Etwas mehr als zwei Monate ist es her, als Christian Constantin in seinem Büro schwärmte: «Murat hat Verantwortungsgefühl. Er ist charismatisch und verliert nie den Kopf. Er hat mehr Gelassenheit als Lucien Favre und ist taktisch cleverer als Christian Gross. Er ist der beste Schweizer Trainer. Er erinnert mich an Carlo Ancelotti. Ich liebe Murat.»

Gestern hat derselbe Constantin seinen Trainer Murat Yakin vorerst bis zum Saisonende suspendiert. Er hätte ihn auch gleich entlassen können. Denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass die beiden wieder zueinander finden. Allein, weil mindestens einer sein Gesicht verlieren würde, wenn nicht sogar beide.

Zumindest unterbewusst beginnt der Machtkampf zwischen den beiden mit der Vertragsunterschrift Yakins im letzten September. Constantin beabsichtigt zwar, seinem Trainer mehr zu bieten als einen Schleudersitz. Er sieht in ihm den Sparringpartner auf Augenhöhe, schon weil Yakin dem Ruf des unabhängigen Charakterkopfs gerecht wird.

Hohle Gesten

Der gegenseitige Respekt ist zweifellos da. Auch, weil die Biografien erstaunlich viele Parallelen aufweisen. Beide starten weit unten ins Leben. Constantin, Sohn eines Bauarbeiters, verliert früh seine Mutter, Yakins Vater verlässt die Familie, als er acht ist. Constantin ist der Aussenseiter, Yakin der Türkenbub. Constantin ist früh auf sich allein gestellt, Yakin als Ältester bald in der Vaterrolle – umso mehr, weil seine Mutter kaum Deutsch spricht.

Verständlich, dass sich die beiden im Wesen und Wirken ähnlich sind: einnehmend, gutherzig und verletzlich. Beide legen grossen Wert auf Reichtum und Unabhängigkeit. Sie verbeugen sich gegenseitig voreinander. Yakin, indem er für Constantin eine Geburtstagsparty schmeisst. Und Constantin, indem er für die Verlängerung von Yakins Vertrag bis Sommer 2021 nach Zürich reist.

Aber das sind hohle Gesten. Denn schon im Winter weicht die Bewunderung gegenüber seinem Präsidenten der Ernüchterung, dass eben doch nicht alles so toll ist beim FC Sion, wie es von aussen scheint. Yakin muss konstatieren, dass Constantin mehr verspricht als er hält. Vieles, was Constantin plant, auch ein Plan bleibt. Das beginnt bei den Trainingsplätzen, die seit Jahren debakulös sind. Und endet beim Stürmer, der im Winter nicht verpflichtet worden ist.

Beide sind nicht unschuldig

Gewiss kann Constantin als Alleinunterhalter beim FC Sion tun und lassen, was er will. Aber wenn er ehrlich mit sich ist, kann er nur zum Schluss kommen, dass vieles im Argen liegt beim FC Sion – wegen ihm. Und es ist keine Trendwende erkennbar. Warum? Weil Constantin weiterhin kurz- statt langfristig denkt. Lieber Geld und Geist in Spieler investiert, die bald mal keine Rolle mehr spielen, als in nachhaltige Projekte wie Infrastruktur und Ausbildung.

Yakin indes muss sich vorwerfen lassen, die Suspendierung provoziert statt die Auseinandersetzung mit Constantin gesucht zu haben. Mehrmals vor Spielen von der Mannschaft separiert zu übernachten, lässt auf eine Trotzreaktion schliessen. Die Aktion, die wahrscheinlich nur gegen Constantin gerichtet war, könnte auch eine Entfremdung von den Spielern zur Folge haben.

Yakin ist beim FC Sion Geschichte. Jedes andere Szenario ist undenkbar. Und Constantin wird das sehr viel Geld kosten. Vielleicht 1,5, vielleicht auch 2,5 Millionen Franken. Aber er ist ja ein generöser Mann. Deshalb lässt er sich ein paar Übernachtungen seines Trainers im falschen Hotel auch einiges kosten.