WM14
Jung und voller Hoffnung: Bei Frankreich soll es die neue Generation richten

Beim Schweizer WM-Gegner Frankreich soll es die neue Generation richten. Das Team reist mit neun Spielern nach Brasilien, die noch keine 25 Jahre alt sind. Hinzu kommt, dass Leader Frank Ribéry verletzt fehlt. Ist das Team zu jung, um zu bestehen?

Vincent Duluc*
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Junges Team: Die Franzosen im ersten Training in Brasilien

Junges Team: Die Franzosen im ersten Training in Brasilien

Keystone

Ohne Franck Ribéry, dafür mit neun Spielern, die noch keine 25 Jahre alt sind, reist die französische Nationalmannschaft nach Brasilien. Zu jung, um zu träumen? Nicht unbedingt.

Es gibt eine unwiderlegbare Statistik zugunsten der Franzosen: Seit 1998 bestreiten sie jedes zweite Mal den Final der Fussball-Weltmeisterschaft. Sie haben diese besondere Fähigkeit, unglaubliche Höhenflüge zu leisten (1998, 2006) oder dann eben ganz tief zu sinken (2002, 2010). Dieser logischen Folge nach sollten sie also in Rio am 12. Juli im Final stehen. Natürlich glaubt das niemand auch nur eine Sekunde lang.

Denn das ist nicht der Sinngehalt der Geschichte. Nach einer schwierigen Qualifikation in der Barrage gegen die Ukraine (0:2, 3:0), am Ende eines Rückspiels, welches der Mannschaft wenigstens Gelegenheit bot, sich mit den Fans zu versöhnen, weiss Didier Deschamps’ Mannschaft selbst nicht, wie sie sich überhaupt einschätzen soll.

Es war ein guter Anfang, bei den Zuschauern wieder etwas höher im Kurs zu stehen. Aber niemand weiss, ob die tatsächliche Leistungsfähigkeit des Teams eher dem Hin- oder dem Rückspiel entspricht.

Und niemand weiss momentan, wozu die Mannschaft in Brasilien fähig ist, ohne Franck Ribéry, der seit der Vergabe des Ballon d’or im Januar (an Cristiano Ronaldo, die Red.) von Rückenschmerzen geplagt ist.

Im Vollbesitz seiner Kräfte hätte der Spieler von Bayern München den Bleus schmerzlich gefehlt. Mit 60 Prozent Leistung viel weniger, denn so agierte er nie glanzvoll und wollte oft den Retter spielen, auch wenn ihn seine Beine im Stich liessen.

Ribérys Abwesenheit beraubt Frankreich seines besten Antreibers und wird die Aufstellung im Angriff verändern. Der Druck wird sich auf Karim Benzema verschieben, der auf eine gelungene Saison bei Real Madrid zurückblickt, aber noch nie an einer Endrunde getroffen hat. Nach zwei Europameisterschaften, bei der er keine Spuren hinterliess (2008, 2012), wird das seine erste Weltmeisterschaft sein.

Die Bleus werden in Brasilien bereit sein, wenn sie aus dem Bus steigen. Ribérys Ausfall bietet dem jungen französischen Team wenigstens den Vorteil, das lästige Gespenst von Knysna von der WM in Südafrika loszuwerden. Es ist die am meisten besprochene Farce in Frankreich. Nur vier Spieler haben vor vier Jahren bereits in Afrika gespielt: Lloris, Sagna, Valbuena, Evra.

Das Beenden dieses Kapitels wird durch den Entscheid von Didier Deschamps gestärkt, Samir Nasri und Eric Abidal zu Hause zu lassen. Nasri tritt noch immer gleich auf – sein Einfluss vergiftet die Stimmung neben dem Spielfeld und fehlt dafür auf dem Spielfeld. Eric Abidal seinerseits hat zwar seine Krebs-Krankheit überwunden, kann aber nicht mehr auf internationalem Niveau spielen.

Die französische Mannschaft ist eine, die den Charme und die unbekümmerte Frische der Jugend ausstrahlen wird. Aber es wird vor allem eine Equipe sein, der die Fixpunkte fehlen. Es gibt keine wirkliche Stammelf, notabene in der Verteidigung, und keine klare taktische Ausrichtung.

Deschamps ist pragmatisch: Er wird wohl in einem 4-3-3 spielen lassen, eine solide Verteidigung verlangen und sich auf Konter beschränken. Nicht einfach zu realisieren gegen Ecuador und Honduras?

Die Bleus werden es trotzdem tun, davon kann man überzeugt sein. Das eigentliche Problem ist also die Verteidigung vor Goalie Hugo Lloris.

Über Evras Leistungsfähigkeit gibt es Zweifel. Ist er ein Aussenverteidiger oder besser gesagt ein Verteidiger, von internationalem Format? Wir erinnern uns, dass er seinen Platz während der Turniere 2010 und 2012 verloren hatte.

Die andere Frage dreht sich um das bestmögliche Innenverteidiger-Duo: Neben Varane auf der rechten muss die beste Lösung für die linke Seite noch gefunden werden. Koscielny schien gesetzt, aber Sakho war der Held der Barrage.

Neben Lloris und Benzema ist die Stärke der Franzosen die geschlossene Aufstellung im Mittelfeld, mit Pogba, Matuidi und Cabaye. Sie sind technisch versiert und athletisch, und Pogbas offensive Freiheit kann einen traditionellen Spielmacher ersetzen.

Gestiegene Erwartungen

Anfangs verlangten die Zuschauer und Beobachter von der «Équipe tricolore» lediglich das Überstehen der Gruppenphase und den Einzug in die Achtelfinals.

Angesichts der scheinbar einfachen Gruppe (Schweiz, Honduras, Ecuador) sind die Erwartungen jedoch gestiegen: Die französische Mannschaft hat nunmehr den Gruppensieg als Ziel, um im Achtelfinal dem möglichen anderen Gruppensieger Argentinien auszuweichen und so den Sprung in die Viertelfinals zu schaffen.

So weit kamen die Franzosen an der Euro 2012, und wenn man die Stärke des südamerikanischen Fussballs betrachtet, wäre der Viertelfinal heuer sozusagen ein Fortschritt.

Merkwürdigerweise scheitert die französische Elf an Weltmeisterschaften entweder in der Gruppenphase (1966, 1978, 2002, 2010) oder sie stösst mindestens bis in den Halbfinal vor (1982, 1986, 1998, 2006).

Vielleicht ist nun aber der Augenblick gekommen, ein «gewöhnliches Schicksal» zu erdulden: weder eine Demütigung hinnehmen zu müssen, noch Ruhm zu ernten. Einfach weniger stark als die andern zu sein, das ist alles.

* Vincent Duluc arbeitet als Sportredaktor und Fussballkenner für die französische Sportzeitung «L’Equipe». Übersetzung: Martin Studer.

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