Klettern

Hoch hinaus: Petra Klingler ist eine grosse Medaillenhoffnung für die Olympia 2020

Petra Klingler in Bern.

Petra Klingler in Bern.

10 000 Zuschauer waren dabei, als Petra Klingler in Paris Weltmeisterin im Bouldern wurde. Erst der Anfang einer grossen Karriere im Klettersport? Die 24-jährige Bonstetterin ist nämlich eine grosse Medaillenhoffnung für die nächsten Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokyo.

Wie sie so in einem Berner Café sitzt und mit leuchtenden, haselnussbraunen Augen von sich und ihrer grossen Leidenschaft erzählt, kann man sich vorstellen, wie sich diese aufgeweckte, junge Frau anspruchsvolle Kletterwände mit Leichtigkeit hinaufschwingt.

Und wie sie die Kletterwände im Griff hat. Seit letztem Herbst ist Petra Klingler Weltmeisterin im Bouldern, einer aus drei Disziplinen des Sportkletterns. Wenn sie an den grössten Erfolg ihrer bisherigen Karriere zurückdenkt, kommen in ihr wieder die Bilder von damals hoch: Die ausverkaufte Sporthalle in Paris, 10 000 Zuschauer, die mit ihr mitfiebern, das helle Scheinwerferlicht, der tosende Applaus und die Freudentränen. Weshalb sie im Final ihre beste Leistung abrufen konnte? «Weil ich meinem Körper vertraut habe, befreit und ohne Druck geklettert bin und keinen Moment gezweifelt habe. Aber das Wichtigste war, dass ich enormen Spass hatte.»

Petra Klingler gewinnt die IFSC World Championships 2016 in Paris.

Petra Klingler gewinnt die IFSC World Championships 2016 in Paris.

Zwei Jahre hat Klingler auf den Weltmeistertitel hingearbeitet. Sie trainiert 25 Stunden die Woche, absolviert oft mehrere Trainings pro Tag. Diese finden nicht nur in ihrer Stammhalle in Niederwangen statt, sondern auch im Ausland, zuletzt in Frankreich und Kanada.

Die Studentin

Doch komplett auf den Sport setzen, will die 24-jährige Bonstetterin nicht. Sie brauche die Ablenkung und Arbeit, solange es sich um den Sport einrichten lässt. Klingler spricht aus Erfahrung. Nachdem sie das Sportgymnasium in Zürich abgeschlossen hatte, konzentrierte sie sich ein Jahr lang nur auf den Sport. Ihre mentale Verfassung war damals um 180 Grad gedreht: «Ich habe mir Fehler und Rückschläge zu sehr zu Herzen genommen und viel eher an mir gezweifelt.» Mit einer solchen Einstellung hätte sie wohl die Weltmeisterschaft nicht gewonnen.

Klingler entschied sich also bewusst gegen den reinen Profisport. Sie studiert an der Universität Bern Sport und Betriebswirtschaft, im Sommer will sie den Bachelorabschluss im Sack haben. Danach möchte sie eine 30- oder 40-Prozent-Stelle suchen, am liebsten etwas im näheren Umfeld des Sports. Eine Arbeit sucht sie nicht nur des Ausgleiches zum Klettern wegen. Nicht zuletzt spielt die Finanzierung ihres Sports eine Rolle. Auch als Weltmeisterin kommt sie, trotz Sponsorengeldern und Siegesprämien, ohne zusätzliches Einkommen nur knapp über die Runden.

Training und Vorlesungen aneinander vorbeizuschaukeln, schafft sie nicht zuletzt dank Privattrainer Kevin Hemund, der sich nach ihrem Programm richtet. Die Entscheidung, mit einem Privattrainer zu arbeiten, stellte sich als goldrichtig heraus. Der beste Beweis dafür ist der WM-Titel. Bis vor anderthalb Jahren trainierte Klingler noch im Regionalkader Zürich.

Dort war sie zwischen Stuhl und Bank gefallen: Weder das Training der Frauen noch das der Männer war auf sie zugeschnitten. Mit ihrem Privattrainer kann sie nun ganz gezielt an sich arbeiten, muss keine Rücksicht auf andere nehmen. Nicht grundlos kann niemand Klingler in der Schweiz ernsthafte Konkurrenz machen.

Erst im Oktober hat sie an den Schweizer Meisterschaften alle drei Disziplinen des Sportkletterns gewonnen: Leadklettern (Klettern bis zu 20 Meter Höhe), Speedklettern (Klettern einer kurzen Route auf Zeit), und Bouldern (Klettern schwieriger Passagen auf Absprunghöhe). Das hat vor ihr noch keine Frau geschafft.

Auf ihrem Weg an die Weltspitze erhielt Klingler viel Unterstützung. Allen voran von ihrer Familie. Die Begeisterung für das Klettern liegt den Klinglers im Blut: Oft ging die Familie, inklusive Grosseltern, zusammen auf Klettertouren. Die Eltern unterstützen Petra damals wie heute, wo sie nur können.

Ihr früherer Trainer Urs Stöcker, der seine Mittagspausen opferte, um sie unbezahlt zu trainieren, war ebenfalls ein wichtiger Förderer. Oder ihr Sek-Lehrer Ruedi Graf, der sie von gewissen Fächern freistellte, damit sie Zeit zum Trainieren fand. Klingler ist ihnen allen sehr dankbar. Sie sagt: «Alle diese Leute glauben an mich. Ich möchte ihnen mit meinen Erfolgen zurückgeben, was sie mir ermöglicht haben.»

Auch im Eis fühlt sie sich wohl

Ihren nächsten Wettkampf bestreitet Klingler am 21. Januar am Ice Climbing Worldcup in Saas-Fee. Eisklettern? Ja, auch dort gehört sie zur Weltspitze, ist Europa- und Schweizer Meisterin. Und das, obwohl sich das Klettern im Eis mit Pickel und Steigeisen nochmals gewaltig vom Klettern in der Halle und am Fels unterscheidet.

«Das Eisklettern ist im Winter eine willkommene Abwechslung im Trainingsalltag», sagt Klingler. «Und es mache einfach Spass.» Der Weltcup in Saas-Fee ist ihr Lieblingsanlass, wegen der attraktiven Location – die Eiswand befindet sich inmitten einer mehrstöckigen Autoeinstellhalle – und der guten Stimmung.

Klingler strahlt eine ansteckende Energie aus. Wie sie von ihrer Studi-WG in Bern erzählt oder vom Städtetrip mit ihrem Freund nach Budapest, erhält man das Gefühl, dass kaum ein Tag vergeht, an dem sie nichts unternimmt. «Bloss auf der faulen Haut liegen, ist nichts für mich», sagt sie und lacht. Langweilig wird es ihr nicht so bald. Auch im Klettern nicht. 2020 wird Sportklettern erstmals an den Olympischen Spielen vertreten sein. Mit Klingler verfügt die Schweiz über eine ganz heisse Medaillenanwärterin.

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