Nations League

Haris Seferovic vor dem Final-Four-Halbfinal: «Ich bin ein halber Portugiese»

Haris Seferovic befindet sich im Hoch und trifft nun mit der Schweiz im ersten Halbfinal des Final Four auf Portugal. Der 27-Jährige über seine Leidenszeit bei Benfica Lissabon, die Verwandlung zum Knipser – und das Vaterwerden.

Die Saison war perfekt. Sie wurden mit Benfica Meister und Torschützenkönig der portugiesischen Liga.

Haris Seferovic: Wenn es läuft, dann läuft es einfach. Der Trainer wurde nach dem Jahreswechsel getauscht, Bruno Lage schenkte mir danach viel Vertrauen, das brauche ich. Er veränderte das System, was unserem Team und mir entgegenkam. Und plötzlich stehst du dann halt immer am richtigen Ort. Dort, wo der Ball hinkommt. Aber bei uns zählt ja nicht der einzelne Spieler, sondern die Mannschaft.

Müssen Sie sich jeweils am Morgen selbst kneifen? Um sich zu vergewissern, dass Sie nicht träumen?

Wieso? Ich habe meine Qualitäten. Das habe ich immer gewusst.

Aber Ihr Hoch geht über den Beruf hinaus. Sie haben geheiratet, werden im September Vater.

Man heiratet irgendwann, dann will man Kinder und wird reifer. Das ist doch normal, so spielt das Leben. Natürlich ist es jetzt ein schönes Gefühl, einmal auf der erfolgreichen Seite des Lebens zu sein.

Wenn Sie einen Punkt in der Saison suchen müssten, der Sie explodieren liess. Welcher war das?

Im November beim 5:2 gegen Belgien habe ich mein Selbstvertrauen zurückgewonnen nach all dem, was mir widerfahren ist. Davor und auch noch danach war es für mich keine einfache Zeit. Als ich nach dem Belgien-Sieg zu Benfica zurückkehrte, war ich nicht der Stürmer Nummer eins. Auch nicht der Stürmer Nummer zwei, und auch nicht die Nummer drei. Mit ein bisschen Glück habe ich dann die Chance bekommen und gepackt. Die Wende für mich war aber der neue Trainer bei Benfica.

Sie reden von Dingen, die Ihnen widerfahren sind. Können Sie konkreter werden?

Es gab ja viele Pfiffe gegen mich, viele Leute hatten mich ja bereits abgeschrieben und mich als Chancentod bezeichnet. Nach dem Wechsel zu Benfica vor knapp zwei Jahren lief es mir zu Beginn gut, ich traf in fünf Spielen fünfmal. Danach traf ich nicht mehr, und ich erhielt lange keine Chance mehr – was kann man da machen, wenn du dich nicht mehr zeigen kannst? Wäre es so weitergegangen bei Benfica, hätte ich wohl irgendwann Stopp gesagt und einen neuen Verein gesucht. Weil es einfach genug gewesen wäre. Aber in diesem Jahr habe ich das Glück auf meine Seite gezogen. Und jetzt mögen mich die Leute wieder.

Wie hat Sie Trainer Bruno Lage besser gemacht?

Er hat mit mir viel geredet, sagte mir immer, ich solle an mich glauben und einfach rennen. Dann würden die Tore von allein kommen. Exakt so ist es gekommen. Ich brauchte ihn, er brauchte mich. Zudem bin ich ruhiger und mental stärker geworden. Mein Vater sagt mir, ich diskutiere heute fast gar nicht mehr mit dem Schiedsrichter.

Haben Sie einen Mentaltrainer?

Ja, einen vom Klub. Er redet oft mit uns und schreibt uns jeweils vor dem Spiel ein SMS, die mich motivieren sollen. (lacht) Im Sinne von: «Haris, heute ein Schuss, ein Tor, alles Gute.»

Veränderten Sie Ihren Spielstil?

Nein. Vielleicht bewege ich mich mehr in der Box, weil mein Sturmpartner João Félix in unserem 4-4-2 keine richtige Neun ist. Er ist eher ein Zehner, davon habe ich profitiert, stand oft an der richtigen Stelle. Für mich ist es einfacher, in einem Zweimannsturm als ganz vorne alleine zu spielen.

