Ski-WM St. Moritz
Goldene Tage in St. Moritz: Die Schweizer wollen endlich die Goldmedaille

Von den beiden letzten Weltmeisterschaften in St. Moritz in den Jahren 1974 und 2003 reisten die Schweizer Athletinnen und Athleten ohne eine einzige Goldmedaille ab. 1974 wurde es gar beinahe eine Nullnummer, ehe ein Slalomwunder passierte. 2003 gab es immerhin vier Medaillen für die Schweiz. Aber eben: Kein Gold! Wir blicken noch einmal zurück auf die vergangenen Austragungen und sagen, warum 2017 alles besser werden kann.

Richard Hegglin und Martin Probst
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Die Schweizer Skirennfahrer um Beat Feuz, Fabienne Suter, Lara Gut, Carlo Janka und Wendy Holdener (v.l.), hier bei einem Sponsorentermin, wollen an der WM in St. Moritz hoch hinaus.

Die Schweizer Skirennfahrer um Beat Feuz, Fabienne Suter, Lara Gut, Carlo Janka und Wendy Holdener (v.l.), hier bei einem Sponsorentermin, wollen an der WM in St. Moritz hoch hinaus.

Keystone

WM 1974 - Der Untergang der Schweizer Helden von Sapporo

Lise-Marie Morerod - Bronze im Slalom

Auch Skimärchen haben nur eine beschränkte Halbwertszeit. Die Helden der Olympischen Spiele von Sapporo 1972, verehrt wie Rockstars, zottelten nach einer komplett missglückten WM wie begossene Pudel aus St. Moritz ab. Der Slogan «Ogis Leute siegen heute» geriet zum Rohrkrepierer. Ein unbekümmertes Mädchen aus dem Waadtland, eben 17 geworden, das für Sapporo zu jung war, verhinderte ein totales Debakel.

Mit Startnummer 39 errang Lise-Marie Morerod am drittletzten WM-Tag aus heiterem Himmel Bronze im Slalom. Dabei galt der Riesenslalom als ihre Paradedisziplin. In diesem war sie ausgeschieden, wie auch in sämtlichen Weltcup-Slaloms vor der WM. 1977 wurde Morerod als erste Schweizerin Weltcup-Gesamtsiegerin. Ein Jahr später erlitt sie bei einem Verkehrsunfall schwere Kopfverletzungen und einen 14-fachen Beckenbruch. Ein halbes Jahr lag sie im Spital, ein Comeback-Versuch scheiterte.

Sonst schauten für das hoch dotierte Schweizer Team 1974 nur drei fünfte Plätze heraus durch Doppel-Olympiasiegerin Marie-Theres Nadig in der Abfahrt, Walter Tresch im Slalom und Engelhart Pargätzi im Riesenslalom. Die grösste Enttäuschung lieferten die vergötterten Abfahrts-Helden. Roland Collombin, der die letzten vier Rennen vor der WM gewonnen hatte, lag nach 40 Sekunden im Schnee. Bernhard Russi und Philippe Roux wurden 12. und 13., und einzig Walter Vesti (9.) reichte es knapp in die Top Ten.

Der Ski war schuld

Dabei hatte Teamchef Adolf Ogi alle Register gezogen. Generalstabsmässig bereitete er die WM vor. Kurz vor Beginn zog er zwei aerodynamische Geheimwaffen aus dem Köcher: Kugelstöcke, damals eine exklusive Neuheit, und stromlinienförmige Überzüge für Schuhe und Bindung. «Es nützte alles nichts», resignierte Ogi, «das Problem lag an einem andern Ort.» Erst viel später nannte man das Problem beim Namen. Rossignol hatte bei Neuschnee ein kapitales Materialproblem. «Schon nach 10, 15 Sekunden wusste ich, dass die Sache aussichtslos war», sagt Russi heute.

