Analyse

Was die Özil-Polemik mit der Doppeladler-Affäre zu tun hat

Özil und Xhaka.

Özil und Xhaka.

Sind Fussballer besondere Menschen? Man könnte es meinen. Denn sie stehen im Moment im Zentrum von auseinanderstrebenden Kräften, die in ganz verschiedene Richtungen wirken.

Politische Manifestationen gehören nicht aufs Spielfeld. Sport und Politik seien streng zu trennen und Politik sei vom Sport fernzuhalten. Einleuchtend im Fall Doppeladler: Das waren politisch unterfütterte Demonstrationen – geeignet zur Provokation – , auch wenn die Akteure treuherzig das Gegenteil beteuerten. Anders liegt der Fall Özil. Er wird von einem Politiker eingeladen. Hier wird von ihm gerade politische Sensibilität erwartet. Der Fussballer müsste politisch korrekt die Einladung ablehnen.

Auf diesen gemeinsamen Ausgangspunkt kann man die Fälle Xhaka/Shaqiri und Özil/Gündogan zurückführen. Das Gebot der Trennung von Politik und Sport ist natürlich sinnvoll, um Konflikten vorzubeugen. Und es bedeutet im Klartext nicht, dass die Fussballer in ihrer politischen Meinungsäusserung eingeschränkt werden sollten. Im Schweizer Fall wäre eine interne Weisung mit entsprechender Sanktion leicht durchzusetzen. Aber bei Özil/Gündogan? Ist der Verband berechtigt, den beiden etwas zu verbieten – ausserhalb des Spielfelds? In London?

Rücktritt von Mesut Özil aus Deutschlands Nationalteam

Rücktritt von Mesut Özil aus Deutschlands Nationalteam

Mesut Özil tritt aus der deutschen Nationalmannschaft zurück. Der 29-Jährige zog die Konsequenzen aus der öffentlichen Kritik und den Attacken wegen seiner Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Schweizer sein – Deutscher sein. Wer spielt in der Nationalmannschaft? Die Nation oder die besten Fussballer? Die Frage ist einfach zu beantworten. Das Problem liegt darin, dass man der Nationalmannschaft mehr Integrationsmacht zumutet, als sie erzeugen kann. Die Gesellschaft verfügt über Integrationsmacht («Ihr müsst werden wie wir»). Sie verteilt Aufstiegs- und andere Chancen. Und kann sie auch verweigern, nicht aus beliebigen Gründen, sondern aus solchen, die eben für die jeweiligen Sphären gelten. Wer frische Ware anbietet und mit den Leuten gut umgeht, wird einen erfolgreichen Laden führen. Wer fleissig und zuverlässig ist, wird ein geschätzter Mitarbeiter.

Die besten Fussballer hingegen müssen auch noch singen können. Und es wird unterstellt, dass sie sich gesinnungsmässig «korrekt» motivieren. Dass sie sich gut präsentieren wollen, um ihren Marktwert zu steigern, reiche nicht. Wären alle die erwähnten Fussballer mit «vollem Herz» (einem ungeteilten) bei der Sache gewesen, hätte mehr herausgeschaut.

Hier wird Loyalität eingefordert. Sein Bestes geben könne man, so das Argument, nur dann, wenn Höheres im Raum steht. Einfach nur gewinnen wollen sei weniger, als für Ehre und Ruhm der Nation zu kämpfen. Man muss hinzufügen: im Effekt, denn wie will man das überprüfen?

Und zuletzt die Frage: loyal zu wem? Zum Land, das man vertritt. Die Forderung schliesst immer auch Ausgrenzung ein. Für die Schweiz, nicht für Albanien oder den Kosovo. Für Deutschland, nicht für die Türkei. Gemeint ist nicht der jeweilige Fussball-Verband. Der darf Loyalität voraussetzen, auf dem Spielfeld.

Und die Nation? Das Volk? Die Demokratie? In diesem Dreieck lauert, so schön es auch aussieht, ein Widerspruch. Zur Nation, zum Rechtsstaat gehört, wer Staatsbürger ist. Alles andere funktioniert nicht. Das «Volk», der Demos der Demokratie, sind die Staatsbürger. Das ist kein Kollektiv, das sich aufgrund gemeinsamer Eigenschaften oder Werte konstituiert, sondern eine Ansammlung von Individuen, von denen nur Eines erwartet wird, dass sie ihre politische Verantwortung wahrnehmen. Gerade die Demokratie ist die Form der Machtkontrolle, die den «Ort» der Macht offen lässt. Wenn «das Volk» entscheidet, steht auch zur Entscheidung, wer zum Volk gehört und wer nicht.

«Das Volk» als Kollektiv, das mit sich selbst identisch ist, ist eine Konstruktion. Meistens wird sie «historisch» unterfüttert: Rütlischwur, via Morgarten und Sempach zum Réduit und dann zum Stade de Suisse. Aber «Mia san mia» – «wir» sind doch das Volk. Gerade das «Wir»-Gefühl zeigt, dass es eine historische Komponente hat. Vor Urzeiten sah man im «Wir» die eigene Gruppe, vielleicht 15 Leute, der Rest waren «die Anderen». Im Lauf der Geschichte ist die «Wir»-Bewegung ausweitend-integrativ. Vom Stamm zum Stammesverband mit einem König, schliesslich bis zum Gefühl, einer Menschheit anzugehören. «Diesen Prozess», sagt der Philosoph Richard Rorty, «sollten wir möglichst in Gang halten.»

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