Interview
«Der Nati-Job würde mich reizen» – Murat Yakin über das Trainerleben und Integration

Kinderzimmer statt Fussballstadion: Für Murat Yakin (41) haben sich die Prioritäten verändert. Als Spieler und Trainer war er vom Erfolg verwöhnt, doch seit seinem Abgang bei Spartak Moskau ist er arbeitslos. Der Vorzeige-Secondo spricht über die Nati, Integration und seine Versöhnung mit früheren Basler Spielerkollegen.

Patrik Müller, François Schmid (Text) und Sandra Ardizzone (Bilder)
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Einige Gäste im Café Frankental in Zürich- Höngg, wo wir uns zum Interview treffen, blicken neugierig hinüber zu unserem Tisch. Murat Yakin wohnt im nahen Oberengstringen und ist zurzeit hauptberuflich Familienvater, doch er wird noch immer überall erkannt: Dieselbe Frisur (einfach mit ein paar grauen Strähnen), schwarzes Hugo-Boss-T-Shirt, unvermindert sportliche Statur. Man sieht ihm die kurzen Nächte nicht an, die ihm sein 16-monatiges Töchterchen beschert hat: In den letzten Tagen habe die Kleine Windpocken gehabt, erzählt er. Als wir mit dem Gespräch beginnen wollen, kommt eine ältere Frau und will ein Autogramm. Routiniert fragt Yakin nach ihrem Namen und erfüllt den Wunsch lächelnd.

Murat Yakin, kommt das noch oft vor, dass Sie nach Autogrammen gefragt werden?

Murat Yakin: Ja, schon. Meistens sind die Damen etwas jünger (lacht).

Auch Ihre Fans werden älter.

Ja, daran sieht man, wie schnell die Zeit vergeht. Lustig ist, wenn Eltern mit 7- oder 8-jährigen Kindern kommen und diesen zuerst erklären, wer ich bin. Dann denke ich: Als ich aufgehört habe zu spielen, waren die noch nicht auf der Welt. Manchmal werde ich auch mit meinem Bruder Hakan verwechselt.

Sie sind zurzeit vor allem Familienvater, während Hakan als Juniorentrainer in St. Gallen arbeitet. Wie oft haben Sie Kontakt?

Oft. Ich habe Hakan zweimal in St. Gallen an einem Spiel beobachtet: Es gelingt ihm als Trainer, eine Linie ins Spiel zu bringen. Vielleicht hat er taktisch etwas mitgenommen aus Luzern, wo er unter mir als Trainer Spieler war (lacht). Nun muss Hakan noch die Diplomarbeit machen.

Um Sie ist es seit Ihrer Zeit als Trainer in Basel 2013/2014 und dem Rücktritt bei Spartak Moskau vor knapp einem Jahr ruhig geworden. Wie sieht Ihr Alltag aus?

Mein Leben hatte immer nach etwa zehn Jahren einen Einschnitt: Mit 20 ging die Karriere als Fussballer richtig los, kurz nach 30 wurde ich Trainer, und mit 40 wurde ich Vater. Nun kann ich einfach mal machen, worauf ich Lust habe, und bin nicht vom Terminkalender getrieben. Unser Töchterchen füllt meinen Tag voll und ganz aus, das geniesse ich sehr.

Was ist Ihnen als Vater wichtig?

Ich möchte unserer Kleinen vor allem eines geben: Geborgenheit. In den ersten Monaten nach der Geburt war sicher die Mutter wichtiger für das Baby, aber seit das Töchterchen gehen kann – und das war exakt am ersten Geburtstag der Fall! – kann ich viel mit ihr unternehmen.

Und wie ist es mit Sport?

Die koordinativen Fähigkeiten übe ich schon mal mit ihr. Das macht Spass. Wenn sie später Sport machen möchte, wäre mir eine Mannschaftssportart lieber. Aber das ist nebensächlich.

Als Spieler und Trainer liefen Sie hochtourig, Sie lebten vom Adrenalin. Daran gewöhnt man sich wahrscheinlich.

Ja, das stimmt.

Jetzt, wo das Adrenalin weg ist: Was gibt Ihnen den Kick?

Am Anfang dachte ich tatsächlich: Du musst im selben Tempo weitermachen. Ich war fast neun Jahre lang Trainer, füllte meinen Rucksack mit dem Trainerdiplom und mehreren Stationen, hatte nie wirklich Pause. Umso mehr geniesse ich jetzt, kein Spielball von niemandem zu sein. Mir fehlt nichts.

Und wenn Sie am Wochenende ein Fussballspiel am Fernseher schauen, juckt es Sie da nicht?

Ich schaffe es kaum, am Fernsehen länger als 15 Minuten dranzubleiben.

Sprechen Sie von Spielen der Schweizer Fussball-Nati?

