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Gerd Müller wird 70: Der Kampf gegen das Vergessen

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Gerd Müller jubelt nach dem 2:1-Siegtreffer im WM-Final gegen Holland.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Gerd Müller jubelt nach dem 2:1-Siegtreffer im WM-Final gegen Holland.

Anfang Oktober machte der FC Bayern öffentlich, dass Gerd Müller, der ewige Torjäger, an Alzheimer erkrankt ist und seit Februar in einem Pflegeheim lebt. Heute feiert der Bomber der Nation seinen 70. Geburtstag.

Er war einmalig, unerreicht. Hintern raus, kurze Drehung, Schuss – dann machte es bumm! Gerd Müller gilt als bester Stürmer, den Deutschland je hatte. «Ohne die Tore vom Gerd wären wir noch immer in unserer alten Holzhütte an der Säbener Strasse», würdigte Kaiser Franz Beckenbauer die Verdienste seines Weggefährten um Bayern München. Deutschland wäre 1974 ohne Müllers unnachahmliches 2:1-Siegtor wohl auch nicht Weltmeister geworden. Doch die Jubelbilder sind verblasst. Um den «Bomber der Nation» ist es längst still geworden.

Vom FC Barcelona geködert

Anfang Oktober machte der FC Bayern öffentlich, was als eines der best gehüteten Geheimnisse im deutschen Fussball galt: Gerd Müller, der ewige Torjäger, ist an Alzheimer erkrankt und lebt seit Februar in einem Pflegeheim. Der grosse Gerd Müller kämpft einen letzten, schweren Kampf: jenen gegen das Vergessen. Eine grosse, öffentliche Feier zu seinem 70. Geburtstag am Dienstag, wie sie diese Seele von Mensch verdient gehabt hätte, wird es nicht geben. Müller hätte sie auch nicht gewollt – nicht einmal, als er noch gesund war.

Müller war immer der Stille, der schüchterne und bescheidene Star, der auf all den Trubel um seine Person verdruckst reagierte. Als ihn der FC Barcelona in den 1970er-Jahren mit dem astronomischen Jahresgehalt von 600 000 Mark köderte, lehnte er verständnislos ab. «I mog ned, i kann doch ned mehr als ein Schnitzel am Tag essen», sagte er. Das Geheimnis seiner vielen Tore war für ihn selbst eines. «I hau’ halt immerzu aufs Tor», sagte er, «wenn ich drei Sekunden zum Überlegen hätte, wärs vorbei.»

Bekannt für seine Kaltblütigkeit: Gerd Müller

Bekannt für seine Kaltblütigkeit: Gerd Müller

Während Beckenbauer oder Uli Hoeness nach der Karriere im Rampenlicht blieben, scheute Müller die Öffentlichkeit. Der gelernte Weber war kein Charismatiker, er hatte Probleme mit dem Leben ausserhalb des Fussballs. In den 1980er-Jahren verfiel er dem Alkohol, auch finanziell und privat soll er damals in Not geraten sein. Seine «Spezln» – der Franz und der Uli – fingen ihn auf, gaben ihm eine Aufgabe als Co-Trainer und wieder Halt. «Ohne die Hilfe meiner Freunde hätte ich es wohl nicht geschafft», sagte Müller einmal.

Auch jetzt stehen die Bayern ihrem «Gerdchen», wie ihn der kürzlich verstorbene Erfolgscoach Dettmar Cramer nannte, zur Seite. «Wir helfen Gerd, wo es nur geht», wird Hoeness in der kürzlich erschienenen Biografie «Der Bomber der Nation» zitiert. Vor allem kümmere sich Müllers Frau Uschi «aufopferungsvoll um Gerd», betonte Hoeness.

Unerreichte Torquote

Hoeness nannte die akuten Probleme seines Kumpels «furchtbar»; überhaupt war und ist die Anteilnahme für «kleines, dickes Müller» (der frühere Bayern-Trainer Zlatko Tschik Cajkovski) gross. «Das berührt mich sehr. Er war wohl der allergrösste Stürmer, den wir hatten – ein Stürmer, den wir so nie mehr sehen werden», sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Uwe Seeler meinte betroffen: «Das Ganze macht mich einfach nur traurig.» Und Bayern-Star Thomas Müller, der die Tradition des Tore-«müllern» fortsetzt, sagte bestürzt: «Die Krankheit von Gerd geht mir an die Nieren. Gerds Torquote wird in Deutschland niemand mehr erreichen, dennoch ist er total bescheiden und hat sich nie etwas Besonderes darauf eingebildet.»

Die Tränen des «Bombers»

Dabei hätte ihm das niemand krummgenommen. Gerd Müller erzielte 365 Bundesliga-Tore, allein 40 in der Saison 1971/72. In der Nationalmannschaft, wo er nach dem WM-Finale gegen die Niederlande seine Karriere viel zu früh beendete, waren es unglaubliche 68 Treffer in 62 Spielen. Seine Taten besang er selbst eher unbeholfen in «Dann macht es bumm».

Ob er sich noch daran erinnert? Bei einem seiner letzten Besuche habe er Müller Grüsse seiner früheren Schützlinge überbracht, erzählt Hermann Gerland in besagter Biografie. Von Thomas Müller, David Alaba oder Bastian Schweinsteiger. «Da kamen Gerd die Tränen. Er hat geweint.»

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