Automobil

«Ich fühlte mich als Frau nie diskriminiert» – Monisha Kaltenborn meldet sich zurück im Rennsport

Monisha Kaltenborn: «Im Gegensatz zum echten Rennsport besteht kein Sicherheitsrisiko.»

Monisha Kaltenborn: «Im Gegensatz zum echten Rennsport besteht kein Sicherheitsrisiko.»

Sie war die erste Teamchefin in der Formel 1. Nun kehrt sie in neuer Funktion in den Automobilrennsport zurück: Die Österreicherin Monisha Kaltenborn (48) ist die starke Frau im Simulatoren-Racing. Ein reales Gespräch über die virtuelle Zukunft des Motorsports und die gelegentlich schmerzhafte Vergangenheit.

Monte Carlo, Indianapolis, Daytona. Der Automobilrennsport kennt seine magischen Orte. Das zugerische Cham gehört noch nicht dazu. Doch im örtlichen Industriegebiet lässt sich die grosse Welt der schnellsten Boliden schon heute erleben – emissionsneutral, risikofrei. In der Racing-Lounge an der Lorzenparkstrasse wird am Sonntag der dritte Lauf der Schweizer Meisterschaft in der Formula V ausgetragen. Der Sieger kassiert ein Preisgeld von 5000 Franken. Die Teilnehmer reisen teilweise aus Ungarn an.

Formula was? Das V steht für „virtuell“. Bei der neuen Rennserie handelt es sich um das erste Schweizer Simulatoren-Championat. Initiator des Projekts ist Software-Unternehmer und Avaloq-Gründer Francisco Fernandez (55). Der Luzerner hegt mit der neuen Rennklasse grosse Pläne. Entsprechend setzt er auf Personal aus der höchsten Liga. Mit Monisha Kaltenborn verpflichtete er die prominenteste Frau der Rennsportszene als CEO.

Frau Kaltenborn, Sie sind zurück im Renngeschäft – aber nur virtuell. Was bewog Sie zum Einstieg in die Formula V?

Ich bin zurück – das „nur virtuell“ würde ich so nicht sagen. Denn diesem Bereich gehört die Zukunft. Die virtuelle Datenüberlieferung wird in so vielen Bereichen immer wichtiger. Die Digitalisierung bestimmt unseren Alltag. Das faszinierende an der Formula V ist das Produkt des Simulators. Es ist kein Spiel, das man auf dem Sofa mit der Konsole spielen kann – es ist ein Sportgerät, das Fitness und Geschicklichkeit erfordert. Die Bewegungen übers Lenkrad und die Pedalen sind wie in einem echten Rennwagen. Die Software bewegt sich auf einem Niveau, das der Realität sehr nahe kommt. Sie spüren einiges an Fliehkräften – wobei wir an der Optimierung arbeiten, damit wir noch realistischer werden.

Franzisco Fernandez sagt, er wolle den Motorsport demokratisieren. Können Sie das bitte erklären?

Die Geschwindigkeit, der Wettkampf, dieser Kick hat die Menschheit schon immer fasziniert. Das geht quasi auf die antiken Wagenrennen zurück. Es gibt viele Motorsportbegeisterte, die sich selber auf einer Rennstrecke versuchen möchten – gerade bei den Jungen. Doch oft sind die finanziellen Hindernisse zu grosse. Heute gehen schon die Kosten in einer guten Kart-Serien in die Hundertausenden – und im Formel-Sport sowieso. Als Schweizer hat man es noch schwerer, weil man nicht viele Möglichkeiten besitzt. Wir bieten mit der Formula V eine Alternative, um für einen vergleichsweise bescheidenen finanziellen Betrag in den Motosport einzusteigen. Wer 30 Minuten fahren will, bezahlt 40 Franken. Ein Jahres-Abo kostet 1200 Franken. Das ist weniger als ein einziger Tag auf einer realen Rennstrecke.

Monisha Kaltenborn: «Wir bieten mit der Formula V eine Alternative, um für einen vergleichsweise bescheidenen finanziellen Betrag in den Motosport einzusteigen..»

Monisha Kaltenborn: «Wir bieten mit der Formula V eine Alternative, um für einen vergleichsweise bescheidenen finanziellen Betrag in den Motosport einzusteigen..»

Aber Hand aufs Herz: Ohne Benzingeruch und Motorenlärm fehlen dem Rennsport wichtige „archaische“ Elemente…

Das kann man auch ganz anders sehen. Durch die virtuelle Welt verbinden wir mehrere Vorzüge. Wir stellen den Fahrern physische Anforderungen. Wer nicht durchtrainiert ist, kann kaum in einen Simulator steigen und 15 Minuten auf hohem Niveau fahren. Aber im Gegensatz zum echten Rennsport besteht kein Sicherheitsrisiko. Dies ist ein ganz wichtiger Aspekt. Und wir sind emissionsneutral und klimafreundlich. Wir orientieren uns exakt an jenem Trend, den man gehen muss.

