«Stacy, gehen wir wieder nach Russland?» «Nein, ich will hier bleiben, bei Oma und Opa.» Stacy heisst eigentlich Anastasija, ist 6-jährig und das zweitälteste der vier Kinder von Vero Salatic. Die Familie verbringt die letzten Ferientage in ihrer Eigentumswohnung in Cham. Danach fliegt sie wieder zurück. 3350 Kilometer ostwärts. In die 1-Millionen-Metropole Ufa, nur 100 Kilometer westlich des Urals.

Seit Ende August letzten Jahres ist Ufa das neue Zuhause von Salatic (32) und seiner Familie. Geplant war das nicht. Aber er gehörte halt zu jenen Spielern, die 2017 erstmals im Sion-Dress einen Cupfinal verloren haben. Das erzürnte den Sion-Präsidenten Christian Constantin dermassen, dass er fast das komplette Kader austauschte. Auch Salatic spürte, dass eine Luftveränderung für beide Parteien das Beste wäre. Also einigte er sich mit dem Klub auf die Vertragsauflösung. Eine neue Anstellung fand der Mittelfeldspieler erst Wochen später, nahe der Grenze zu Asien.

Vero Salatic spielt aktuell bei Ufa in der russischen Premier League.

  

Als der FCB-Transfer scheiterte

Die Familie hat aufregende Jahre hinter sich. Dabei schien alles so geordnet. Nach einem einjährigen Intermezzo auf Zypern kehrte Salatic 2012 zu GC zurück. Ein guter Zeitpunkt, um sesshaft zu werden. Schliesslich wurde er ein Jahr zuvor erstmals Vater und seine Frau Slavica war schwanger mit Anastasija. Und es liess sich gut an bei seinem Stammklub GC. Er etablierte sich umgehend als Teamleader und wurde in der ersten Saison bereits Cupsieger.

Zu jener Zeit war er der wohl dominanteste Spieler der Super League. Was Begehrlichkeiten weckte. Der FC Basel wollte ihn verpflichten. War bereit, fünf Millionen Franken zu bezahlen. Doch der damalige GC-Präsident André Dosé hing Salatic ein 10-Millionen-Preisschild um den Hals. «Absurd», nennt Salatic noch heute diese Forderung. Dosés Logik: Basel kassierte ein Jahr zuvor für Xherdan Shaqiri 14 Millionen Franken. Also melken wir die Basler Kuh.
Natürlich kam der Wechsel nach Basel nicht zustande. Aber Salatic grämte nicht.

Als der Streit zwischen Skibbe und Salatic eskalierte

Pflichtbewusst verrichtete er weiterhin seine Arbeit als Anführer des jungen GC-Rudels. Doch die Divergenzen mit dem neuen Trainer Michael Skibbe akzentuierten sich. Als es darum ging, den jungen Verteidiger Moritz Bauer in die U21 zu degradieren, sah sich Salatic als Captain genötigt, auf die Barrikaden zu steigen. Einerseits, weil er es für unlogisch erachtete, weil man mit Bauer eben erst den Vertrag verlängerte. Andererseits, weil es der GC-Philosophie widerstrebte, wonach eigene Nachwuchsleute gefördert werden sollten.

Der Streit zwischen Bauer-Gegner Skibbe und Bauer-Befürworter Salatic eskalierte im Herbst 2014. Das Resultat: Salatic wurde suspendiert, wenig später entliess man Skibbe und danach startete Moritz Bauer durch. Dieser ist heute österreichischer Nationalspieler und steht bei Stoke City unter Vertrag.

GC-Trainer Michael Skibbe und sein Captain Vero Salatic

GC-Trainer Michael Skibbe (links) und sein Captain Vero Salatic verkrachten sich während der gemeinsamen Zeit bei GC.

GC-Trainer Michael Skibbe und sein Captain Vero Salatic

Vero Salatic, in welchem Team würden Sie lieber die WM bestreiten: Schweiz oder Serbien?

Vero Salatic: Gemeine Frage. Ich habe über 25 Spiele für Schweizer Nachwuchsauswahlen gemacht. Darunter auch an der U20-WM in Holland teilgenommen. Aus Serbien erhielt ich als junger Spieler zweimal eine Anfrage – und jedes Mal habe ich abgelehnt, weil ich mich für die Schweiz entschieden habe. Aber in der Schweiz hiess es später stets: Du stehst unter Beobachtung von Köbi Kuhn, später von Ottmar Hitzfeld. Mehr wurde nie daraus. Wahrscheinlich wäre ich an der WM dabei, wenn es 2013 mit dem Wechsel zum FCB geklappt hätte.

Häufig fremdbestimmt, häufig aus dem Koffer lebend, meist den Launen anderer ausgesetzt, selten wissend, wo man Monate später lebt. Gibt es Momente, in denen Sie das Fussballerleben satt haben?

Es gibt Momente, da fühle ich mich aufgebraucht. Ich bin ja nicht alleine unterwegs, sondern habe eine Frau und vier Kinder. Und wenn man wie wir in den letzten vier Jahren viermal umzieht, drei verschiedene Sprachen lernen muss, ist das anstrengend. Positiv an der Geschichte ist aber: Stacy spricht neben Deutsch und Serbisch auch Russisch und Englisch.

