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Wenn ein Foul zur Straftat wird: Nach Kung-Fu-Tritt fällt Itten für mindestens sechs Monate aus – ein Fall für den Strafrichter?

Nach dem Brutalo-Foul gegen Cedric Itten drohen dem Übeltäter Daprelà Konsequenzen. Der Geschädigte fällt für mindestens sechs Monate aus. St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi fordert eine Sperre und sagt: «Wir werden alles unternehmen, dass diese Geschichte nicht im Sand verläuft.»

Cedric Itten krümmt sich am Boden. Er legt die Hände vors Gesicht und schüttelt den Kopf. Der 21-jährige Stürmer weiss: Das wars. Der Kung-Fu-Tritt von Luganos Fabio Daprelà auf sein rechtes Knie zerstört Kreuz- und Innenband. Am Montag nach der medizinischen Abklärung hat Itten die Gewissheit: Er fällt mindestens sechs Monate aus.

Matthias Hüppi, Präsident des FC St. Gallen, sagt: «Für mich lässt das Foul keinen anderen Schluss zu: Daprelà hat eine Verletzung bewusst in Kauf genommen.»

  

Der FC St. Gallen schäumt vor Wut über die Aktion des Lugano-Verteidigers, für die es von Schiedsrichter Lionel Tschudi nicht mal eine Karte gab. Bereits unmittelbar nach dem Spiel teilt der FCSG in den sozialen Medien mit, er behalte sich explizit weitere Schritte vor. FCSG-Präsident Matthias Hüppi erklärt gestern: «Für mich lässt das Foul keinen anderen Schluss zu: Daprelà hat eine Verletzung bewusst in Kauf genommen. Es sind ja bereits mehrere Fälle von ihm bekannt.»

Der Spieler habe Itten schon bei einer früheren Partie permanent verbal bearbeitet, ihm gesagt, er mache ihn fertig. Hüppi fordert jetzt nachträglich eine Sperre: «Wir werden alles unternehmen, dass diese Geschichte nicht im Sand verläuft.» Gestern bestätigte die Swiss Football League (SFL), dass sie ein Verfahren eröffnet hat. Daprelà droht eine Sperre, allenfalls eine Busse.

Doppelte Verurteilung möglich

Doch eine Verurteilung durch die Liga muss nicht die einzige bleiben. Der Basler Anwalt und Sportrechtsexperte Martin Kaiser hält es für «gut möglich, dass Daprelà in diesem Fall auch ein Strafrichter schuldig sprechen würde». Kaiser erinnert an den Fall Wieser/Yapi, der vor vier Jahren für Schlagzeilen sorgte. Nach einer Strafanzeige des FC Zürich verurteilte die Staatsanwaltschaft Lenzburg den Übeltäter Wieser wegen eventualvorsätzlicher einfacher Körperverletzung und fahrlässig schwerer Körperverletzung per Strafbefehl zu einer Busse von 10'000 Franken sowie einer Geldstrafe von 180 Tagessätzen.

Als Wiesers Anwalt den Fall weiterzog, zog FCZ-Präsident Ancillo Canepa die Anzeige zurück. «Wir haben unser Ziel erreicht: Es liegt eine strafrechtliche Verurteilung von Wieser vor, die bestätigt, dass auch ein Fussballplatz keinen rechtsfreien Raum darstellt», so Canepas Begründung. Anwalt Kaiser ist sich aber sicher: «Wieser wäre auch vor Gericht verurteilt worden.»

Erinnerung an den Fall Wieser

Die Aktionen von Wieser und Daprelà gleichen sich. Die Schwere des Fouls, der Bewegungsablauf, das Einknicken des Knies, die Verletzung. «Ich finde, hier ist eine Grenze überschritten», sagt Kaiser. Doch die angesprochene Trennlinie zwischen Foul und Straftat ist fliessend. Der St. Galler Anwalt Mirco Ceregato sagt: «Wenn die Aktion als spieltypische Spielregelverletzung und mit dem Spielfluss vereinbar taxiert werden kann, hat der Übeltäter juristisch wohl nichts zu befürchten.» Ein Fussballer nehme bei der Ausübung seiner Sportart ein gewisses Risiko in Kauf. «Anders sieht es aus, wenn ein Foul nichts mehr mit dem Spiel an sich zu tun hat und weit entfernt von spielerischem Verhalten ist», sagt Ceregato, der auch als Verbandsrichter bei der Rekursinstanz der SFL für die Erteilung der Lizenzen amtet.

Kein spielerisches Verhalten liege beispielsweise vor, wenn der Angriff nur dem Körper des Gegenspielers gelte, etwa ein Faustschlag im Fussball. Ob beim FC St. Gallen eine Anzeige gegen Daprelà im Raum steht, ist noch offen. Erst dann wäre der Fall Itten/Daprelà auch ein Fall für den Strafrichter.

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