Finanzielle Probleme
GC-Präsident Stephan Anliker im Interview: «Es ist fünf vor zwölf»

Die Grasshoppers brauchen dringend neues Geld – Präsident Stephan Anliker spricht über die delikate Situation.

françois schmid-bechtel
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GC-Präsident Stephan Anliker: «Unternehmen verpassen eine Chance, wenn sie sich nicht im Fussball engagieren.»

GC-Präsident Stephan Anliker: «Unternehmen verpassen eine Chance, wenn sie sich nicht im Fussball engagieren.»

KEYSTONE

Die Grasshoppers nehmen ordentlich etwa 12 Millionen Franken ein und geben 20 aus. Wir lange kann sich GC noch das strukturelle Defizit von 8 Millionen leisten?

Stephan Anliker: Wir haben im Verwaltungsrat beschlossen, dass wir uns dieses Modell nur noch bis zum Herbst leisten wollen. Der VR will, dass für die kommenden Jahre eine solide und nachhaltige Finanzierung aufgebaut wird. Wenn man wie wir seit Jahren ständig nur Löcher stopft, ist eine nachhaltige Planung praktisch nicht möglich, und dies wiederum hat am Ende auch Einfluss auf die sportlichen Resultate. Ausserdem stört es die betrieblichen Prozesse und sorgt oft unnötig für Unruhe in der Organisation.

Was unternehmen Sie dafür?

Bereits seit einigen Monaten präsentieren wir GC im In- und Ausland für mögliche Investoren. Wir tun das intensiv und professionell. Es geht darum, den Interessenten die Chancen von GC, aber auch die Chancen des Schweizer Fussballs generell aufzuzeigen.

Der doppelte Präsident

Stephan Anliker kam 1957 zur Welt. Seine leiblichen Eltern kennt er nicht.
Anliker wurde als Baby adoptiert und wuchs in Langenthal auf, wo er
heute noch wohnt und mehrheitlich arbeitet. 1989 wurde er Schweizer Hallenmeister im Kugelstossen. Danach trainierte er die national bekannte Sprinterin Regula Aebi, die später seine Frau wurde. Das Paar hat zwei Kinder. Anliker ist Mehrheitsaktionär des Architektur-Unternehmens «Ducksch Anliker». Seit 2014 ist er Präsident von GC. Ausserdem präsidiert er auch den NLB-Eishockeyklub SC Langenthal.

Was sind die Chancen von GC?

Auf die Gefahr, dass der Begriff etwas verbraucht ist: GC ist eine nach wie vor wertvolle Traditionsmarke. Wer bei GC einsteigt, findet sich automatisch in einem grossen sportlichen und wirtschaftlichen Netzwerk wieder. Im Grunde genommen verstehe ich es überhaupt nicht, warum heute Schweizer Unternehmen nicht vermehrt in den Fussball investieren. Die mediale Abdeckung mit einem Super- League-Klub ist enorm hoch, wenn es sich um GC handelt sogar noch höher als im Durchschnitt. Die Reichweiten auch auf nationaler Ebene sind aussergewöhnlich.

Die GC-Spieler trainieren bereits wieder für die neue Saison.

Die GC-Spieler trainieren bereits wieder für die neue Saison.

Keystone

Wieso werden diese Chancen nicht wahrgenommen?

Es ist wie mit der Frage nach dem Huhn und dem Ei. Sportlicher Erfolg ist sexy. Leider hatten wir diesen in den letzten Jahren zu wenig. Deshalb fällt es uns schwer, neue Geldgeber zu begeistern. Die andere Seite ist, dass, wenn wir nicht zusätzliche Mittel generieren, der sportliche Erfolg ausbleibt. Wir sind aktuell Mittelmass, das ist die Realität. Seit ich Präsident bin, haben wir das immer transparent unseren Gönnern und Aktionären so gesagt. Ich will nicht einen Eindruck verbreiten, der nichts mit der Realität zu tun hat. Der verlorene Sinn für die Realität war das grösste Problem bei GC in den letzten 15 Jahren.

Nur: Schiesst jemand 8 Millionen Franken pro Jahr ein, kann GC lediglich den Status quo halten. Verlockend ist das nicht.

Sie machen einen Überlegungsfehler.

Ja bitte?

Das strukturelle Defizit decken wir mit Finanzzusagen von Dritten und mit Spielerverkäufen. Wenn wir 8 Millionen pro Jahr mehr zur Verfügung haben, müssen wir auch nicht mehr alle begehrten Spieler und Talente verkaufen. Was sich positiv auf die Performance und die Resultate auswirken und uns ein nachhaltigeres Arbeiten erlauben würde. Vor drei Jahren sind wir nicht mit minus 8, sondern mit etwa minus 15 Millionen gestartet. Es ist uns gelungen, einen Teil der Altlasten abzutragen.

Einverstanden. Aber GC ist ausgedünnt, hat sein Tafelsilber in den letzten Jahren verscherbelt und kaum noch einen Spieler, der einen budgetrelevanten Transfererlös generiert.

