Super League

Hetze mit Konsequenzen: Wenn Schiedsrichter zur Zielscheibe werden

Rudelbildung um Schiedsrichter Alain Bieri. Zuerst geigen ihm die Sittener Spieler die Meinung, dann folgt Christian Constantins Auftritt.

Super-League-Schiedsrichter Alain Bieri erhielt nach einem umstrittenen Penalty-Pfiff Drohungen gegen Leib und Leben. Sion-Präsident Christian Constantin und das Westschweizer Fernsehen RTS heizen die Debatte zusätzlich auf.

Es ist gerade ziemlich viel los im Schweizer Fussball. Zwar nicht an der Spitze der Super League, wo YB einsam seine Kreise zieht; es sind andere Brennpunkte, die zu reden geben. Nachdem vor einer Woche enttäuschte GC-Fans im Letzigrund die Haupttribüne geentert hatten, verriegelten am Mittwoch in Luzern Vermummte aus Protest gegen die frühe Anspielzeit eines der beiden Tore mit einer Kette.

Und gleichentags sorgte ein Interview mit Daniel Wermelinger auf der Website des Verbands für Aufsehen. Dort berichtete der Chef des Ressorts Spitzenschiedsrichter von einer üblen Drohung gegen Referee Alain Bieri.

«Bedrohung für Leib und Leben»

Auf Nachfrage bestätigte Wermelinger, dass der Absender in einer E-Mail angekündigt hatte, er werde dafür sorgen, dass Bieri in dieser Saison kein Spiel mehr leiten könne. «Aus unserer Sicht ist das eine Bedrohung für Leib und Leben», sagt Wermelinger. Deshalb habe Bieri Strafanzeige gegen diese Person eingereicht, die gemäss Einschätzung der Polizei identifizierbar sei. «Uns geht es nicht primär um ihre Bestrafung, sondern darum, allen klarzumachen, dass hier Grenzen überschritten wurden», sagt Wermelinger.

Auslöser dieser unappetitlichen Geschichte war am 17. Februar der Penaltypfiff Bieris, den der FC Basel im Spiel gegen den FC Sion zum 1:0-Sieg nützte. Der Walliser Goalie Kevin Fickentscher hatte zuvor den Ball vor dem anstürmenden Kevin Bua weggespielt, danach aber den Basler Stürmer am Fuss getroffen.

Doch in diesem Fall geht es bei weitem nicht allein um die besagte Drohung. Wenig überraschend war nämlich in Basel der Sittener Präsident Christian Constantin auf dem Rasen aufgetaucht und hatte Bieri lauthals kritisiert.

«Meine Spieler würden lieber einen schönen Tag im Wallis verbringen, als von einem Schiedsrichter betrogen zu werden» – diesen Satz soll Constantin gemäss Westschweizer Medien Bieri an den Kopf geworfen haben.

Constantins Sündenkartei

Constantin, immer wieder Constantin. Der Rabauke, der einst in Kriens Schiedsrichter Markus von Känel derart anging, dass es ein gerichtliches Nachspiel gab, und der nach einem verlorenen Spiel in Bern strafrechtlich gegen Schiedsrichter Sascha Amhof vorgehen wollte.
Constantin, der vor anderthalb Jahren im Stadion von Lugano den TV-Experten Rolf Fringer tätlich angriff und einfach nicht altersmilder und weiser werden will.

Natürlich: Schiedsrichter-Anfeindungen hat es schon immer gegeben. Nach dem Cupfinal 2014 zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich erhielt Patrick Graf Morddrohungen. Der Wiler Stürmer Adis Jahovic wurde 2012 für zehn Spiele gesperrt, nachdem er in Biel dem Schiedsrichter mit den Worten gedroht hatte: «If I see you after, I kill you.»

Der frühere Fifa-Schiedsrichter Urs Meier, dessen Absetzung Constantin übrigens auch mal verlangt hatte, musste einst von der Polizei geschützt werden und abtauchen, nachdem er bei der EM 2004 ein Tor der Engländer aberkannt hatte. Der Schwede Anders Frisk beendete 2005 seine Karriere nach einem Spiel zwischen dem FC Barcelona und dem FC Chelsea aufgrund von anhaltenden Morddrohungen. Aufgehetzt von verschwörerischen Aussagen des damaligen Chelsea-Trainers José Mourinho.

Fahren Trainer, Präsidenten oder auch Spieler in der Öffentlichkeit mit schwerem Geschütz gegen die Schiedsrichter auf, stacheln sie Fans zu verwerflichen Taten an. Denkbar ist deshalb, dass Constantin mit seinem Verhalten in Basel am Ursprung der Drohung gegen Bieri stand.

Die Disziplinarkommission der Swiss Football League hat ein Verfahren gegen den Sonnenkönig aus dem Wallis eröffnet. Angesicht von dessen zahlreichen Verfehlungen ist zu hoffen, dass er so richtig hart bestraft und nicht vor ihm gekuscht wird.

Der Fehltritt von «RTS»

Ungut ist, wenn sich Medien als Handlanger für Typen wie Constantin hergeben. Wie das Westschweizer Fernsehen «RTS» am vergangenen Sonntag. Als es einige, vermeintliche und unstrittige, Fehlentscheide Bieris aneinanderreihte und dessen Kompetenz anzweifelte.

Dazu sagt Daniel Wermelinger: «Bieri wurde voll in den Fokus gestellt, ohne dass wir etwas zu den gezeigten Szenen sagen konnten. Das ist journalistisch nicht korrekt und unprofessionell.»
Noch gibt es in der Schweiz keine Verhältnisse wie in Griechenland. Dort haben im Dezember Vermummte einen Schiedsrichter vor dessen eigenem Haus verprügelt.

Die schweizerische Verbandsjustiz tut indes gut daran, einer dahingehenden Entwicklung den Riegel zu schieben. Nur gut, dass sich Wermelinger und die Schiedsrichter nicht einschüchtern lassen. Alain Bieri pfeift morgen Sonntag das Spiel des FC Thun gegen den FC Zürich.

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