Ski alpin

«Ich bin Russi!» - eine Liebeserklärung an den Skisport

Der Schweizer Skirennfahrer Bernhard Russi am 26. Januar 1975 am Lauberhornrennen.

Der Schweizer Skirennfahrer Bernhard Russi am 26. Januar 1975 am Lauberhornrennen.

Es gibt für mich nichts Langweiligeres als die Tour de France. Und Fussball. Und Autorennen. Eishockey sowieso. Nur bei Skirennen setzen meine üblichen Reflexe aus. Da verstehe ich Sport. Und zwar ganz genau seit 1972.

Lara Gut macht mich gerade glücklich. Und dass Carlo Janka aus dem Dornröschenschlaf seiner Karriere erwacht ist, auch. Obwohl die beiden Sportler sind, und ich mit Sportlern keine zwei Worte wechseln könnte. Worüber würde ich mit denen reden? Über Skiwachs? Wachst man heute Ski überhaupt noch?

Ich bin nicht sportlich. Es gibt für mich nichts Langweiligeres als die Tour de France. Und Fussball. Und Autorennen. Und meist auch Tennis. Eishockey sowieso. Langlauf ist eh nur ein anderes Wort für langweilig. Und: Ich bin nicht patriotisch, wirklich nicht.

Aber bei Skirennen setzen meine üblichen Reflexe aus. Da bin ich Schnee, Ski und Schweiz – oder so ähnlich. Da bin ich Teil eines Fan-Kollektivs. Da verstehe ich Sport. Und zwar ganz genau seit 1972.

Damals, liebe, blutjunge Kinder, war ich nämlich bereits zwei Jahre alt. Und im Schwarz-Weiss-TV in unserer Wohnung neben der Dorfkirche lief Sapporo. Also die Olympischen Winterspiele von Sapporo. Und «wir» gewannen. Nicht alles, aber doch ein paar Medaillen. Drei goldene, zwei silberne und eine bronzene. Und dann noch einige im Langlauf, Skispringen und Bob.

Russi sah aus wie JFK

Die Goldhelden von Sapporo waren ein Mädchen namens Marie-Theres Nadig und ein Junge namens Bernhard Russi. Sie war süss und sympa, er etwas vom Schönsten, was die Schweiz je geboren hatte. Sie gewann die Abfahrt und den Riesenslalom, er die Abfahrt. Ich rannte aus dem Haus, auf den Platz vor der Kirche, ging in die Hocke und rief in einem frühkindlichen Anfall von Transgender: «Ich bin Russi! Ich bin Russi!»

Meine Grossmutter kaufte sich den Bildband «Sapporo», der gleich neben den Bildband «Das Leben des John F. Kennedy» zu stehen kam. Wir wurden uns jahrelang nicht darüber einig, wer cooler war, Marie-Theres Nadig oder Jackie Kennedy, aber dass Russi besser aussah als JFK, das war wenigstens klar.

Das war der Anfang. Die Initiation. Ich lernte Ski fahren, ich konnte das alles nachvollziehen. Die Pistenverhältnisse, die Geschwindigkeit, der Spass, die Gefahr, das am Fernsehen so oft besprochene «Material». Ich besass ein Paar Ski mit einem Russi-Autogramm, ich sah das Lauberhorn (okay, im Sommer). Schon sehr früh hatten meine Eltern beschlossen, dass wir während eines Skirennens vor dem Fernseher Mittagessen durften. Und zwar ausnahmslos. Wie der Rest aller andern Skinationen wahrscheinlich auch. Seither sind Live-Übertragungen von Skirennen das Hintergrundgeräusch all meiner Winter. Und immer dabei: der Russi.

Denn noch bevor Bernhard Russi zusammen mit Xenia Tchoumitcheva Werbung für Brillen machte, begann er, am Fernsehen Skirennen zu kommentieren. Leider nur die der Männer. Und leider manchmal mit schiefen Informationen. Wenn Russi irgendwas am Lauberhorn berechnet, klingt das zum Beispiel so: «Vier mal einsachtzig, also sächsehalb Meter.» Nur knapp am Podest vorbei, würde ich sagen. Aber ich nehms ihm nicht übel.

Oftmals überbezahlte Loser

Helden kamen und gingen – auf Russi folgten Pirmin Zurbriggen, Peter Müller, Paul Accola, Didier Cuche, Carlo Janka. Nach Nadig kamen Erika Hess, Michela Figini, Vreni Schneider, Maria Walliser, Lara Gut. Und viele, viele mehr. Oft Legenden, ebenso oft – Loser. Überbezahlte Loser. Dann muss ich meine Sympathien halt auf die Norweger oder Amerikaner transferieren, das geht auch.

Aber im Moment machen die Schweizerinnen und ein gaaanz klein wenig auch die Schweizer, was ich von ihnen erwarte. Und das Warten – gefühlt ab Mitte September – auf die Skirennen über Mittag, das hat sich gelohnt.

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