Analyse
FC Aarau in der Krise: Trennung von Bordoli ist der einzige Ausweg

Seit rund drei Monaten ist Livio Bordoli Trainer beim FC Aarau. Er hat in dieser kurzen Zeit mehr Fehler gemacht als andere Trainer in zwei Jahren.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Je länger er im Amt bleibt, desto grösser der Schaden: Aarau-Trainer Livio Bordoli. Oben ein inzwischen gelöschter Facebook-Eintrag seiner Lebenspartnerin: «Bordoli ist gut, die Spieler sind Nullen.»Key

Je länger er im Amt bleibt, desto grösser der Schaden: Aarau-Trainer Livio Bordoli. Oben ein inzwischen gelöschter Facebook-Eintrag seiner Lebenspartnerin: «Bordoli ist gut, die Spieler sind Nullen.»Key

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Ginge es allein nach dem Leistungsprinzip, hätte der FC Aarau schon in der vergangenen Länderspiel-Pause den Tessiner entlassen müssen. Doch unmittelbar zuvor demissionierte Sportchef Urs Bachmann. Weshalb der FC Aarau wohl keine Lust auf eine zweite Baustelle hatte.

Zehn Meisterschaftsspiele hat man Bordoli eingeräumt, ehe Bilanz gezogen wird. Nun bleiben noch zwei. Die Auswärtspartie bei Challenge-League-Tabellenführer Lausanne am Mittwoch. Und am Samstag in einer Woche das Heimspiel gegen Schaffhausen. Doch das sind zwei Spiele zu viel für Bordoli. Es wäre klug, bereits am Samstag im Cup gegen La Chaux-de-Fonds mit einem anderen Trainer anzutreten. Denn die Gefahr besteht: Je länger Bordoli im Amt bleibt, desto grösser ist der Schaden, den der 52-Jährige anrichtet.

Bordoli schreibt in Aarau ein Logbuch des Grauens. Die ersten Einträge datieren aus der Saisonvorbereitung. Der Tessiner erklärt den neuverpflichteten Carlinhos zum Schlüsselspieler. Der 21-jährige Brasilianer hat zwar das Talent zur Attraktion. Aber nur die Fitness für die Tribüne. Mit dem Prädikat Schlüsselspieler hat Bordoli weder sich, Carlinhos noch der Mannschaft einen Gefallen getan. Der Trainer selbst hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil sein Schlüsselspieler vorerst keine Leistung bringt. Der Druck auf Carlinhos steigt zusätzlich, weil von ihm Wunderdinge erwartet werden. Und die Mannschaft fühlt sich vom Trainer veräppelt, weil einer einen Sonderstatus geniesst, was im Widerspruch zur Leistung steht.

Dann das erste Spiel. Derby gegen Wohlen. Zu Hause. Vor der erstaunlichen Kulisse von 5000 Zuschauern. Doch dem FC Aarau fehlt es an Mut und Esprit. Vor allem, weil Bordoli das Spiel vercoacht. Denn bei Wohlen bilden zwei Grünschnäbel die Innenverteidigung. Für Nicolas Bürgy ist es der erste, für Simon Dünki der dritte Einsatz in der Challenge League. Doch Bordolis FC Aarau scheint keine Lust zu haben, die Nervosität der beiden jungen Verteidiger auszunutzen, sie mit aggressivem Pressing zu Fehlern zu zwingen. Das Spiel endet 1:1.

Ein Fehlgriff folgt dem andern

Dann das Spiel gegen Biel. 2:0 führt Aarau zur Pause. Alles deutet auf den ersten Sieg im dritten Spiel. Doch Bordoli unterläuft ein folgenschwerer Wechselfehler. Für Ridge Mobulu, den Torschützen zum 2:0, bringt er den formschwachen Sven Lüscher. Dieser leitet mit einem Fehler jene spielentscheidende Szene ein, die zu einem Penalty und Rot für Aaraus Goalie Ulisse Pelloni führt. Das Spiel endet 2:3. Und Mobulu, ausgerechnet er, spielt im weiteren Saisonverlauf keine Rolle mehr.

Dann das Spiel in Schaffhausen. Das Team fährt viel zu spät los. Als hätte Bordoli noch nie vom Stau am Freitagabend auf der Autobahn zwischen Aarau und Winterthur gehört. Prompt nehmen die Spieler das Essen in Seuzach verspätet ein. Die Folge: Dicke Bäuche, dünne Leistung – 0:1. Ausserdem überrascht Bordoli mit einem Torhüterwechsel. Für den bis anhin untadeligen Pelloni spielt Steven Deana. Pelloni soll bis heute keine Erklärung vom Trainer bekommen haben, weshalb er seit knapp einem Monat nur noch die Nummer 2 ist.

Trotz der Nullleistung gegen Schaffhausen gibt Bordoli seinen Spielern zweieinhalb Tage frei. Womit er auch seine eigenen Bedürfnisse befriedigt. Schliesslich bleibt ihm so Zeit, sich ins Tessin zu seiner Familie zurückzuziehen. Captain Sandro Burki indes kritisiert diese Massnahme. Womit er den Zorn des Trainers provoziert.

Dann das Spiel gegen Xamax. Prompt sitzt Burki auf der Ersatzbank. Sportliche Gründe gibt es für diese Degradierung nicht. Weshalb der Verdacht auf eine Machtdemonstration Bordolis berechtigt ist. Das Spiel endet 2:1 für Aarau. Doch der erste Sieg ist ein reines Zufallsprodukt. Und Burki wartet bis heute auf eine Erklärung des Trainers für die Demontage.

Bordoli, der grosse Trugschluss

Dann das Spiel in Le Mont (0:0). Wieder eine Nullleistung. Wieder steht Burki nicht in der Startformation. Schlimmer noch: Der Captain muss sich 45 Minuten lang einlaufen, ohne eingesetzt zu werden. Eine pure Provokation des Trainers. Dieser verliert die Nerven. Greift während des Spiels einem Le-Mont-Spieler ins Gesicht. Noch gravierender ist hingegen das Nachspiel. Mimosa Bajrami, die Lebenspartnerin von Livio Bordoli, spielt sich in den sozialen Medien häufig als Anwältin ihres Lebenspartners auf. Diesmal überspannt sie den Bogen. «Bordoli ist gut, die Spieler sind Nullen», schreibt sie auf Facebook. Etlichen Spielern wird Bajramis Eintrag zugespielt. Womit das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft definitiv zerstört ist.

Bordoli ist die fundamentalste Fehleinschätzung des inzwischen zurückgetretenen Sportchefs Bachmann. Auch wir dachten, der FC Aarau bekomme einen Trainer mit Fach- und Sozialkompetenz. Es war ein grosser Trugschluss. Ein Trainer sollte die Spieler besser machen. Doch Bordoli demontiert sie (Burki, Pelloni, Mobulu), setzt sie auf falschen Positionen ein (Perrier, Carlinhos) und sorgt für eine Stagnation der Talente (Thaler, Jäckle, Spielmann). Kurz: Er verantwortet den sportlichen Absturz und eine Wertminderung des Kaders.

Aus dem Tessin hört man, Bordoli sei stur, introvertiert, beratungsresistent und habe grosse Defizite in der Kommunikation. Ausserdem sei die Matchvorbereitung ungenügend, weil er unmittelbar vor dem Spiel kaum auf die eigene Taktik oder jene des Gegners eingehe. In Aarau soll es sogar schon vorgekommen sein, dass die Spieler bis fünf Minuten vor Spielbeginn keine Ahnung hatten, wer im Tor steht. Erschreckend ist zudem, wie Bordolis Engagements im Tessin jeweils endeten: nämlich nie im Guten. Selbst beim FC Lugano, mit dem er den Aufstieg realisiert hat, stellten die Spieler nach der Saison das Ultimatum: «Entweder er oder wir!»

Verzweifelt bastelt sich Bordoli nun Alibis. Im «Blick» sagte er: «Wir sind individuell nicht das beste Team der Liga. Es fehlt uns an Verstärkungen.» Vor der Saison sagte er in unserer Zeitung: «Wir haben eine gute Mannschaft.»

Der FC Aarau ist gut beraten, die Übung Bordoli schnellstmöglich abzubrechen. Andernfalls droht ein überdimensionaler Scherbenhaufen.

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