Ganz generell. Fussball am TV bringt keine Emotionen. Wenn, dann muss ich ins Stadion. Das tue ich immer wieder, sei es in Turin oder in Liverpool. Oder auch in der Schweiz. Sicher denke ich manchmal auf der Tribüne: Dieses Spiel ist schon etwas Tolles, und wäre gern nicht nur Zuschauer. Aber der zweite Gedanke ist dann sofort: Das ganze Drumherum vermisse ich zurzeit nicht.

Sie haben in Ihrer Karriere gut verdient. Offenbar haben Sie das Geld vor allem in Immobilien angelegt?

Ja, und zwar zum richtigen Zeitpunkt. Da war auch Glück dabei. Ein Geschäftspartner und ich haben vor 15 Jahren begonnen, in Basel Häuser zu kaufen. Das erste ersteigerten wir an einer Gant, danach frass ich den Narren an diesem Geschäft. Vielleicht hat das auch mit meiner ursprünglichen Tätigkeit zu tun: Ich habe Metallbauzeichner angelernt. Ich brach die Lehre gegen den Widerstand meiner Mutter ab, nachdem ich mit 17 von Basel nach Zürich zu den Grasshoppers gekommen war.

Man hört, dass Sie nun Häuser verkaufen wollen.

Wir strukturieren um, ein paar Häuser möchten wir abstossen. Es ist der beste Moment: Alle suchen Häuser, die Preise sind gut.

Was machen Sie mit dem vielen Geld, das da reinkommt? Kaufen Sie sich einen Fussballklub?

Nein, nein! Wenn ich investiere, dann wieder in Immobilien.

Sie waren einer der ersten wirklich populären Secondo-Spieler in der Schweiz. Von Integrationsproblemen hörte man bei Ihnen nie. Woran lag es?

Das hat sicher mit meiner Mutter zu tun. Sie hielt einerseits – ganz türkisch – immer die schützende Hand über mich und meinen Bruder. Andererseits liess sie uns auch, wie in der Schweiz üblich, einige Freiheiten, sodass wir uns entfalten konnten. Unsere Religion spielte eine untergeordnete Rolle, wir waren keine praktizierenden Muslime. Und der Fussball ermöglichte Kontakte zu Schweizern und Menschen anderer Herkunft.

Waren Sie als Kind in der Türkei?

Geboren wurde ich in der Schweiz. Aber als Kinder reisten wir in den Ferien in die Türkei. Daran kann ich mich gut erinnern: Weil wir das Flugticket nicht bezahlen konnten, nahmen wir den Zug – und fuhren zweieinhalb Tage von Basel nach Istanbul, über Wien und Belgrad. Mit im Gepäck waren 25 Aldi- Taschen mit allem Kram drin.

Täuscht der Eindruck oder war Ihre Secondo-Generation in der Fussball- Nati besser integriert als die heutige, wo man vom Balkan-Graben spricht?

Als ich 1992 mein erstes Spiel mit der Nati hatte, waren meine türkischen Wurzeln überhaupt kein Thema. Schon damals war es eine Multikulti-Truppe, und alle fühlten sich als Schweizer. Wahrscheinlich hatten wir Secondos damals den grösseren Siegeswillen und gaben alles. Wir wollten nicht nur spielen, sondern auch gewinnen.

Waren die Spieler mit ausländischen Wurzeln damals hungriger?

Die heutige Generation muss wohl weniger kämpfen. Bei mir war in den 90er- Jahren nur schon die Einbürgerung ziemlich kompliziert. Nati-Coach Roy Hodgson schrieb den Behörden einen Brief mit der Bitte, dass das Einbürgerungsverfahren beschleunigt werde. Es nützte nichts. Dass ich an der Fussball- WM 1994 nicht spielen konnte, hatte jedoch andere Gründe ...

Haben Sie zu viel Party gemacht?

Das nicht, aber bei der ersten Nati-Zusammenkunft im «Dolder Waldhaus» war ich – mit Ciri Sforza, Thomas Bickel und anderen GC-Kompagnons – länger an der Bar als erlaubt. Um 23 Uhr kam Assistenztrainer Bidu Zaugg rein und sah uns. Ich war der Jüngste und flog darauf aus der Nati. Roy Hodgson hat Jahre später in einem Zeitungsinterview gesagt, das sei ein Fehler gewesen. Das rechne ich ihm hoch an.

Was muss passieren, dass unsere Fussball- Nati an der EM in Frankreich nicht untergeht?

Untergehen wird sie nicht. Entscheidend wird sein, dass das Team den Schalter umstellen kann: Vom Freundschaftsspiel- zum Ernstkampf-Modus. Ob diese Mentalität vorhanden ist, werden wir spätestens an der EM sehen.

Die Nati erreicht die Herzen der Schweizerinnen und Schweizer nicht mehr. Einverstanden mit dieser Diagnose?

Das kann sein. Vielleicht hängt das auch mit den eher undankbaren Freundschaftsspielen gegen Bosnien und jetzt dann noch gegen Belgien und Moldawien zusammen. Da kommt schwerlich Stimmung auf. Das war vor der WM 2014 anders, als die Schweiz in Basel gegen Brasilien spielte und 1:0 gewann. Gegen wen spielen die Deutschen?