Wir haben sehr wohl noch gute Spieler, welche einen guten Transfererlös geben. Dennoch arbeiten wir intensiv an einem neuen Finanzierungsmodell. Wir sind jetzt in der Tat bei fünf vor zwölf, vielleicht auch leicht darüber. Ich bin aber zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, eine neue und nachhaltige Finanzierung für GC zu finden. Über diesen Weg werden wir auch sportlich wieder in eine erfolgreiche Phase zurückkehren.

Aber was, wenn Sie das neue Finanzierungsmodell bis Herbst nicht realisieren? Ist GC dann am Ende?

Dann müssten wir uns nochmals grundlegend Gedanken zur Zukunft von GC machen und Optionen ins Auge fassen, welche wir bisher nicht fokussiert verfolgt haben.

Welche?

Das kann und will ich Ihnen jetzt nicht verraten. Ich bin auch Unternehmer und GC-Präsident geworden, weil ich ein realistischer Optimist bin. Und ich bin überzeugt, dass wir ein Modell finden werden, welches GC die Zukunft sichert.

Wenn es international die Runde macht, dass man bei GC einsteigen kann, werden wohl etliche Anfragen bei Ihnen eingehen. Schliesslich bietet die Schweiz und insbesondere Zürich ziemlich viel punkto Lebensqualität, wirtschaftlicher und sozialer Stabilität.

Das ist richtig. Es melden sich Leute aus der ganzen Welt. Aber nicht alle Anfragen sind seriös. Wir prüfen diese jeweils sehr genau, bevor wir in erste Gespräche gehen. Aber mein persönliches Ziel ist, dass GC ein Zürcher Verein bleiben kann und mehrheitlich in Schweizer Hand bleibt.

GC soll trotz neuer Investoren ein mehrheitlich Zürcher Verein bleiben.

GC soll trotz neuer Investoren ein mehrheitlich Zürcher Verein bleiben.

Keystone

Warum tut sich eine der reichsten Städte der Welt schwer mit diesem Fussballklub?

Die Bevölkerung von Zürich tut sich nicht nur schwer mit GC, sondern mit dem Fussball allgemein. Die Bewohner der Stadt sind international zusammengesetzt, was wohl zur Folge hat, dass die eigentliche Zürcher Identität etwas verloren ging. Deshalb tun sich die Stadt, die Bewohner und die Unternehmen vielleicht auch schwer, endlich ein neues Stadion zu bauen. Vielen Zürchern und auch den Zürcher Unternehmen ist nicht bewusst, welche grosse Visibilität der Fussball für ihre Stadt bringt. Fast täglich ist das GC-Emblem in Tageszeitungen, Fernsehkanälen und im Internet zu sehen. Die Visibilität, die man beispielsweise mit einem Leibchen-Sponsoring bei GC erreichen kann, ist sensationell.

Aber ist es nicht so, dass diese Stadt etwas wohlstandsverwahrlost ist? Sprich, der Geldadel lieber das elitäre Opernhaus unterstützt als den Proletarier-Sport. Ist der Fussball zu provinziell für diese Stadt?

Ich glaube nicht. Vielleicht ist etwas dran mit Zürich und der Wohlstandsverwahrlosung. Aber mir geht es mehr um die Unternehmen als die Privaten. Diese verpassen eine Chance punkto Image und Marketing, wenn sie sich nicht im Fussball engagieren. Denn die Kosten sind im Verhältnis zum Gegenwert eher klein. Fussball ist die weltweit populärste Sportart.

Hat das Architekturunternehmen «Ducksch Anliker» von Ihrem Engagement als GC-Präsident und dem Trikotsponsoring profitiert?

Ganz klar, ja! Die Umsätze unseres Betriebs in Zürich sind stark gestiegen. Der Fussball kann einer Marke, einem Produkt, oder einem Unternehmen zu grosser Bekanntheit verhelfen. Meine Partner in der Firma Ducksch Anliker hätten mich längst dazu angehalten, den Geldhahn zuzudrehen, wenn kein Return on Investment resultieren würde.

Die Neufinanzierung bei GC ist eng verknüpft mit einem neuen Stadion ...

... und deshalb ist diese neue Finanzierung wirklich nicht einfach. Denn wir haben in diesem Punkt noch völlige Planungsunsicherheit. Die Zeit bis zu einer rechtskräftigen Baubewilligung für ein neues Stadion zu überbrücken, ist äusserst schwierig.

Nächsten Herbst soll die Bevölkerung über den Gestaltungsplan des neuen Stadions abstimmen. Was passiert mit Ihnen, wenn selbst in drei Jahren noch nicht klar ist, ob Zürich eine neue Fussball-Arena bekommt?

Ich weiss es nicht, weil ich nicht in die Zukunft schauen kann. Bestimmt aber würde ich mein Wirken bei GC hinterfragen.

Entsteht anstelle des abgerissenen Hardturms ein neues Stadion für GC?

Entsteht anstelle des abgerissenen Hardturms ein neues Stadion für GC?

Keystone

Was löst heute Freude bei Ihnen aus?