Werden Autorennen künftig nur noch in Simulatoren stattfinden?

Kaum. Das ist eine andersgelagerte Erfahrung. Man sollte das auch nicht vergleichen. Ich hab den Ansatz, dass wir nebeneinander existieren und uns ergänzen. Es ist keine Entweder-oder-Situation – überhaupt nicht.

Sprechen wir über das Wachstumspotenzial. Die Formel E für elektrobetriebene Rennwagen ist als Zugpferd der E-Mobilität für die Autokonzerne zu einem wichtigen Marketinginstrument geworden. Simulatoren dagegen lassen sich wohl kaum serienmässig produzieren und verkaufen. Wo liegt das Potenzial der Formula V?

Ich muss Sie korrigieren. Wir verkaufen die Simulatoren auf einer franchiseähnlichen Basis. Dazu liefern wir den Support und die Software. Die Lounge in Cham ist sozusagen der Prototyp. Ende August, Anfang September eröffnet in Zürich beim Bahnhof Tiefenbrunnen unsere zweite Lounge in der Schweiz. Und auch im Ausland stehen wir bereits in Gesprächen. Die Idee besteht darin, dass wir die Lounges grenzüberschreitenden verlinken können und so globale Wettbewerbe austragen können. Das ist unsere Vision.

Woher kommen die potenziellen Partner?

Aus Deutschland stammt eine Anfrage für ein flächendeckendes Netz mit 600 Lounges. Wir sprechen mit Interessenten aus Holland, Italien, Spanien. Wir gehen den österreichischen Markt an. Wir möchten aber auch nach Nord- und Südamerika. Asien ist ein grosses Thema. Dort ist E-Sport eine Riesensache. Der Trend stammt aus Asien. Wir wollen nun mit unserem Produkt in diesen Markt eintreten und damit die ganze Entwicklung auf ein neues Niveau heben. Denn wir liefern viel mehr als ein Spiel.

Ist neu im E-Sport aktiv: Monisha Kaltenborn

Ist neu im E-Sport aktiv: Monisha Kaltenborn

Gibt es keine juristische Kollisionsgefahr mit der Formel 1 – schliesslich werden mit den Simulatoren Formel-1-Strecken befahren…

Nein. Dies ist im Vertrag mit der italienischen Firma „Assetto Corsa“ geregelt. Das Unternehmen liefert uns die Software für die Simulatoren. Das virtuelle Benutzungsrecht der Strecken ist Teil der Vereinbarung, die wir eingegangen sind. Aber wir sind auch absolut frei, die Strecken selber zu konzipieren.

Wir befinden uns im Industriequartier von Cham an einem symbolträchtigen Ort für den Schweizer Sport. Hans-Peter Strebel, der Präsident des EV Zug, lässt hier ein revolutionäres Infrastrukturprojekt „On your Marks“ errichten. Haben Sie schon mit ihm über eine Zusammenarbeit gesprochen?

Nein, bis jetzt noch nicht. Aber ich freue mich auf ein solches Treffen, weil man hier – was für den Schweizer Standort typisch ist – auf höchstem Niveau aus eigener Kraft etwas Innovatives schafft – etwas, das ganz neue Horizonte eröffnet. Das zeigt mir eindrücklich, auf welchem Niveau in diesem Land gearbeitet wird. Das passt exakt zu unserem Projekt.

Könnten Synergien entstehen?

Absolut. Das Projekt von Herrn Strebel soll eine Anlaufstelle für Athleten aus allen Bereichen werden. Und diese Athleten haben ja gemeinsam, dass alle Spitzensportler sind – wie auch die Rennfahrer.

Woher kommt eigentlich das Benzin in Ihrem Blut?

Ich habe kein Benzin im Blut. Und das ist vermutlich auch besser so. So lebt man gesünder. Es ist die Faszination für den Motorsport, die mich antreibt – die Technik, die dahinter steckt, die Innovation, die Anwendungen – und vor allem der sportliche Wettkampf. Für mich war immer klar, dass man die Entwicklungen und Errungenschaften aus dem Rennsport auf ganz breiten Feldern anwenden kann. Aber nochmals: Mein Einstieg in den Rennsport basierte nicht auf einer Karriereplanung. Ich war oft im richtigen Moment, am richtigen Ort.

Sind Sie selber schon ein Rennen im Simulator gefahren?

