Mauricio Pochettino: Der Detailversessene

Wo wäre Mauricio Pochettino heute? Was wäre aus ihm geworden, hätten ihn an jenem 13. Mai 2012 nicht zwei Augen aus dem Aargau scharf beobachtet? Würde er nun auch in Madrid weilen und als Tottenham-Trainer im Final der Champions League gegen den FC Liverpool antreten? Kaum.

Nicola Cortese erzählt die Geschichte, wie er den Argentinier für die Premier League entdeckt hat, als hätte sie sich gestern zugetragen. Der Ennetbadener und damalige Präsident des FC Southampton war mit seinen Scouts nach Barcelona gereist, um sich den Espanyol-Spieler Coutinho anzusehen. Doch Cortese sah einen anderen: Mauricio Pochettino, den Trainer. «Seine Präsenz imponierte mir, und wie bestimmt er die Mannschaft führte.»

Southampton brauchte keinen neuen Trainer, aber Cortese holte Informationen ein und behielt Pochettino im Auge. Im November wurde dieser bei Espanyol entlassen, doch die «Saints» hatten sich inzwischen unter Nigel Adkins in der Tabelle der Premier League vorgearbeitet und ein Trainerwechsel drängte sich nicht mehr auf.

Aber Cortese war mit der Entwicklung der jungen Mannschaft nicht zufrieden, liess um den Jahreswechsel Pochettino aus Argentinien einfliegen, und nach zehn Minuten wusste er: Das ist genau der Mann, den wir für den nächsten Schritt brauchen. Dummerweise siegte Southampton auswärts bei Aston Villa und holte vier Tage später bei Chelsea einen 0:2-Rückstand auf.

Niemand in England dachte auch nur im Traum an eine Entlassung von Adkins. Auch Pochettino nicht, obwohl mit Cortese vereinbart war, dass er am Tag nach dem Chelsea-Spiel vorgestellt würde. Er hatte sich die Partie im Internet angeschaut und zum Staff gesagt: «Von Nicola werden wir nie mehr etwas hören.»

Doch Cortese setzte den Stahlhelm auf und zog die Sache durch. Die englische Presse verspottete ihn als Lachnummer und fragte: «Pochettino who?» Die Experten fragten, was Southampton mit einem Trainer wolle, den niemand kenne, der kein Englisch spreche, und prognostizierten dem Verein den Abstieg.

Aber Pochettino, der seinen Landsmann Marcelo Bielsa verehrt und wie dieser ein variantenreiches Pressing spielen lässt, hielt den Aufsteiger oben, führte sie in der nächsten Saison auf Rang 8 und wurde 2014 von Tottenham aus dem Vertrag gekauft. Dort verdient er 6,5 Millionen Pfund.

Cortese hat vor fünf Jahren seine erfolgreiche Arbeit bei Southampton beendet, verfügt aber in England und auch in Italien weiter über ein grosses Netzwerk und wird deshalb von Konsortien konsultiert, die Interesse haben, einen Klub zu kaufen. Der 50-Jährige pendelt zwischen Ennetbaden, London und Mailand und pflegt weiter den Kontakt mit Pochettino.

Er kennt den 47-Jährigen und dessen Qualitäten und Schwächen wie kein Zweiter. «Mir gefällt seine Winnermentalität. Er ist ein detailversessener Arbeiter», sagt Cortese. Der Staff habe den Gegner stundenlang analysiert, sich bei der Mannschaftsbesprechung aber nur kurz mit diesem beschäftigt und sich auf das eigene Team fokussiert.

Cortese sagt, Pochettino sei als Mensch der gleiche wie als Trainer. «Er ist sehr emotional und sucht gerne die Auseinandersetzung.» Einmal habe es vor dem Training zwischen ihnen gekracht und Pochettino sei dann demonstrativ mit einer Sonnenbrille auf dem Platz gestanden. «Er ist ein Trainer, der Streicheleinheiten braucht und seine Mitarbeiter beansprucht», sagt Cortese. Pochettino sei kein Menschenfänger wie Jürgen Klopp, aber kollegial zu den Spielern und nie zu negativ. Er traut ihm zu, Klopp auszucoachen. «Es wurmt ihn sehr, dass er noch keinen Titel hat. Das will er ändern», sagt Cortese.