Wie haben die Kinder reagiert, als der Umzug nach Ufa Tatsache wurde?

Sie haben so was von geheult. Die ersten Tage waren wirklich schlimm. Da fragten wir uns schon: Was tun wir den Kindern an? Und wofür? Aber die Krise war schnell ausgestanden.

Salatic braucht in Russland keine Anlaufzeit. Seine Rolle unterscheidet sich nicht von jener bei GC oder in Sion. Er ist Stabilisator und Taktgeber im Mittelfeldzentrum. Er ist das, was man den verlängerten Arm des Trainers nennt. Und er macht das richtig gut. Ufa beendet die Saison auf Rang 6 und darf damit erstmals im Europacup antreten. Der FK Ufa ist ein junger Klub. Im Dezember 2010 gegründet und seit 2014 in der höchsten Spielklasse. Keiner dieser Klubs, die mit Unsummen Spieler abwerben. Die höchste Transfersumme, die der Klub je bezahlte, beträgt 1,3 Millionen Euro.

Wie schon bei Sion (im Bild) und GC ist Salatic auch bei Ufa Taktgeber im Mittelfeldzentrum.

Wie schon bei Sion (im Bild) und GC ist Salatic auch bei Ufa Taktgeber im Mittelfeldzentrum.

Wie haben Sie sich in Ufa zurechtgefunden?

Gut. Ich dachte aber, die serbische und die russische Sprache hätten mehr gemein. Deshalb bin ich froh, dass wir einen Übersetzer haben, der bei uns zu Hause wohnt. Es ist ein Mann aus der Elfenbeinküste, der seit acht Jahren in Moskau lebt und uns in all den behördlichen Angelegenheiten hilft.

Und die Kinder?

Egal, ob auf der Strasse, im Einkaufszentrum oder im Restaurant – Kinder sind in Russland überall herzlich willkommen. Da wird man nicht wie in der Schweiz schräg angeschaut, wenn die Kinder im Restaurant etwas laut sind.

Und der Fussball?

Russland ist riesig. Wir fliegen auch mal sieben Stunden zu einem Auswärtsspiel. Allein der Grösse wegen ist es erstaunlich, dass die russische Nationalmannschaft nicht zur absoluten Weltspitze gehört. Eigentlich unverständlich: Denn es fehlt weder an Geld, Publikumsinteresse noch an Infrastruktur. Offenbar, so sagen es mir die Russen, liegen die Probleme in der Nachwuchsförderung, weil zu wenig investiert werde. Und russische Spieler, die es geschafft haben, können sehr schnell sehr viel verdienen, was vielleicht auch nicht sehr leistungsfördernd ist. Aber, wenn wir ehrlich sind: In der Schweiz sind es mehrheitlich die Spieler mit Migrationshintergrund, die Karriere im Fussball machen.

Weil für sie der Fussball die Chance zum sozialen Aufstieg ist?

Definitiv. Ich bin anders aufgewachsen als meine Schulkollegen aus Schweizer Familien.

Das heisst, von Ihren Kindern wird keines eine Sportkarriere machen?

Kaum.

Weil sie wie Schweizer aufwachsen?

Mehr oder weniger, ja. Meinen Kindern gehts gut. Sie müssen um nichts kämpfen. Meine Eltern, Serben aus der bosnischen Stadt Zvernika, kamen mit nichts in die Schweiz. Wir lebten zu viert in einer Zweizimmerwohnung. Vater und Mutter mussten arbeiten. Das bedeutet, dass mein älterer Bruder und ich schon früh Verantwortung übernehmen mussten. Da war niemand, der mit uns Schulaufgaben gemacht hat, der mit uns die Freizeit geplant hat. Wir hatten früh einen Wohnungsschlüssel und Freiheiten, die wir vor allem damit genutzt haben, möglichst häufig Fussball zu spielen.

Von der WM wird Salatic nicht allzu viel mitkriegen. Einerseits, weil Ufa nicht Austragungsort ist. Andererseits, weil er mit seinem Team für die Saisonvorbereitung für zweimal zwölf Tage nach Österreich fahren wird. Notabene mit der Familie. Was bei russischen Klubs üblich ist.

Vero Salatic, wie nehmen Sie die enormen sozialen Unterschiede in Russland wahr?

Ein Beispiel: Ich habe in Ufa kein Auto, weil das Taxi so günstig ist. Für eine 20-Minuten-Fahrt bezahle ich vier Franken. Selbst wenn man bedenkt, dass der Liter Benzin nur 50 Rappen kostet, ist das immer noch sehr wenig Geld. Ich denke, in jeder grossen russischen Stadt ist man mit der gesamten Bandbreite konfrontiert. Von der Luxusboutique bis zur Gassenküche. Die Armut sah ich erstmals, als ich mal auf das Taxi verzichtet habe und zu Fuss unterwegs war. Da sah ich es: Das sind keine Häuser, das sind quasi bewohnte Kartonschachteln. Erschreckend. Trotz all den Schauergeschichten, die man sich erzählt: Ich wurde in Russland nie mit irgendeiner Art von Kriminalität konfrontiert.