Michael Lang, sie haben den Cut geschafft und reisen mit der Nati nach Russland. Wie schwer ist es, Teil dieses 23-Mann-Kaders zu sein?

Michael Lang: Sehr schwierig, wenn man sieht, was für eine Konkurrenz da ist. Auch dass ich der einzige Spieler aus der Super League bin, spricht dafür, wie schwer es ist. Es gibt ganz sicher sehr viele andere Spieler, die auf so einen Platz brennen. Daher muss man, wenn möglich, das ganze Jahr über gute Leistungen bringen. Es gibt nie einen Freifahrtschein, um im Kader der Nati zu sein.

Sie sprechen es an, Sie sind der einzige Super-League-Spieler in der Nati. Wie beurteilen Sie das?

Ich nehme das als Kompliment, das ist eine spezielle Auszeichnung für mich und das macht mich fast ein bisschen stolz. Ich bin auch vom FCB der Einzige, der an die WM fährt. Jetzt muss ich die Super League so gut wie möglich vertreten. Dass ich der Einzige bin, zeigt mir aber auch, dass der Schweizer Fussballer generell sehr gut ausgebildet und daher im Ausland sehr gefragt ist. Dadurch machen viele den Schritt ins Ausland auch relativ schnell. Aber ich bin auch überzeugt, dass Spieler vom FCB oder YB sich im Vergleich mit den im Ausland engagierten nicht verstecken müssen.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunftsplanung aus?

Diese Planung muss hinten anstehen. Momentan dreht sich alles um die WM, es ist gleichermassen eine riesige Vorfreude  und Anspannung da. Da denkt keiner an das, was nach der WM ist. Es wäre auch nicht der Zeitpunkt, um dies zu kommentieren.

Aber das Ausland lockt schon?

Natürlich, das Ausland lockt immer als Spieler der Super League. Das ist jedem klar. Aber wie gesagt: Man muss sich als Spieler von YB oder dem FCB nicht verstecken. Wir haben gute Leute in der Super League, ein paar davon, die jetzt auch hätten hier sein können. Machen wir uns in der Super League nicht kleiner, als wir sind.

Sie stecken mitten in Ihrer dritten Vorbereitung mit der Nati. Was hat sich für Sie verändert?

Das ist schwierig zu vergleichen. Vor vier Jahren war es für mich wahrscheinlich die schwierigste Vorbereitung, weil ich da noch nicht so gut war, wie ich es jetzt bin, und der Schritt damals von der Intensität her von der Super League zur Nati noch ein bisschen grösser war. All die Erfahrungen, die ich auch persönlich in den letzten vier Jahren gesammelt habe, haben mir auch geholfen, das Niveau besser adaptieren zu können. Ausserdem bin ich jetzt schon 27, daher ist die jetzige Vorbereitung die, an die ich am einfachsten heran gehe. Auch, weil es nicht mehr eine komplett neue Situation ist wie das vor vier Jahren der Fall war.

Wie war es denn damals, vor der WM 2014?

Das war mein erstes grosses Turnier. Ich habe dieses Gefühl noch genau vor mir. Ich bin mit grossen Augen nach Brasilien gereist, habe alles aufgesogen wie ein Schwamm, weil wirklich alles neu war. In der Zwischenzeit sind, gerade in den internationalen Spielen mit dem FCB, doch auch noch ein paar Highlights dazu gekommen. Da hat sich rein von meinem Gefühl her schon ein bisschen etwas geändert.

Wie zeigt sich das?

Wenn man in den letzten vier Jahren mit den grossen Jungs mitgespielt hat, sich mit den Besten hat messen können, dann fühlt man sich wohl dabei. Man hat keine Angst mehr vor solchen Aufgaben, sondern man freut sich darauf. Natürlich hat man Respekt, fast noch mehr. Aber das steigert auch die Vorfreude auf die WM noch mehr.

Können Sie Ihre Entwicklung neben dem Platz in dieser Nati beschreiben?

Der grösste Unterschied ist die Akzeptanz im Team. Ich kann mich erinnern, dass es vor vier Jahren als einer, der nur in der Schweiz spielt, nicht so einfach war, von jedem sofort akzeptiert zu werden. Es herrschte das Gefühl, dass man es dann geschafft hat, wenn man im Ausland ist. In der Zwischenzeit, gerade als Spieler des FCB mit den internationalen Spielen, bekommt man auch Selbstvertrauen und geben einem diese Erfolge sehr viel mit. Ich darf glaube ich sagen, dass die Akzeptanz meiner Person bei jedem Spieler da ist. Ich merke auch, dass ich mit jedem Spieler ein super Verhältnis habe und dass ich vom Staff her ein Vertrauen spüre. Und nur wenn man das spürt kann man auch etwas zurückgeben.