Jürgen Klopp: Der Menschenfänger

Es war im Juni 2001, als Sven Christ den sechs Jahre älteren Jürgen Klopp kennen lernte. Mainz 05 war an einer Verpflichtung des Verteidigers interessiert und lud ihn zum Gespräch ein. «Klopp holte meine Frau und mich persönlich ab und wir trafen uns zum Essen», erzählt Christ. Klopp habe alles über ihn gewusst; zum Beispiel, dass er zwei Kinder habe. «Er sagte: ‹Du wirst uns viel helfen.› Ich spürte bereits, was für ein Menschenfänger er ist.»

Erst ein halbes Jahr zuvor war Klopp vom Spieler zum Spielertrainer befördert worden. Als Christ bei Mainz begann, war Klopp zwar nur noch Trainer, zog sich aber immer noch in derselben Kabine wie die Spieler um. «Die Mannschaft musste ihm klarmachen, dass er hier nichts mehr verloren habe», erinnert sich Christ.

Nicht vergessen hat er, dass Klopp jeweils im Abschlusstraining mitspielte: «Immer mal wieder sprang er mit einer brutalen Grätsche in die Beine des Gegenspielers. Er hatte das Switchen vom Spieler zum Trainer noch nicht geschafft.»

Gleichwohl mangelte es Klopp nicht an Autorität. Er presste die Spieler in jedem Training aus. «Wenn es einer nicht ins Kader für das Spiel schaffte, dann kam Klopp zu ihm und sagte, er habe ein schlechtes Gewissen, aber er könne ihn leider nicht bringen. Die Spieler nahmen es ihm ab», erzählt Christ. Was immer Klopp sagte, man glaubte ihm.

Als der Schweizer einmal nach einer abgesessenen Rotsperre fürs nächste Spiel nicht aufgeboten wurde, hätte er Klopp am liebsten an der Gurgel gepackt. Doch dieser gab ihm zu verstehen, wie wichtig er sei, nur nicht für dieses Spiel – alles gut.

Aber Klopp ist auch unerbittlich. Wenn einer nicht alles gibt, ist er weg vom Fenster. Christ kann sich vorstellen, dass dies auch Xherdan Shaqiri in Liverpool zu spüren bekommen hat.
Natürlich hat Christ, selber auch Trainer und deshalb in Klopps Biografie aufgeführt, den weiteren Werdegang des Deutschen intensiv verfolgt. «Er lässt immer noch genau denselben Fussball wie bei Mainz spielen: Pressing, Gegner jagen, schnell umschalten.»

Auch war Klopp schon damals ein Überzeugungskünstler und besass viel Humor. Christ erzählt dazu diese Geschichte: «Nachdem 2002 der Aufstieg in die Bundesliga um einen Punkt verpasst worden war, kam es ein Jahr später noch dicker. Im letzten Spiel gewannen wir in Braunschweig 4:1, doch weil die Frankfurter beim 6:3 gegen Reutlingen in der Nachspielzeit noch zwei Tore schossen, verdrängten sie uns wegen der um ein Tor besseren Tordifferenz vom Aufstiegsplatz. Klopp gab danach die Anweisung, erst loszufahren, wenn die zwanzig Kisten Bier vernichtet seien. Bei einer Raststätte trafen wir dann auf viele todtraurige Mainzer Fans. Klopp stieg aus dem Bus und sang: ‹2. Liga, die Mainzer sind dabei!› Dann wandte er sich an die Anhänger und sagte: ‹Ich garantiere euch, dass wir es nächstes Jahr schaffen.›»

Klopp hielt Wort und seine grandiose Trainerkarriere nahm ihren Lauf. Als er noch beim BVB war, besuchte Christ ihn im Trainingslager in Bad Ragaz und Klopp nahm sich anderthalb Stunden Zeit. «Was für eine Wertschätzung», sagt Christ.

Schon lange vor Klopps Ankunft war der 45-Jährige ein eingefleischter Liverpool-Fan und ist nun glücklich, dass Klopp bei den Reds ist. Er räumt ein, dass andere wie Guardiola oder Favre taktisch vielleicht etwas gewiefter seien, doch Klopps Qualitäten als Psychologe und Motivator unerreicht. «Vielleicht überdreht er manchmal sogar etwas», vermutet Christ, der heute als Technischer Leiter des Teams Aargau tätig ist. «Ich hoffe, er hat gegen Tottenham seine Emotionen im Griff. Dann gehen seine Monster für ihn durchs Feuer – und gewinnen.»