In der Analyse orteten die Verantwortlichen auch gewisse «Isolationsprobleme», zumal die WM-Rennen aus Wettergründen x-mal verschoben wurden – die Abfahrt um eine ganze Woche. Die Mannschaft wohnte abgeschieden auf Salastrains unmittelbar neben der Piste, weit weg vom Leben in St. Moritz. Sogar der fehlende regelmässige Kontakt mit den Medien wurde als Schwachpunkt ausgemacht. Man stelle sich das, übertragen auf heute, mal vor: Lara Gut vermisst die Journalisten!? Wobei die Medienleute damals noch willkommene Jasspartner und gern gesehene «Kleinsponsoren» waren.

Das kleine Liechtenstein lief den Schweizern den Rang ab. Hanni Wenzel, auch erst 17, holte Gold (im Slalom) und Silber (in der Kombination), Willi Frommelt Bronze in der Abfahrt. Star der WM war Frankreichs Ski-Beauty Fabienne Serrat mit zweimal Gold. Der Schweizer Peter Lüscher heiratete Fabienne ein paar Jahre zu spät ...

WM 1974 - Die Schweizer holten nur eine einzige Medaille, eine bronzene noch dazu.

WM 1974 - Die Schweizer holten nur eine einzige Medaille, eine bronzene noch dazu.

Nordwestschweiz

WM 2003 - Wieder ein Slalomwunder, aber erneut kein Titel für die Schweiz

Silvan Zurbriggen - Silber im Slalom, Corinne Rey-Bellet - Silber in der Abfahrt, Bruno Kernen - Bronze in der Abfahrt, Marlies Oester - Bronze in der Kombination

Hanspeter Danuser, Kurdirektor mit Kultstatus, nutzte die WM als Plattform, um Mineralwasser zu verkaufen. Mineralwasser? In St. Moritz? Dort, wo sich hartnäckig das Gerücht hält, dass sogar Skipisten mit Champagner gewässert werden?

Die Rückkehr des Skirennsports nach St. Moritz wirkte wie ein Stilbruch. Während 25 Jahren, von der WM 1974 bis 1999, fand ein einziges wichtiges Skirennen statt, eine Abfahrt, die «Crazy Canuck» Steve Podborski gewann. St. Moritz definierte sich über die Reichen und Schönen. Hugo Wetzel, damals Präsident des Sport- und Kulturveranstaltungsfonds, und Martin Berthod, Ex-Rennfahrer und Sportdirektor im Kurverein, waren dann die treibenden Kräfte, um mit einer WM St. Moritz wieder auf den skisportlichen Radar zu bringen.

Die helvetischen Skistars sollten mithelfen, das aufpolierte Image in die weite Welt zu tragen. Doch der WM-Start verlief harzig. Korken knallten keine, es sprudelte – Mineralwasser. Bis die Schweizer nach drei medaillenlosen Rennen den Schalter umlegten und drei Medaillen in Serie holten. Erst gewann Bruno Kernen Bronze in der Abfahrt, dann Corinne Rey-Bellet Silber in der Abfahrt und Marlies Oester Bronze in der Kombination. Seither hat nie mehr eine Schweizerin eine WM-Medaille gewonnen – ausser Lara Gut.

Der Höhepunkt zum Schluss

Der Höhepunkt der WM 2003 war auch der Schlusspunkt. Ähnlich wie 1974 mit «Boubou» Morerod ereignete sich ein kleines Slalom-Wunder. Silvan Zurbriggen (Bild), der erst acht Weltcup-Slaloms bestritten hatte, katapultierte sich mit der Startnummern 25 via 7. Zwischenrang aufs Podest. Einen Monat zuvor hatte Karl Frehsner den Slalomtrainer zum Teufel gejagt, der heutige TV-Co-Kommentator Michi Bont «erbte».

Der «eiserne Karl» stand während der ganzen WM im Fokus. Der Boulevard führte einen Privatkrieg mit ihm. Unter diesem Aspekt erwies sich die Medaille fast als Betriebsunfall. Für das Team war die Silberplakette Gold wert.

