Schweizer Nati
Es fehlt ein Torschütze, der den Gegner in Angst und Schrecken versetzt – ist die Zeit reif für eine Rochade?

Haris Seferovic oder Mario Gavranovic – die Schweiz braucht an der EM endlich einen Stossstürmer, der trifft.

Christian Brägger aus Rom
Merken
Drucken
Teilen

Eigentlich war es wie immer. Haris Seferovic rackerte, rannte in die Tiefe, liess sich zurückfallen, kam zu Chancen – und traf nicht. Minuten nach der Pause im Auftaktspiel gegen Wales hatte der Stürmer noch einen guten Moment mit dem Pass auf Breel Embolo, danach hiess es bei ihm: Akku leer. Seine Auswechslung? Sie erfolgte viel zu spät, weswegen es für Nationaltrainer Vladimir Petkovic auch Kritik gab.

Seferovic wurde in der Schlussphase durch Mario Gavranovic ersetzt, der das Angriffsspiel nochmals belebte und mit der ersten Ballberührung gar das vermeintliche Siegestor schoss. Man sah: Gavranovic ist in Topform, jüngst bewies der 31-Jährige dies im Test gegen Liechtenstein mit drei Treffern. Aber eben, gegen Liechtenstein.

Das Fazit nach der Partie lautete jedenfalls so: Embolo hat geliefert, Gavranovic auch, Severovic nicht.

Man sollte Seferovic nicht abschreiben

Es sind immer die Fragen: Was darf die Schweiz von ihren Stürmern erwarten? Und kann das Land an einem Turnier verkraften, keinen Knipser in den eigenen Reihen zu haben? Nicht wie die Polen, Franzosen, Belgier?

Auf dem Platz liegt die Wahrheit, sagt man, sie liegt auch in der Statistik: Die Schweiz fuhr unter Petkovic an Endrunden erst zwei Siege ein, dies in neun Auftritten, in denen sie neun Treffer erzielte. Die Torschützen: Schär, Mehmedi, Dzemaili, Drmic, Zuber, zweimal Shaqiri, Xhaka und Embolo. Seferovic, seit Jahren der nominelle Stürmer Nummer eins, fehlt auf dieser Liste, Gavranovic ebenfalls. Wobei dieser an der EM 2016 nicht im Aufgebot stand. Und es fehlt sowieso: Ein Torschütze, der den Gegner in Angst und Schrecken versetzt.

Haris Seferovic sagte in diesem Frühjahr einmal: «Man sollte die Schweiz nicht abschreiben.» Er hatte dabei die schlechten Resultate des vergangenen Jahres im Kopf, als es auf dem Rasen keinen einzigen Sieg gab. Womöglich hätte man die Worte auch so auslegen können: Man sollte Seferovic nicht abschreiben. Im Klub spielt der 29-Jährige bereits seit vier Saisons für Benfica, zwei davon waren schlicht herausragend.

Natürlich schnöden die Kritiker, er spiele nur in der portugiesischen Liga. Dennoch rührt die Erwartungshaltung, die man bei ihm ins Nationalteam projiziert, auch aus den Auftritten für den Arbeitgeber. Dass er allen zeige, wie gut er tatsächlich sein kann, dass die Ausreisser wie an der U17-WM in Nigeria, an der WM in Brasilien gegen Ecuador, in der Nations League gegen Belgien, dass die grossen Momente nicht selten sein dürfen. Die Erinnerungen daran verblassen.

Und nun, in diesem zweiten Gruppenspiel, sollte also Gavranovic gegen Italien spielen? Weil er gerade so in Topform ist?

Es war Ende 2018 ein Spiel in der Nations League, auswärts in Belgien. Gavranovic wurde in der 70. Minute eingewechselt, wieder einmal für Seferovic, kurz darauf erzielte er für die Schweiz den zwischenzeitlichen Ausgleich. Das Spiel ging dennoch verloren. Im Nachgang der Partie schlenderte der Tessiner verspätet und einsam aus dem Stadion, einzig zwei Journalisten aus dem Heimatkanton warteten auf den Torschützen.

Es wirkte für den Moment, als wäre Gavranovic vergessen gegangen. Der Teambus jedenfalls war bereits abgefahren. So ist das mit Gavranovic, manchmal geht er fast vergessen. Dann kämpft er sich wieder heran, beispielsweise in dieser Saison mit 17 Toren in der Meisterschaft für Dinamo Zagreb – nur in der kroatischen Liga, muss man sagen, aber immerhin. Und doch kommt er nie an Seferovic vorbei, weil dieser unter Petkovic gesetzt ist, auch wenn der Nationalcoach sagt: «Jeder kann sich aufdrängen, es gibt keine Nummer eins im Sturm.»

Zu Gavranovic passt auch diese Episode. Im WM-Sommer in Russland kam der Stürmer gegen Serbien nach der Pause für den schwachen Seferovic herein, in den Schlussminuten spielte er den vertikalen Pass auf Xherdan Shaqiri. Es war der siegbringende Schlussakt. Danach durfte Gavranovic gegen Costa Rica beginnen, man dachte, jetzt müsste der Spieler seine Chance packen, auf die er so lange gewartet hatte.

Und wieder: Er konnte sich nicht nachhaltig empfehlen. Gegen Schweden im WM-Achtelfinal stand er nicht auf dem Platz.

Gavranovic hat eine sehr gute Quote

Der eher kleingewachsene Gavranovic (1,75m) hat seine Qualitäten, es sind Skorerqualitäten, in 31 Länderspielen erzielte er 14 Tore, das ist eine für Schweizer Verhältnisse sehr gute Quote. Rekordtorschütze Alex Frei brachte es in 82 Länderspielen auf 42 Treffer – nicht viel besser also. «Ich fühle mich bereit, der Mannschaft zu helfen, und hoffe, dass ich die Chance nutzen kann. Das Team wird mich sicher brauchen können, ich möchte einen positiven Druck ausüben», wiederholt Gavranovic fast schon mantramässig und seit Jahren diese Sätze, auch hier an der EM.

Und tatsächlich übt er Druck aus im Schweizer Sturm, vielleicht mehr denn je, es soll ihr Schaden nicht sein. Gegen Italien, gegen das Innenverteidigerduo Chiellini/Bonucci, diese beiden alten Kämpen, braucht es gefährliche Stürmer in Topform, am besten mit zählbaren Erträgen. Noch sind die Vorteile bei Seferovic – auch weil Petkovic auf ihn setzt.