Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Neymar: Wie bei jedem globalen Fussballevent der jüngeren Vergangenheit leuchten auch in Moskau die Gesichter der Fussball-Granden von den Reklamesäulen hinunter auf das Volk. Russische Stars hingegen fehlen in Moskaus schillernder Werbewelt.

Offenkundig ist es nicht besonders vielversprechend, den Verkauf von Stollenschuhen oder Rasierapparaten mit dem Lächeln der Gastgeber anschieben zu wollen. Und tatsächlich erzählt die Abwesenheit russischer Werbefiguren viel über den Zustand, in dem die Mannschaft des Gastgebers am heutigen Donnerstag gegen Saudi-Arabien in das Turnier starten wird.

Wladimir Putin ahnt nichts Gutes für sein Nationalteam.

Wladimir Putin ahnt nichts Gutes für sein Nationalteam.

Es ist paradox: Jahrzehntelang verzehrte das grösste Land der Erde sich danach, einmal ein richtig grosses Fussballturnier ausrichten zu dürfen. Und jetzt, wo es so weit ist, schicken sie eine der biedersten russischen Nationalmannschaften aller Zeiten ins WM-Turnier. Ohne Stars, ohne Glanz, beinahe ohne Zuversicht.

Nachdem die Sbornaja eine gruselige Sieglosserie gegen Österreich (0:1) und die Türkei (1:1) auf sieben Partien ausgebaut hat, sieht sich sogar Wladimir Putin, dem es wahrlich nicht an Selbstvertrauen mangelt, zu einer Botschaft der Demut veranlasst.

«Ich muss leider zugeben, dass unsere Mannschaft zuletzt keine guten Ergebnisse erzielt hat», sagt der Präsident. «Aber wir erwarten ganz einfach, dass das Ensemble mit Würde spielt, modernen und interessanten Fussball zeigt und bis zum Ende kämpft.» Die Angst, ja die Vorahnung vor einer Blamage ist nicht zu überhören in diesen Ausführungen.

Überraschung bei der Einreise

Insofern passt es, dass Putin das eigene Nationalteam mit keinem einzigen Wort erwähnt, als er am Mittwochmittag auf dem Fifa-Kongress ein paar Grussworte an die Verbandsvertreter richtet.

Mit der WM in Russland werde ein Traum wahr, erklärte der Staatschef und erläuterte in blumigen Worten, welche nachhaltigen Effekte Russland sich von der opulenten Veranstaltung erhofft. Er habe sich immer «dafür eingesetzt, Bande zu knüpfen, der Sport hat ein riesiges humanistisches Potenzial», sagt der Potentat, und die Damen und Herren applaudieren.

So ein Turnier sei nicht nur ein sportliches Spektakel, es gehe darum, dass «Länder sich besser verstehen». Wenn ein autokratischer Herrscher eines Landes, in dem Minderheiten unterdrückt werden, solche Sätze sagt, ist viel Skepsis angebracht. Doch wer in Russland einreist, ist tatsächlich erst einmal überrascht.

Ein möglichst angenehmer Aufenthalt

Statt wie in den USA von grimmigen Zöllnern ausgefragt zu werden, wird man mit einem Lächeln begrüsst, ein Blick aufs Visum und die Sache ist erledigt. Der Vorsatz, den Gästen ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, ist allgegenwärtig. Ganz offensichtlich begreifen die Russen diese WM als Chance, ihr Image zu aufzupolieren.

So, wie es den Deutschen mit ihrer WM vor zwölf Jahren so eindrucksvoll gelang. Die Gäste «werden in den Stadien und in den Fanzonen erleben, dass wir eine gastfreundliche Nation sind», ruft Putin geradezu euphorisch. Nur wenn es um die «Sbornaja» (Übername für die russische Nationalmannschaft) geht, mischt sich schnell so etwas wie Scham in die Mienen der Menschen.

Die Russische Nationalmannschaft war selten so schlecht besetzt, wie in diesem Jahr.

Die Russische Nationalmannschaft war selten so schlecht besetzt, wie in diesem Jahr.

Magere drei Prozent der Russen glauben, dass ihr Team Weltmeister werden kann. Weil führende Medien und alle möglichen Prominenten in einer Art Selbstgeisselung auf die Chancenlosigkeit der eigenen Mannschaft hinweisen, ist Artem Dzyuba der Kragen geplatzt.

«Wir sind umgeben von Skepsis und Missmut, aber wir wollen jetzt zu einer Einheit zusammenwachsen, deshalb bitte ich alle, uns mit Respekt zu begegnen», sagt der Angreifer. Denn eine gute WM-Stimmung auf den Strassen von Wolgograd, Nischni Nowgorod und Moskau hängt massgeblich am Abschneiden der Sbornaja. Leider hat die Mannschaft im Jahr 2018 noch gar nicht gewonnen.

Kleine Ziele

Während der vergangenen zehn Jahre wurden neue Stadien gebaut, es wurde in Züge, Bahnhöfe, Hotels und Strassen investiert, fast alles ist pünktlich fertig geworden. Nur für den fussballerischen Fortschritt ihrer Mannschaft haben sie kein funktionierendes Konzept hinbekommen.

Der Versuch, den Erfolg mit den alternden Top-Trainern Dick Advocaat und Fabio Capello einzukaufen, ging schief – nun soll es Stanislav Tschertschessow hinbiegen. «Die Gruppenphase überstehen», gibt der Trainer als bescheidenes Ziel aus, nicht ohne darauf hinzuweisen, wie «schwierig» das werden könnte.

Denn nach den jüngsten Eindrücken könnte sogar Saudi-Arabien im Eröffnungsspiel zum Problem werden, die Ägypter kommen mit ihrem von seiner Schulterverletzung genesenen Superstar Mohamed Salah, und Uruguay ist ohnehin Favorit auf den Gruppensieg. Aber vielleicht ist es sogar ein Vorteil, dass nicht einmal mehr Präsident Putin grosse Taten von «seiner» Mannschaft erwartet.