Warum lächelt er bloss so spitzbübisch? Eigentlich hat Lucien Favre keinen Grund dafür. Die Zahlen sprechen gegen ihn. Die Datengurus vom Neuenburger Fussball-Observatorium CIES haben ausgerechnet, dass im Sommer die Bayern zum 29. Mal die Meisterschale in die Luft stemmen werden. Die gelbschwarze Euphorie, so die Prognose der Statistiker, wird irgendwann im Verlauf der Rückrunde verebben. Denn keine andere Mannschaft hat so viele Punkte mehr eingefahren, als es die Zahlen hätten erwarten lassen.

Wie das geht? Anhand von Trefferwahrscheinlichkeit und Anzahl Grosschancen errechnet man den zu erwartenden Trefferwert. Für beide Mannschaften. Diese Zahlen lassen sich dann mit den tatsächlichen Toren und Gegentoren vergleichen. Favres Dortmund hat laut den Statistikern aus Neuenburg zwölf Punkte mehr geholt, als man hätte erwarten können. Bayern dagegen holte weniger Punkte, als die Zahlen hätten vermuten lassen.

Die Zahlen lügen strafen

Warum also lacht er? Weil er die Zahlen Lügen straft. Systematisch. Bei all seinen bisherigen Stationen. Beim FCZ genauso wie bei Hertha Berlin, Gladbach oder Nizza, wie das Fussball-Magazin «Elf Freunde» berichtete. Wie Favre die Statistik überlistet, darüber haben sich schon verschiedenste Analysten den Kopf zerbrochen. Unzählige Seiten wurden darüber geschrieben.

Im Kern sind die Erkenntnisse ganz einfach: Favre sorgt dafür, dass seine Mannschaft gute Schüsse abgibt und der Gegner schlechte. Pedantisch genau weist er selbst Nationalspieler an, wie sie zu verteidigen haben. Und genauso akribisch zeigt er seinen Angreifern die Schwachpunkte des Gegners auf. Kai Peter Schmitz, Favres ehemaliger Assistent in Mönchengladbach, beschreibt Favres Spiel nicht als Folge einer generellen Spielidee, sondern einer Fülle auf den Gegner angepasste Pläne.

Der Titel soll es werden

Sechs Punkte liegt der BVB vor den Bayern. Dortmund ist Wintermeister. Der Ruhrpott fiebert dem fünften Meistertitel entgegen. Wie gehen Sie mit der Situation um?, wird Lucien Favre vor dem Auftakt in die Rückrunde am Samstag um 18.30 Uhr in Leipzig gefragt. Der Schweizer Trainer zieht die Mundwinkel nach unten, schüttelt den Kopf und sagt: «Für mich bleibt alles gleich, wir nehmen Spiel für Spiel und am Samstag beginnen wir.»

Dann dieses spitzbübische Lächeln. Er sagt nichts, aber weiss genau, was er will. Den Titel. Und nicht nur in dieser Saison, nein, Dortmund will Bayern die Schale dauerhaft streitig machen. Darum haben Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc ihren Spielern auch ein Bayern-Verbot auferlegt. Transfers wie jene von Mario Götze (2013), Robert Lewandowski (2014) und Mats Hummels (2016) soll es nicht mehr geben.

Bayern kämpft mit den Transfers

Und die Bayern? Die starten heute schon gegen Hoffenheim in die Rückrunde. Und natürlich wollen sie vorlegen, den Gegner von Anbeginn unter Druck setzen, damit Favre das Lachen möglichst bald im Hals stecken bleibt. Natürlich hätten sich die Bayern gerne verstärkt, um dieses Vorhaben transfertechnisch zu unterstreichen. Doch ganz so leicht fiel das nicht.

Der Stuttgart-Aussenverteidiger Benjamin Pavard hätte man gerne ab sofort verpflichtet. Den Wechsel des französischen Weltmeisters konnte man zwar für rund 35 Millionen Euro fixen, doch kommt er erst im Sommer. Mit Chelsea-Talent Callum Hudson-Odoi liess sich der deutsche Rekordmeister auf einen heftigen Flirt ein. Im Trainingslager in Katar sagte Sportdirektor Hasan Salihamidzic: «Er ist ein sehr interessanter Spieler, den wir unbedingt verpflichten wollen.» 35 bis 40 Millionen Euro sollen die Bayern geboten haben, je nach Quelle.

Trotzdem klappte es bisher nicht. Im Gegenteil. Laut «The Sun» droht Chelsea den Bundesligisten gar zu verklagen, weil die Deutschen den Spieler kontaktiert hätten, ohne die «Blues» zu informieren. Das wäre ein Verstoss gegen die Fifa-Statuten. Der einzige fixe Winter-Neuzugang ist jener von Alphonso Davies. Auch er erst 18-jährig, Kanadier, gelobt in den höchsten Tönen. Doch die Vorschusslorbeeren muss der Flügelflitzer erst noch rechtfertigen.

Ein goldenes Steak – und sonst?

Und so bleibt von den Bayern vor allem die Posse um Altstar Franck Ribéry in Erinnerung. Ein vergoldetes Steak, ein Video davon auf Social Media, ein Shitstorm und die verbale Entgleisung des 35-Jährigen: «Fickt eure Mütter, eure Grossmütter und euren ganzen Stammbaum. Ich schulde euch nichts.» Dekadenz auf unterstem Niveau. Man kann nur den Kopf schütteln und unverschämt lachen. Dazu muss man nicht einmal Lucien Favre heissen.