Auf GC bezogen?

Ja.

Ich kann hier mit spannenden Menschen zusammen etwas entwickeln, Kräfte freisetzen, wenn man am richtigen Ort anstösst. Das macht mir Freude. Es macht mir Freude, im Umfeld des Sports etwas zu bewegen. Die Freude entsteht auch aus der Überzeugung, dass wir bei GC einen Beitrag für die Integration von jungen Menschen leisten können. Denn Integration ist eines der wichtigsten Themen unserer Gesellschaft.

Sind Sie Schweizer durch und durch?

Ich weiss es nicht genau.

Wie bitte?

Meine Herkunft ist nicht restlos geklärt. Ich wurde adoptiert, da war ich etwa so klein (Anliker hält die Hände zirka 50 Zentimeter auseinander). Aufgrund meiner eigenen Geschichte sind mir Chancengleichheit, Toleranz, Integration und Teamarbeit ein grosses Anliegen.

Geht es bei der Neufinanzierung auch darum, sich von den langjährigen Geldgebern Heinz Spross, Reinhard Fromm und Peter Stüber zu emanzipieren?

Auf keinen Fall. Es ist mir sogar sehr wichtig, dass die Herren an Bord bleiben. Allein schon aus Gründen der Anerkennung und des Respekts, weil wir ihnen die Existenz von GC verdanken. GC mit seinen vielen Sektionen ist ein Gemeinschaftsprojekt. Es ist deshalb unabdingbar, diesen Gemeinschaftssinn zu stärken. Das Miteinander soll die grosse Kraft von GC sein.

Ähnlich tönte es auch von Ihren Vorgängern.

Aber es wurde leider nicht so gelebt. Bevor ich Präsident wurde, gab es viele Unstimmigkeiten. Fast alle waren involviert: die Fussball AG, die Campus AG, der Zentralvorstand, die Gönnervereinigungen. Das ist längst nicht mehr der Fall. Jetzt reden alle miteinander, man tauscht Ideen und Visionen aus. Man vertraut sich wieder. Das ist schon mal eine sehr gute Basis.

Im Februar erzählten Sie dem «Tages-Anzeiger» vom Wunsch, in drei, vier Jahren mit Basel auf Augenhöhe zu spielen. Gilt das noch immer?

Wir arbeiten unter Hochdruck an einer Neufinanzierung, um ganz vorne mitspielen zu können. Aber wie Sie richtig formuliert haben: Es ist auch ein Wunsch.

In ein drei, vier Jahren will GC Basel das vermiesen: die Meisterfeier auf dem Barfüsserplatz.

Tausende Fans warteten auf dem Barfi auf ihre Helden.
18 Bilder
Diese kamen via Steinenvorstadt mit Trucks von Feldschlösschen zum Ort der Feierlichkeiten.
Davide Callà (stehend links) kann die Finger nicht vom Pokal lassen.
Schon bevor die Mannschaft auf den Balkon trat, wurde unten auf dem Barfi mit Pyros Stimmung gemacht.
Da ist das Ding! Tomas Vaclik, Germano Vailati und Marek Suchy (von links nach rechts) posieren mit dem neuen Meisterpokal.
Urs Fischer geniesst seinen ersten Meistertitel und saugt alles auf.
Delgado (Mitte) war zu Scherzen und Grimassen aufgelegt. Der Pokal sei aber echt schwer, sagte er lachend.
«Der gehört mir!» Tätschmeister Davide Callà will den Pokal nicht hergeben.
Walter Samuel ist kein Mann der grossen Worte. Für ein Dankeschön – auf Deutsch – an seine Fans hat es dann aber doch noch gereicht.
Cedric Itten (ganz links am Bildrand) stand vor drei Jahren noch selber auf dem Barfi und jubelte Streller, Huggel und Co zu. Gestern stand er auf dem Balkon, als Teil der ersten Mannschaft.
Ein letztes Mal posieren mit dem Pokal, dann ist Schluss. Philipp Degen mit der letzten Trophäe seiner aktiven Fussballkarriere.
Auch für ihn ist Schluss – zumindest in Basel. Nach insgesamt sechs Jahren verabschiedet sich Behrang Safari von Basel, und davon, jedes Jahr Meister zu werden.
Die Meisterfeier des FC Basel
Und so liess natürlich auch Delgado es sich nicht nehmen, mit dem 13-Kilo-schweren Pokal zu posieren.
Breel Embolo ist mit seinen 19 Jahren bereits zum dritten Mal Schweizer Meister – und für eine Zeit lang vielleicht auch das letzte Mal.
Gute Freunde unter sich: Matías Delgado und (links) Behrang Safari feiern ihren letzten gemeinsamen Titel.
Ja, Birkir Bjarnason kann auch lachen! Dafür braucht es aber einen Pokal und viele Menschen, die ihn feiern.
FCB-Trainer Urs Fischer präsentiert sich mit dem neuen Pokal auf dem Balkon am Barfi.

Tausende Fans warteten auf dem Barfi auf ihre Helden.

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