Der 19-jährige João Félix gilt als Supertalent. Was sind Sie neben ihm?

Ich habe nicht sein Talent, ich kompensiere das mit meinem Ehrgeiz. Und ich arbeite viel. Sagen wir es so: Ich bin ein ausserordentlich guter Stürmer, das habe ich in dieser Saison bewiesen. Ich ziehe mein Ding durch, die Zahlen sprechen für mich.

Was braucht ein erfolgloser Stürmer, damit er plötzlich trifft?

Glück, Arbeit. Wenn du Selbstvertrauen hast, traust du dich mehr und machst dir nicht zu viele Gedanken, wenn du einmal eine Chance verpasst. Dann geht es einfach weiter. Man kann das kaum erklären. Wenn die Mannschaft und der Trainer stimmen und man reinpasst, kommt es gut. Und der Fussball hat diesen einen grossen Vorteil: Du kannst es von Spiel zu Spiel besser machen.

Vor knapp zehn Jahren wurden Sie mit der Schweiz U17-Weltmeister. Hätten Sie gedacht, dass Sie eine solche Karriere hinlegen?

Ich bin stolz auf mich. Jeder unserer Jungs dachte doch, die Karriere komme nun von alleine. Viele sind gescheitert, aber ich bin immer noch hier.

Sie werden dank Ihren Leistungen auch für andere Klubs interessant.

Ich denke schon, dass einige Angebote kommen werden. Das gehört dazu.

Würde ein Klubwechsel Sinn machen, gerade jetzt, wo alles passt? Früher sind Sie oft etwas übereilt weitergezogen.

Ich würde gerne bei Benfica bleiben, mein Vertrag läuft noch drei Jahre. Aber falls der Verein mit mir Geld verdienen will, könnte ich das gar nicht gross steuern. So ist der Fussball.

Würde Sie die englische Liga reizen nach Stationen in Deutschland, Spanien oder Italien?

England war schon immer ein Traum von mir. Schauen wir, was passiert. Aber ich habe lieber eine Million Franken weniger auf dem Konto und lebe dafür gut in Lissabon. Sonne, Meer, mit dem Hund am Strand spazieren, feines Essen, unser Stadion, wir spielen stets international – und es regnet wenig.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Vaterrolle vor?

Ich realisiere meine neue Rolle noch nicht ganz, es ist ja erst Anfang September so weit. Aber es ist ein schönes Gefühl. Der Bauch von meiner Frau Amina wächst, wir kaufen schon viele Baby-Dinge ein. Aber noch bleibt ein wenig Zeit und ich habe noch meine Freiheiten: Ich kann schlafen und aufstehen, wann ich will. Die ersten paar Monate nach der Geburt werden dann ungleich härter werden habe ich mir sagen lassen.

Sie leben seit fast zwei Jahren in Portugal. Wie speziell ist für Sie die Affiche gegen den Gastgeber?

Mit mir kommt ein Benfica-Spieler nach Porto, da wird viel los sein. Wir sind Rekordmeister und haben überall im Land Anhänger. Ich bin ja sozusagen ein halber Portugiese. Portugal ist ein gutes Pflaster für mich. Hier habe ich geheiratet, hier läuft es mir sportlich perfekt. Es ist schön, in Portugal zu spielen. Aber in den 90 Minuten gibt es keine Freunde.

Letztmals in der WM-Qualifikation hinterliess die Schweiz in Portugal beim 0:2 keine gute Figur.

Im Prinzip müssen wir dort anknüpfen, wo wir gegen Belgien mit dem 5:2 aufgehört haben. Wir dürfen uns nicht verstecken und müssen den Match auch geniessen. Wir müssen unsere offensive Stärke ausspielen, dann haben wir eine Chance.

Wären Sie nicht lieber in den Ferien?

Nach dem Meistertitel hatte ich bereits ein paar Tage frei. Nach der Nations League habe ich noch genügend Ferien. Für die Nati habe ich immer Energie!

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