Es ist viel los im Stade de Suisse am Tag nach dem 3:1-Sieg in Luzern. Wo die Young Boys möglicherweise ihren (vor)letzten Schritt zum Meistertitel gemacht haben. 23 Punkte beträgt der Vorsprung auf den FC Basel und es schaut danach aus, als würden sie an diesem Wochenende definitiv den Titelgewinn vom Vorjahr wiederholen. Sollten die Basler heute Abend gegen GC Federn lassen, würde YB gar vor dem Fernseher Meister.

Weil es nicht so prickelnd wäre, dies allein zu Hause auf dem Sofa zu erleben, gestalten die Gelbschwarzen ihr Programm so, dass sie wenigstens gemeinsam anstossen könnten, sollte es so weit kommen. Deshalb trainiert die Mannschaft im Stadion, nimmt gemeinsam das Nachtessen ein und schaut sich die Partie am TV an. Je nachdem, wie das Spiel ausgeht, knallen dann die Korken, und die neuen alten Meister genehmigen sich ein Glas Champagner.

Viel mehr wird nicht passieren. Auch in der Stadt nicht, für die eine allfällige Freinacht erst von Sonntag auf Montag bewilligt ist. Besiegt YB aber morgen im Letzigrund den kriselnden FC Zürich, dann ist den Bernern der Titel unabhängig vom Ergebnis des FCB sicher. Die Mannschaft würde dann voraussichtlich gegen 21 Uhr im Stade de Suisse eintreffen und sich zu den Fans gesellen, die sich beim Public Viewing das Spiel angeschaut hatten.

«We are the champions, my friends», singt Guillaume Hoarau im Bauch des Stadions und man hört sofort, dass da ein begabter Musiker am Werk ist. Der Franzose sitzt an einem Tisch und ist bereit für das nächste Interview. Albert Staudenmann wieselt vom einen Raum zum andern. «Viel los heute», sagt der Kommunikationschef, ohne gestresst zu wirken.

Der Donnerstag ist auch der Tag, an dem der formidable Captain Steve von Bergen seinen Rücktritt auf Ende der Saison angekündigt hat. Ihm, der im Juni 36 Jahre alt wird, war offen mitgeteilt worden, dass er in der nächsten Saison wohl nicht mehr jedes Spiel bestreiten werde.

Schon bereit für die nächste Saison

Zumal mit dem bald 31-jährigen Fabian Lustenberger von Hertha BSC Berlin bereits ein neuer Spieler für dieselbe Position verpflichtet wurde. Ironischerweise hatte von Bergen ja mitgeholfen, den Transfer seines Freundes aufzugleisen. Nun aber hat der Neuenburger schweren Herzens diesen Entscheid gefällt. Im Wissen, dass er nach einer Phase des Durchatmens bei YB eine Weiterbeschäftigung findet.

Überhaupt nichts von einem Rücktritt wissen will dagegen Hoarau, auch er schon 35 Jahre alt. Fast schon entrüstet weist er eine entsprechende Frage zurück. «Wenn ich keine Lust mehr hätte zu rennen und mir das Toreschiessen keine Freude mehr bereiten würde, ja, dann würde ich Schluss machen.

Solange ich aber wie heute lächelnd ins Training komme, will ich nicht aufhören.» Seit der Franzose Ende August 2014 von Bordeaux zu YB kam, war er zwar der beste Stürmer in der Super League, wurde jedoch wegen seines Verletzungspechs viermal in Folge nur Zweiter in der Torschützenliste.

Aktuell liegt er mit 18 Toren 3 Treffer vor Dejan Sorgic an der Spitze des Klassements. Nur eine erneute Blessur könnte ihn daran hindern, am Saisonende erstmals seit elf Jahren und zum zweiten Mal Torschützenkönig zu werden. Damals ballerte er Le Havre in die Ligue 1. «Das Kollektiv steht über allem», sagt Hoarau, «aber natürlich gibt es auch individuelle Ziele, und ich als Stürmer will der beste Torjäger sein.»

Hoaraus Lob

In diesem Moment tritt Sportchef Christoph Spycher durch die Tür, und weil Trainer Gerardo Seoane zwanzig Meter entfernt ein Fernsehinterview gibt, deutet Hoarau sogleich auf die beiden und sagt: «Diese zwei Herren sind verantwortlich für den Erfolg von YB.»

Als Hoarau weg ist, gibt Spycher das Lob umgehend zurück an die Mannschaft, die in 28 Meisterschaftsspielen nur einmal verloren hat. «Dass sie eine solche Konstanz an den Tag legen würde, davon konnte man nur träumen», sagt Spycher. Der schönste Lohn dafür sei das unglaubliche Interesse, welches man bei den Bernern weiter gesteigert habe.

Mit 25 135 Besuchern im Schnitt hat YB in der Zuschauergunst den FC Basel (24 975) überflügelt. Dass es im Sommer nun zu einem Umbruch kommt, betrachtet Spycher als Herausforderung und nicht als Gefahr, der Höhenflug könnte bald zu Ende sein. Ein Jahr nach dem Abgang des Meistertrainers Adi Hütter erkennt der Sportchef im Wechsel zu Seoane das Positive. Hütter habe hervorragende Arbeit geleistet, und nun leiste Seoane hervorragende Arbeit und bringe neue Impulse.

Dieser steht nun unmittelbar vor seinem ersten Triumph als Trainer. Am Tag, als YB im letzten Jahr mit einem 2:1 gegen Luzern Meister wurde, stand Seoane als Trainer auf der anderen Seite. «Ich habe diese Bilder der Freude und des Jubels noch im Kopf und freue mich extrem, dies nun bald auch zu erleben.»

Wie gut bei YB gearbeitet wird, zeigt, dass die Berner mit Mbabu, Fassnacht, Benito, Sow und von Ballmoos plötzlich auch wieder zahlreiche Schweizer Nationalspieler stellen. Beeindruckend war auch, wie sie sich als Champions-League-Grünschnäbel in der Königsklasse steigerten und zwischen den Wettbewerben switchten, als hätten sie dies schon zwanzigmal getan.

Das erste Jahr bei YB hätte für Seoane nicht besser laufen können. «Es ist uns gelungen, die unter Hütter gelebte Mentalität weiterzuführen», sagt Seoane. «Die Spieler blieben hungrig und waren bereit, noch härter zu trainieren. Jetzt ernten wir den Lohn dafür.»