Gegen Italien und England.

Eben. Hochattraktive Gegner, die Vorfreude erzeugen. Man kann sich zudem fragen, ob die Nati die richtigen Spielorte gewählt hat (Zürich, Genf und Lugano; die Red.)

Das Spiel diese Woche gegen Bosnien...

... davon hab ich ehrlich gesagt nur zwei Minuten gesehen. Ich zog es vor, meine Tochter zu «schöppele» und dann ins Bett zu bringen. Ich bin also nicht imstande, eine Spielkritik zu machen (lacht).

Wie beurteilen Sie den Rauswurf von Captain Gökhan Inler durch Nati- Coach Vladimir Petkovic?

Ich halte viel von Gökhan. Er hat das Pech, dass die Mannschaft von Leicester zurzeit derart auftrumpft, keine Verletzten hat und keine Schwächen zeigt, dass er einfach nicht zum Spielen kam. Gökhan muss akzeptieren, dass er ohne Spielpraxis bei der Nati nicht zum Zug kommt.

Es war die ruhigste Captain-Absetzung der letzten 20 Jahre. Warum?

Das müssen Sie beantworten. Sonst wirke ich zynisch (lacht).

Wie meinen Sie das?

Ich mache einen Vergleich: Wenn an der EM 2004 bei der Spuck-Affäre nicht Alex Frei, sondern Hakan der Schuldige gewesen wäre, dann wäre der Teufel los gewesen. Manchmal kommt es eben nicht nur darauf an, was passiert. Sondern wem es passiert. Ebenso gut kann man sich vorstellen, was passieren würde, wenn statt Inler nun Stephan Lichtsteiner als Captain abgesetzt würde.

Sie identifizieren sich immer noch sehr mit der Nati. Ist es ein Traum von Ihnen, eines Tages Nati-Coach zu werden?

Dazu braucht man, wie die letzten Nati- Trainer zeigen, eine gewisse Erfahrung. Aber natürlich ist das ein sehr interessanter und reizvoller Job, zu dem ich nicht Nein sagen würde.

Mit welchen Gefühlen denken Sie an den FC Basel zurück?

Wenn ich im Stadion bin, fiebere ich mit, wie ein Fan. Ich war gegen Fiorentina und St-Étienne dabei. Ich habe keinerlei schlechte Gefühle. Die Trennung war in der damaligen Konstellation – im Nachhinein betrachtet – richtig.

Sehen Sie das so emotionslos?

Eine Trennung schmerzt immer. Aber vom Schmerz ist nichts übrig geblieben. Ich erinnere mich gut an mein letztes Spiel als FCB-Trainer. Präsident Bernhard Heusler und ich sassen in der Kabine lange zusammen und sprachen sehr offen. Weder er noch ich wusste damals, ob die Entscheidung, dass wir uns trennen, richtig ist. Heute weiss ich es. Wir feierten gemeinsam grosse Erfolge. Ich wüsste nicht, was ich damals anders oder besser hätte machen können. (Hält inne) Ausser vielleicht eines.

Was?

Ich wäre konsequenter.

Sie sprechen darauf an, dass Sie wichtigen Spielern wie Alex Frei, Marco Streller und den Degen-Zwillingen Privilegien einräumten und Sie als «Könige » bezeichneten?

So war das nicht. Mit Alex Frei und Marco Streller stand ich in ständigem Kontakt, das war auch richtig. Sie hatten eine besondere Rolle. Heutzutage bist du als Trainer machtlos, wenn du nicht mit wichtigen Spielern eng zusammenarbeitest. Ausser vielleicht, du heisst Van Gaal oder Guardiola. Mit den Degens war es noch einmal anders ...

Wie denn?

Das ist Schnee von gestern. Wir haben uns ausgesprochen und einander ein paar Mal gesehen. Wir grüssen uns wieder. Wir haben gemeinsam schöne Zeiten erlebt, waren befreundet. Bis ich Trainer wurde. Da musst du Entscheidungen treffen. Jetzt sind wir wieder im Reinen.

Sie haben ein gutes Herz.

Ich habe nicht gern Krieg. Man sieht sich überall wieder, die Welt ist klein.

Was ist wahrscheinlicher: Dass Sie dereinst Nati-Trainer werden – oder nochmals zum FCB gehen?

Ich würde weder zum einen noch zum anderen Nein sagen. Beides käme durchaus infrage. Sie haben unsere Frage nicht beantwortet. Sagen wir es so: Ich hatte das Glück und das Pech, dass ich in Basel als Trainer ehemalige Mitspieler angetroffen habe. Schnell merkte ich, dass es für sie schwierig ist, zwischen Spielerkollege und Chef zu unterscheiden.

Was haben Sie daraus gelernt?

Ich habe mir geschworen, erst wieder als Trainer einzusteigen, wenn meine Ex- Mitspieler alle aufgehört haben.

Das Interview wurde am 3. April 2016 geführt.

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