Töpferei – alles florierte. Selbst der russische Zar kam zu Besuch. Aber die Industrialisierung hat hier nicht stattgefunden, weil sich die Käse-Barone dagegen sperrten. Sie befürchteten, dass die Löhne für ihre Angestellten steigen würden. So ging alles verloren. Sogar der Käse.»

Ein Stück Lebenselixier

Bernhard Antener ist eine Säule der Langnauer Gesellschaft, eine wichtige Figur im Stück «Rettet die Tiger». Dabei hatte Antener nie eine Funktion im Eishockey-Klub.
24 Jahre lang, bis Ende 2017, amtete Antener als Gemeindepräsident. Nicht als Vertreter der SVP oder der BDP. Nein, als Sozialdemokrat. «Ach, wissen Sie», holt der Rechtsanwalt aus, «wir sind hier sicher nicht privilegiert. Das zwingt uns, politisch zusammenzurücken. Denn wenn wir uns das Leben durch Blockaden und Ränkespiele schwermachen, werden wir noch stärker abgehängt.»

Zurückgeblieben war der Eishockey-Klub. Marode Spielstätte, Schulden, Misswirtschaft, ausstehende Löhne – 2009 war der Konkurs nur noch einen Steinwurf entfernt. «Wenn die Tiger untergehen, kann das der Gemeinde nicht egal sein», sagt Antener. «Ausserdem sind die Tiger Ersatzreligion und ein Stück Lebenselixier für viele hier im Tal.»

Also wirft der glühende Tiger-Fan all sein politisches Talent in die Waagschale, um die vom Aussterben bedrohte Art «Dorfklub in der kommerzialisierten Welt des Sports» zu retten. Antener sorgt dafür, dass der Gemeinderat einem 800 000-Franken-Darlehen zustimmt. Mit einer Bedingung: Die Gruppe um Peter Jakob soll künftig den Laden führen.

Jakob, immer wieder Jakob

Wo man sich im Dorf umhört, immer wieder «Jakob». «Jakob hat den Klub gerettet.» Oder: «Ohne Jakob kein Tiger.» Oder: «Dank Jakob spielen wir wieder im Konzert der Grossen.» Oder: «Ohne Jakob hätten wir kein neues Stadion.»

Peter Jakob ist der Mann, der 2009 die Initiative «Rettet die Tiger» lanciert. Nicht, weil er ein heissblütiger Fan ist. Noch weniger, weil er ein grosses Sendungsbewusstsein hat. Nein, er hilft, weil dem Emmental, seiner Heimat, «etwas Existenzielles fehlte, würde der Klub liquidiert».

Was 1904 in Trubschachen als kleine Hanfseilerei beginnt, ist heute eine grosse Nummer im Drahtseilgeschäft mit weltweit 570 Mitarbeitern – aber immer noch das Familienunternehmen Jakob. «Ich habe das Privileg, dass die Firma meiner Frau und mir gehört. Wir könnten nach Vermögensvermehrung streben. Aber das wollen wir nicht. Wenn wir stattdessen etwas Gutes für unsere Heimat tun können, ist das bestimmt nicht verkehrt.»

Der Hungertod droht

Jakob ist kein schillernder Klub-Boss. Der populäre Weg, in flinke Beine und schnelle Hände zu investieren, ist nicht seiner. Er präferiert Nachhaltigkeit. Das Stadion soll modernisiert werden, damit der Klub langfristig überleben kann. Er sucht, aber findet keine Mitstreiter. Selbst seine Hausbank will nicht in Beton investieren. Denn sie befürchtet: Wenn der Tiger nicht beisst, sitzen wir auf einer Bauruine.

Die Migros Genossenschaft Aare kriegt Wind von Jakobs Plänen. Prima Vista ist das Angebot verlockend: Wir bauen euch den Gastrobereich. Aber Jakob schaut ein zweites Mal hin. Und realisiert: Wenn das Stadion dem Detailhändler gehört, wird nicht nur ein Mietzins (zirka 400 000 Franken jährlich) fällig, sondern fliesst jeder Franken, der erwirtschaftet wird, in die Migros-Kasse. Der Tiger drohte in diesem Fall der Hungertod.

Wieder spielt die Allianz Antener/Jakob. Der Gemeindepräsident bringt im Volk eine 12-Millionen-Investition für die Stadionsanierung durch. Und Jakob geht, nachdem er keine Mitstreiter gefunden hat, das Risiko ein, 18 Millionen aus seiner Firma zu nehmen. Er weiss, dass er dieses Geld abschreiben muss. Und er weiss, dass sich dadurch ein geplanter Firmen-Neubau um acht Jahre verzögert. Aber er tut es, weil es getan werden muss und vor allem, weil es die Firma nicht in existenzielle Schwierigkeiten bringt.

Achtgrösster Arbeitgeber

Heute, viereinhalb Jahre nach dem ersten Spiel in der sanierten Ilfishalle sind die Tigers fitter denn je. Das 800 000-Franken-Darlehen bezahlten sie nach sieben Jahren zurück. Sie sind schuldenfrei. Sie setzen mit den drei Gastro-Betrieben 4,5 Millionen Franken um, wovon zirka 800 000 Franken netto in den Sport fliessen. Sie bezahlen keine Miete für den Gastro-Bereich. Neben den Heimspielen finden im Tigersaal bis zu 120 Events pro Jahr statt – unter anderem Konzerte von Philipp Fankhauser und Bastian Baker. Und mit 60 Voll- und 200 Teilzeitstellen sind sie der achtgrösste Arbeitgeber im Dorf.

National League –  Die letzten beiden Runden

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Aber die Tigers haben Lust auf mehr. Neben der Ilfishalle soll ein zweites Eisfeld entstehen. Der Bau ist bewilligt. An der Finanzierung (20 Millionen) arbeitet Jakob noch. Das Projekt «Eisfeld Zwei» ist die nächste Etappe auf dem Weg in die Zukunft. Wobei mehr als «nur» ein Eisfeld gebaut wird. Die Cateringmöglichkeiten werden erweitert.

Es gibt zehn zusätzliche Garderoben, unterirdische Parkplätze und über dem Eisfeld eine polysportive Trainingshalle. Und weil «Eisfeld Zwei» NHL-Format hat, wird Langnau wohl zum Stützpunkt für Landesauswahlen, die sich auf ein Turnier in Übersee vorbereiten.

Zurück in die Gegenwart: Tanner Richard trifft kurz vor Schluss ins leere Tor zum 3:1 für Servette. Das Aus im Kampf um die Playoffs? Wahrscheinlich. Die Zuschauer schälen sich aus ihren Schalensitzen und stapfen Richtung Ausgang. Keine Wut, kein böses Wort. In Langnau verlieren sie mit Anstand.

Aber enttäuscht sind sie gleichwohl, weil sie es gerne den grossen Mannschaften aus den reichen Städten zeigen würden. Und weil sie gerne feiern. Wie damals, 2011, als sie sich erst- und letztmals für die Playoffs qualifiziert haben. Damals gab es Freinacht in Langnau. An diesem Abend wäre im «Käpt’n Holger» Märit-Tanz. Die eine Gestalt, die wir durch die Scheibe beobachten, hat die Tanzfläche für sich allein.

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