Gehen Sie anders auf die Mitspieler zu, als dies in Brasilien oder Frankreich noch der Fall war?

Ja, schon auch. Ich bin etwas älter geworden, habe etwas erlebt. Und man kennt sich ja auch besser, gerade in der aktuellen Mannschaft. Dadurch, dass wir in dieser Zusammensetzung schon eine Zeit lang spielen, ist der Teamspirit gestärkt. Wir haben eine super Stimmung in einer super Truppe. Da gehöre ich dazu und da bin ich auch stolz darauf.

Sie gehören dazu, Stammspieler waren Sie aber nie. Herrscht da eine gewisse Frustration, dass es an Stephan Lichtsteiner kein Vorbeikommen gibt?

Nein, nein, das Gefühl von Frustration hatte ich noch nie und das werde ich denke ich auch nie haben. Denn, wenn man dabei ist, dann ist man glücklich und stolz, dabei sein zu können. Schliesslich geht es um die Nationalmannschaft. Und für mich ist es auch einfach zu akzeptieren, dass ein Spieler wie Steph vor mir steht. Wenn man die ganze Mannschaft anschaut, ist er der Spieler mit der besten Karriere im Verein. Er war sieben Jahre bei Juve, einem Weltverein. Daher ist es einfach. Aber ich war immer da, habe immer gute Stimmung verbreitet und wenn ich gespielt habe war ich darum auch immer in guter Form und bereit, zu zeigen, was ich kann und dass ich positiv bin. Diese Situation wird sich auch in diesem Sommer nicht ändern. Steph ist der Captain, ist gesetzt, und daran gibt es nichts zu diskutieren.

In Ihrem Klub sind Sie aber nicht wegzudenken, haben erneut eine starke Saison gespielt und zehn Treffer erzielt. Wissen Sie, welche Ihrer Nati-Kollegen mehr Tore erzielt haben als Sie?

Mario Gavranovic hat sicher mehr Tore gemacht. Und Xherdan Shaqiri auch, oder?

Nein, nur Gavranovic. Was sagt Ihnen das?

Da kann man argumentieren, dass es einfach ist, in der Super League Tore zu machen, aber ich habe ja auch drei in der Champions League gemacht (lacht)! Nein, natürlich ist das schön für mich, aber auf der anderen Seite hat man auch genügend oft gesehen, wie viel Qualität wir in der Nati haben. Statistiken sind das eine, eine Form an einem Turnier ist nochmal etwas anderes. Wir werden Spieler auf dem Platz haben, die gefährlich sein werden.

Los geht es am 17. Juni gegen Brasilien. Wie stark ist dieses Spiel schon in den Köpfen drin?

Das ist schon präsent bei jedem Spieler. Klar haben wir am Freitag noch ein Freundschaftsspiel und es dauert noch etwas, bis Brasilien kommt. Aber beim Gedanken daran verspürt man Vorfreude. Eine WM ist etwas Unglaubliches, das man als Spieler erleben darf.

Der Einstieg ins Turnier könnte einfacher sein. Mit Brasilien kommt der schwerste Gegner zu Beginn.

Wenn man so denkt, dass das Spiel eh in die Hosen geht, dann können wir auch gleich mit dem zweiten Spiel starten. Es ist auch eine grosse Chance, zu zeigen, was wir können, wozu wir wirklich fähig sind. Wir haben fast nichts zu verlieren in diesem Spiel, weil alle ohnehin erwarten, dass Brasilien gewinnt. Wir nehmen Spiel für Spiel, hoffen aber, dass das Auftaktspiel wegweisend für ein erfolgreiches Turnier für uns wird.

Sie persönlich haben sicher nur gute Erinnerungen an das letzte Aufeinandertreffen mit Brasilien, oder?

Absolut, die sind sehr positiv. Ich durfte da mein Länderspieldebüt feiern und wir konnten gewinnen. Von dem her war das für mich persönlich sicher ein Highlight. Aber an der WM ist es schon noch einmal ein anderer Rahmen als beim Testspiel in Basel.

Wie kann die Schweiz dafür sorgen, dass auch das Spiel im grösseren Rahmen an der WM zu einem Highlight wird?

Wir müssen wenn möglich gleich frech und mutig auftreten wie wir das vor fünf Jahren gemacht haben. Da haben wir unsere Aufgabe defensiv gut umgesetzt, sind kompakt gestanden. Denn, wenn man sich mit Brasilien einen offenen Schlagabtausch liefert, dann wird es schwer, weil sie vor allem in der Offensive eine unglaubliche Qualität haben. Aber: man muss sehen, dass auch Brasilien schlagbar ist. Das haben sie vor vier Jahren eindrücklich gezeigt. Dennoch sind sie der grosse Favorit. Wir hingegen haben nicht viel zu verlieren.

So zeigen sich die Schweizer Natispieler ganz privat auf Instagram: