Handball-WM
Kein Märchen, aber eine zauberhafte Darbietung der Schweizer Handballer gegen das ruhmreiche Frankreich

Goalie Portner brilliert. Andy Schmid wirft sagenhafte zehn Tore. Trotzdem verliert die Nationalmannschaft gegen den sechsfachen Weltmeister mit 24:25. Aber das Turnier geht weiter. Die Schweiz qualifiziert sich für die Hauptrunde.

François Schmid-Bechtel
Drucken
Teilen
Enttäuschung nach einer grossartigen Darbietung gegen Frankreich: Der Schweizer Verteidigungsminister Samuel Röthlisberger, Spielmacher Andy Schmid und Talent Mehdi Ben Romdhane.

Enttäuschung nach einer grossartigen Darbietung gegen Frankreich: Der Schweizer Verteidigungsminister Samuel Röthlisberger, Spielmacher Andy Schmid und Talent Mehdi Ben Romdhane.

Anne-Christine Poujoulat / Pool / EPA

Noch gut zwei Minuten. Frankreichs Jungstar Dika Mem kassiert eine Zweiminutenstrafe. Weil schon sein Teamkollege Romain Lagarde auf der Bank sitzt, kann die Schweiz während 39 Sekunden in doppelter Überzahl agieren. Und das beim Stand von 23:24.

Eine Sensation liegt in der Luft. Nicht gegen irgendeinen Gegner. Nein, gegen den sechsfachen Weltmeister. Absolute Weltspitze. Mit Spielern wie Michael Gigou, der viermal den WM-Titel gewonnen hat.

Die Schweizer sind nicht mehr frisch. Aber auch die ruhmreiche Equipe aus Frankreich ist angezählt. Zermürbt von der herausragenden Defensivarbeit der Schweizer um Verteidigungsminister Samuel Röthlisberger. Angefressen, weil Torhüter Nikola Portner selbst die perfidesten Würfe pariert. Und ratlos, weil sie Andy Schmid nicht in den Griff bekommen.

Herausragend Defensivarbeit von Samuel Röthlisberger (links) und Lenny Rubin.

Herausragend Defensivarbeit von Samuel Röthlisberger (links) und Lenny Rubin.

Eva Manhart / Diener/Expa

Der Schweizer Tank ist eigentlich leer. Im Rückraum fehlen die Alternativen, um Kräfte zu schonen. Allein Spielmacher Andy Schmid hat vielleicht eine Minute pausiert. Mehr liegt nicht drin. Denn auf ihren Ausnahmekönner ist das Team von Trainer Michael Suter angewiesen.

Doch die Schweizer werden getragen von ihrer Moral, ihrem Kampfgeist. Und jetzt noch die doppelte Überzahl. Roman Sidorowicz übernimmt die Verantwortung. Obwohl als Rechtshänder im rechten Rückraum der Schusswinkel nicht optimal ist. Aber seine Position stimmt.

«Sido», trickreich, geschmeidig und sprungstark, hat in dieser Partie schon einige Akzente von der «falschen Seite» gesetzt. Sidorowicz gegen Vincent Gérard. Rückraumspieler von Pfadi Winterthur gegen Torhüter von Paris Saint-Germain, einem absoluten Topklub von Eurpa. Gérard gewinnt das Duell.

Die Entscheidung? Die Schweizer resigniert? Von wegen. Selbst nachdem Luc Abalo eineinhalb Minuten vor Schluss auf 25:23 erhöht, bleibt der Kampfgeist ungebrochen. Ausgerechnet Sidorowicz verkürzt 33 Sekunden vor Schluss. Nur noch ein Tor Differenz. Aber Frankreich ist in Ballbesitz.

Melvyn Richardson, Sohn des früheren Welthandballers und Ritter der französischen Ehrenlegion Jackson Richardson, scheitert an Torhüter Nikola Portner. Es bleiben nur noch sechs, vielleicht sieben Sekunden. Mehdi Ben Romdhane wird lanciert. Der 19-Jährige, der bei Kadetten Schaffhausen häufig in der NLB spielt, wird doch nicht etwa? Nein. Wir erleben keinen Märchenabend in Gizeh. Gérard pariert auch diesen Wurf. Schluss, Aus, vorbei – 25:24 für den WM-Dritten von 2019.

Andy Schmid zerpflückt die Franzosen

Die Franzosen kriegen Andy Schmid nicht in den Griff.

Die Franzosen kriegen Andy Schmid nicht in den Griff.

Eva Manhart / Diener/Expa

Trotzdem erleben wir einen zauberhaften Auftritt der Schweizer. Allein die Startphase von Andy Schmid ist überragend. Sechs Mal schliesst er in den ersten 17 Minuten ab. Sechs Mal trifft er, dazu bereitet er zweimal für Kreisläufer Alen Milosevic magistral vor. Die Schweiz führt nach 16 Minuten 9:7, die Handball-Welt reibt sich die Augen.

Aber auch Torhüter Portner brilliert. Wie schon beim 25:31 gegen Norwegen. Dabei startete er glücklos ins Turnier: 0 Paraden im Startspiel gegen Österreich. Gegen Frankreich pariert der Mann, der in Chambéry sein Geld verdient, 33 Prozent der Würfe. Trotzdem spricht er von einer grossen Enttäuschung. «Wir hätten Frankreich knacken können, ja knacken müssen. Oder zumindest einen Punkt holen müssen. Es war eine unglaublich geile Teamleistung. Die Niederlage ist unverdient.»

Die Schweizer Handballer in der Hauptrunde

Dank des Starterfolgs gegen Österreich (28:25) übersteht die Schweiz die Gruppenphase. Das Team von Trainer Michael Suter zieht bei ihrer ersten WM-Teilnahme nach 26 Jahren in die Hauptrunde ein - zusammen mit den Vorrundengegnern Frankreich und Norwegen. Dort trifft die Schweiz auf Island (Mittwoch), Portugal (Freitag) und Algerien (Sonntag). Die Spiele finden jeweils um 15.30 Uhr statt. Die zwei Ersten dieser Sechsergruppe ziehen in die Viertelfinals ein. Die Punkte, die man gegen jene Teams gewonnen hat, die in die Hauptrunde kommen, werden mitgenommen. Die Schweiz startet mit null Zählern. 

Trainer Suter resümiert nach dem grossen Spiel gegen Frankreich: «Ich habe der Mannschaft vermittelt, dass wir eine Chance haben. Und je länger die Partie lief, desto stärker glaubten die Spieler an einen Coup. Wir wussten, dass wir unsere Teamstärke wie unsere defensive Organisation aufs Feld bringen müssen. Wir haben eine Leistung gezeigt, mit der wir die Fachwelt bestimmt überrascht haben. Einzig die Sahne auf dem fertig gebackenen Kuchen hat gefehlt. Aber Sport ist kein Wunschkonzert.» Was in diesem Fall bedauernswert ist.