Nein. Aber ich bin auch noch nie in einem Formel-1-Wagen gesessen. Und ich habe nicht das Bedürfnis dazu. Denn ich habe zu viel Respekt davor. Ich wahre eine gewisse Distanz zu diesen Dingen. Das heisst aber überhaupt nicht, dass ich weniger passioniert und fasziniert bin. Von den Simulatoren bin ich extrem beeindruckt. Ich besuchte auch schon die Fabrik in Maranello. Es ist absolut faszinierend, wie viele Technik und Entwicklung hinter diesen Geräten stecken; auf wie viele Details allein schon bei der Hardware man achten muss. Die Leute arbeiten mit einer grossartigen Akribie und Detailliebe. Wir bewegen uns hier auf einem derart hohen technischen Standard, dass man nur noch kleine Schritte in der Optimierung machen kann – aber schon diese kleinen Schritte erzielen eine grosse Wirkung. Die Software ist ebenso faszinierend. Das Ziel ist es, der Realität immer näher zu kommen; nicht nur mit der Grafik oder der Digitalisierung der Strecke – auch physisch.

Sie waren die erste Teamchefin in der Formel 1. Wie grossen waren die Widerstände gegen eine Frau in dieser Männerdomäne?

Ich fühlte mich als Frau nicht diskriminiert und habe im Sport selber nie etwas Negatives erlebt – weder in den Formel-1-Gremien noch im Umgang mit den anderen Teamchefs oder mit Formel-1-Chef Bernie Ecclestone. Im Gegenteil: Bernie war auf meiner Seite und unterstütze mich. Er berief auch selber immer wieder Frauen in Spitzenpositionen. Ich glaube, es waren eher Leute in den Medien, die ein Problem mit einer Frau in dieser Funktion hatten. Aber das ist letztlich deren Problem gewesen. Ich denke, diese Haltung lässt sich nicht nur auf den Rennsport reduzieren. Es gibt Leute, die grundsätzlich Mühe mit Frauen in Führungsposition bekunden.

Monisha Kaltenborn fühlte sich als Frau nie diskriminiert

Monisha Kaltenborn fühlte sich als Frau nie diskriminiert

2017 mussten Sie bei Sauber gehen. Wie denken Sie heute darüber?

Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern. Bei Sauber war meine wichtigste Aufgabe, das Team durch diese schwierige Zeit zu führen und den Konkurs zu vermeiden. Das ist mir gelungen. Als Peter Sauber das Team zurückkaufte, waren Ausgangslage und Bedingungen sehr schwierig. Und es war auch klar, dass niemand später hier ein Formel-1-Team würde aufbauen können. Die finanziellen Ansprüche in der Formel 1 sind immer weiter gestiegen. Deshalb war mein Auftrag, das Team zu retten und breiter aufzustellen. Und das ist gelungen. Die Arbeitsplätze wurden gerettet. Das Team konnte sich halten, weil man diversifiziert hat – weil man aus den Technologien mehr gemacht hat.

Wo waren Sie seit ihrem Abgang bei Sauber tätig?

Ich übernahm ein paar Beratermandate, habe mich auch mit neuen Technologien befasst. Aber nach fast zwanzig Jahren in der Formel 1, wo man sich fast ständig am Limit bewegt, war es auch mal schön, alles ein wenig ruhiger anzugehen und mehr Zeit für die Familie zu haben. Für meine Kinder war es vermutlich auch eine spezielle Situation, dass die Mutter plötzlich so oft zuhause war. 

Wo steht die Formula V in zehn Jahren?

Zehn Jahre? Das ist in dieser schnelllebigen Welt viel zu weit weg. Wir möchten schon in kürzerer Zeit ein weltumspannendes Netz aufgebaut haben – dass wir Meisterschaften auf nationalen und internationalen Ebenen austragen können. Wir haben den Vorteil, dass wir uns nicht sukzessive und systematisch aus der Schweiz heraus ausbreiten müssen. Wir können auch direkt in ein weit entferntes Land gehen. In der virtuellen Welt ist alles möglich.

Kehrt Monisha Kaltenborn je wieder in die Formel 1 zurück?

Das werden wir sehen. Aber es müssten der richtige Moment und die richtige Gelegenheit kommen. Vieles im Leben basiert auf Zufälligkeiten. Ich hätte ja ursprünglich nie gedacht, dass ich je in die Formel 1 einsteige. Auch die glückliche Situation, dass ich nun in den E-Sport komme, hat sich nach der Anfrage durch Herr Fernandez situativ ergeben. Man muss immer für alles offen sein. Dann eröffnen sich einem plötzlich ganz unerwartete Chancen.

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