Schweizer Nationalmannschaft

Gut aufpoliert, aber nicht clever: Noch fehlt der Schweiz die Erfahrung und die Cleverness

Die Schweizer «Gewinner» Kevin Mbabu (links) und Xherdan Shaqiri (rechts) sowie der richtige Sieger Cristiano Ronaldo.

Die Schweizer «Gewinner» Kevin Mbabu (links) und Xherdan Shaqiri (rechts) sowie der richtige Sieger Cristiano Ronaldo.

Die Schweiz verliert im Halbfinal gegen Portugal mit 1:3, doch die Köpfe hängen lassen sollte deswegen trotzdem niemand. Bei Tageslicht betrachtet verliert die Niederlage an Gewicht - und kennt plötzlich auch einige Sieger: Dem Schweizer Nationalteam fehlt wenig, um auch grosse Teams zu schlagen.

Für die Schweiz bleibt in der Nations League das ungeliebte Spiel um Platz drei. Weil nicht das Wie, sondern das Was zählt. Und bei Portugal im Besonderen das gigantische Wer.

Am Tag nach dem 1:3 im Halbfinal gegen Portugal hatten die Schweizer Beistand moralischer Art nicht nötig. Sie wirkten ruhig und gelassen auf dem etwa 20 Kilometer ausserhalb der Stadt gelegenen Trainingsgelände des FC Porto.

Die einen liefen ihre müden Beine weg oder waren in der Massage, die anderen mussten etwas mehr trainieren, vielleicht in der Hoffnung, am Sonntag im Spiel um Platz drei länger oder überhaupt zum Einsatz zu kommen. Und für die Goalies, Yann Sommer inklusive, war die mittägliche Übungseinheit intensiv wie eh und je.

Enttäuscht, aber nicht mehr

Bereits einige Minuten nach der Partie hatten die Schweizer nicht wahnsinnig niedergeschlagen gewirkt, nicht unsäglich traurig. Dafür hatten sie lange zu gut mitgehalten, waren bis auf die Schlussminuten die bessere Mannschaft gewesen.

Und dafür war das Format eben nicht dasselbe wie eine Barrage, vor allem nicht wie eine WM und EM, wo die Verabschiedung aus einem Turnier ganz anders zu verdauen ist. Kaum jemand weiss das besser als die Schweiz.

Nicht dass jetzt ein falsches Bild entstehen könnte. Die Schweizer waren gewiss sehr enttäuscht über die verpasste erstmalige Titelchance, aber sie blieben im Nachgang eben auch realistisch, sachlich. «Es ist sehr schade, dass wir nun über eine Niederlage reden müssen.

Am Positiven festhalten

Wir haben sehr lange dominiert, Einstellung und Mentalität waren da. Aber leider zählt das Ergebnis», hatte Granit Xhaka gesagt, der als letzter Schweizer über den Teppich in der Mixed Zone schritt.

Über die Niederlage reden, ja. Doch es tut diesen Schweizern vorderhand ganz gut, sich am Positiven festzuhalten. Weil sie auswärts einen Gegner der europäischen Elite hart forderten und in Schwierigkeiten brachten, mutig waren, mit Verve auftraten und in der Offensive grundsätzlich die bessere Figur abgaben. «Wir hatten alles gehabt, um das Spiel eigentlich zu gewinnen», sagte Xherdan Shaqiri.

Selbst wenn sie nah dran sind, reichte es an einem Turnier bisher nicht zum Exploit. Zumal die Partie gegen Portugal als Zeugnis dafür herhielt, wie weit die Schweizer in ihrer Entwicklung sind, ganz grundsätzlich, und in einem besonderen Spiel.

Es fehlt nur wenig

Das Zwischenfazit lautet: Die Mannschaft von Vladimir Petkovic befindet sich in einem guten Prozess, sie erzielt sichtbare Fortschritte, auch wenn ein klein wenig fehlt. Es ist kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten, als man gegen die Topnationen mauerte, kein Vergleich mehr zum 0:2 gegen denselben Gegner in der WM-Qualifikation vor 20 Monaten, als Cristiano Ronaldo kein Faktor war.

Diesmal weist die Schweiz 54 Prozent Ballbesitz aus, nur diesmal war Ronaldo mit drei Toren eben der Faktor. Sein Coach Fernando Santos sagte: «Es gibt Genies als Maler und in der Kunst. Und es gibt Ronaldo: Er ist ein Fussballgenie.»

Und Ronaldo steht für das, was den Schweizern mit Ausnahmen wie gegen Belgien auf Topniveau abgeht: Kaltschnäuzigkeit und Effizienz vor dem Tor, aus wenig viel machen, oder aus nichts alles.

Gewinner - trotz Dämpfer

Manuel Akanji, der den Könner bei dessen zweitem Treffer gewähren liess, sagte: «Ich gab ihm in dieser Szene bewusst ein bisschen Raum, um den Ball nicht in den Rücken zu bekommen. Ich dachte, für ihn sei das die schwierigste Position, um ein Tor zu erzielen.»

Er irrte. Petkovic gab aber auch zu denken, dass sein Team zweimal in Folge in den Schlussminuten gleich mehrere Treffer einfing. Ein Zeichen fehlender Erfahrung und Cleverness.

Gewinner auf Schweizer Seite gab es trotz des Dämpfers. Kevin Mbabu beispielsweise, der erst am Morgen der Partie erfahren hatte, dass er auflaufen würde. Und Shaqiri, der noch am Sonntag mit Liverpool und über 750 000 Anhängern in der Beatles-Stadt seinen zweiten Champions-League-Titel gefeiert hatte. Er habe sich danach ein wenig aufpolieren müssen, sagte er. Dies ist ihm gelungen.

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