Obwohl St. Moritz weiterhin auf den ersten Weltmeister seit Edy Reinalter im Jahr 1948 wartete, als gute Gastgeber liessen die Engadiner ausländischen Gästen den Vortritt. Die Titelverteidiger Mike von Grünigen und Sonja Nef landeten im Riesenslalom auf den Rängen sieben und acht.

Einen Moment lang zeichnete sich in der Königsdisziplin Abfahrt ein Doppelsieg ab. Nach 30 Fahrern führte Bruno Kernen vor Didier Cuche, ehe Michael Walchhofer und Kjetil André Aamodt mit 30er-Nummern die beiden verdrängten und Cuche vom Podest stiessen. Um 16 Hundertstel verpasste er Bronze.

2003 siegten Bode Miller und Janica Kostelic doppelt. Mit Janica und Ivica Kostelic schafften erstmals Geschwister das Double. Wie Fabienne Suter sind von den Teilnehmern 2003 auch einige Ausländer noch dabei. Alle zählen zu den Mitfavoriten: Hannes Reichelt, Peter Fill, Erik Guay und Felix Neureuther.

WM 2003 - Die Schweizer konnten auch 2003 kein Gold gewinnen.

WM 2003 - Die Schweizer konnten auch 2003 kein Gold gewinnen.

Nordwestschweiz

WM 2017 - Endlich WM-Gold oder ist St. Moritz gar verflucht?

1974 und 2003 gab es also keine Goldmedaille für die Schweiz an der Heim-WM in St. Moritz. Was zu Frage führt: Liegt gar ein Fluch auf dem Ort in den Bergen? Nehmen die reichen Stammgäste, die in St. Moritz normalerweise verkehren, allein alles Gold für sich in Anspruch? Ist es sogar die Strafe dafür, dass sich St. Moritz vor 2003 lange Jahre über die Reichen und Schönen definierte?

Ach was! Skifahrer glauben nicht an Geister. Und 2017 kann sowieso alles besser werden. Beziehungsweise goldig. Es gibt zahlreiche Indizien dafür, dass es wirklich klappt mit der ersten Goldmedaille in St. Moritz für eine Athletin oder einen Athleten aus der Schweiz seit Edy Reinalter 1948.

Der Hauptgrund für die Zuversicht heisst Lara Gut. Die 25-Jährige hat im vergangenen Jahr den Gesamtweltcup gewonnen und befindet sich auch in dieser Saison in einer super Form. Im Super-G hat sie drei von vier Rennen gewonnen und war bei ihrem Ausfall mit klarer Bestzeit unterwegs. Kurz: Die Chancen auf Gold sind schon im ersten WM-Rennen am Dienstag sehr gross. «Die Piste in St. Moritz ist ideal auf Lara zugeschnitten. Das Gelände passt perfekt zu den Fähigkeiten, die sie hat», sagt SRF-Ski-Experte Bernhard Russi.

Beat Feuz kann es auch

Die Tessinerin hat in den nächsten 14 Tagen realistische Chancen auf drei Medaillen (Super-G, Abfahrt, Riesenslalom) und kann auch in der Kombi zuschlagen. Spielverderber könnte nur das Wetter sein. Wechselnde Bedingungen haben in St. Moritz schon oft für überraschende Ergebnisse gesorgt. Sollte genau bei Lara Gut also eine Wolke über die Piste ziehen, ist es vielleicht doch ein Fluch.

Neben Lara Gut hat die Schweiz mit Beat Feuz (Bild) noch einen zweiten Kandidaten, um die Goldsehnsucht zu stillen. Beat Feuz hat im März 2016 in St. Moritz am Weltcupfinal die Abfahrt und den Super-G gewonnen. Und auch in dieser Saison hat er gezeigt, dass er sehr schnell ist. Das sind goldene Aussichten.

WM 2017 - Diesmal soll endlich die Goldmedaille her.

WM 2017 - Diesmal soll endlich die Goldmedaille her.

KEYSTONE

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