Fussball
Guter Secondo – schlechter Secondo

Der Schweizer Fussball ist in Aufruhr. Izet Hajrovic, Amir Abrashi und Taulant Xhaka haben angekündigt, nicht für die Schweizer Nati spielen zu wollen. Eine Analyse zu den teils überrissenen Ansprüchen unserer Fussball-Doppelbürger.

François Schmid-Bechtel
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Izet Hajrovic (rechts) freute sich am 14. November 2012 im Freundschaftsspiel gegen Tunesien noch über einen Treffer der Schweizer - jetzt will er plötzlich nicht mehr für die Schweiz spielen

Izet Hajrovic (rechts) freute sich am 14. November 2012 im Freundschaftsspiel gegen Tunesien noch über einen Treffer der Schweizer - jetzt will er plötzlich nicht mehr für die Schweiz spielen

Keystone

Izet Hajrovic ist ein Verlust für die Schweiz. Nicht heute, aber vielleicht morgen.

Denn der Offensivspieler der Grasshoppers hat herausragende Qualitäten. Diese stecken vor allem in seinem linken Fuss, der ein Seelenverwandter von David Beckhams rechtem ist.

Was Hajrovic sonst noch interessant macht: Sein Alter – er wird im August erst 22 –, seine Schnelligkeit, seine Laufbereitschaft, seine Spiellust und sein Wille zur Weiterentwicklung.

Doch Hajrovic will trotz unlängst abgegebener Treueschwüre nun doch nicht für die Schweiz, sondern für Bosnien spielen.

Abrashi und Albanien

Amir Abrashi hat bei GC erstaunliche Fortschritte gemacht. Der zentrale Mittelfeldspieler verdankt die erhöhte Aufmerksamkeit seinem Arbeitsvolumen, seiner Wendigkeit, seinem Biss und seiner Schussstärke.

Obwohl erst 23 und nur 1,72 m gross, könnte er schon in der kommenden Saison die spielbestimmende Persönlichkeit bei den Hoppers werden. Und dann ist der Weg in eine ausländische Liga offen. Doch der frühere Schweizer U21-Internationale will für Albanien spielen.

Taulant Xhaka und Albanien

Taulant Xhaka hat als Basler Leihgabe bei GC seine Super-League-Tauglichkeit bewiesen; polyvalent und verlässlich. Aber nicht mehr. Denn eine grosse Nummer ist der 23-Jährige in der Super League noch nicht. Trotzdem war seine Ankündigung, künftig für Albanien zu spielen, dem «Blick» eine mittelgrosse Story wert.

Drei Secondos, die sich innerhalb weniger Wochen von der Schweizer Fussballnationalmannschaft distanzieren.

André Dosé, Präsident der Grasshoppers, monierte im letzten «SonntagsBlick»: «Ich habe Mühe damit, dass vom Vizemeister auch im letzten Spiel gegen Zypern kein Spieler im Aufgebot war.»

Das ist seine Sicht. Es ist jedenfalls couragiert, wenn ein Klub-Präsident, der sich erst seit einem Jahr intensiv mit Fussball auseinandersetzt, die Selektion des Nationaltrainers kritisiert.

Ottmar Hitzfeld präferiert Spieler, die im Ausland engagiert sind. Aber sein Aufgebot für das Zypern-Spiel war plausibel.

Natürlich rückte ein Tranquillo Barnetta ohne Wettkampfpraxis ein. Aber im Gegensatz zu den jungen GC-Spielern Hajrovic und Steven Zuber hat Barnetta schon das eine oder andere Länderspiel entschieden.

Natürlich spielt Haris Seferovic nur in der italienischen Serie B, aber im Gegensatz zu GC-Stürmer Nassim Ben Khalifa ist er torgefährlich. So gesehen irritieren Dosés Aussagen.

Dass die Schweiz gegen Zypern indes unter ihren Möglichkeiten spielte, ist eine andere Geschichte und gewiss nicht mit der Selektion des Nationaltrainers zu begründen.

Die Aktion Dosés lässt vermuten, dass er um den Marktwert seiner Talente bangt. Das Prädikat Nationalspieler erweitert nicht nur den Kreis der potenziellen Abnehmer, sondern hat auch Einfluss auf die Ablösesumme.

Jeder einzelne Fall ist anders einzuordnen

Zurück zu den drei Secondos. Jeder dieser Fälle ist anders einzuordnen. Hajrovic hatte kein Verständnis dafür, für das Spiel gegen Zypern übergangen worden zu sein.

Aber waren seine Leistungen in dieser Saison derart überwältigend, dass er für die Nationalmannschaft unentbehrlich ist? Nein.

Oder hat sich ein Raphael Nuzzolo von YB über die Nichtberücksichtigung beschwert, obwohl seine Saison-Performance mit jener von Hajrovic vergleichbar ist? Nein.

Abrashis Verhalten ist fair und sein Entscheid nachvollziehbar, weil ihm mit Inler, Behrami, Dzemaili, Schwegler, Granit Xhaka, Gelson Fernandes und Fabian Frei etliche Mittelfeldspieler vor der Sonne stehen, die alle noch mindestens fünf Profijahre vor sich haben.

Xhaka beschwert sich darüber, kein Signal vom Schweizerischen Fussballverband erhalten zu haben. Das zeugt von Selbstüberschätzung.

Oder soll der Nationaltrainer künftig jedem Super-League-Spieler persönlich seine Beweggründe mitteilen?

Denn noch ist Xhaka einer von vielen. Zum Glück nur, was seine fussballerischen Qualitäten betrifft.

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