WM-Kolumne

Die Unvorhersehbarkeit, die wir so sehr lieben

Olivier Giroud (rechts) und Didier Deschamps: An vorderster Front eroberte der bullige Stürmer das Herz seines Trainers.

Olivier Giroud (rechts) und Didier Deschamps: An vorderster Front eroberte der bullige Stürmer das Herz seines Trainers.

Die WM ist zu Ende und Russland erntet viel Lob von allen Seiten. Irgendetwas muss da schon dran sein. Den gefürchteten russischen Hooligans hat die Verwaltung mittels Drohungen über drakonisch harte Strafen erfolgreich die Lust am «Schlägern» genommen. König Fussball durfte darum zum Glück im Mittelpunkt stehen.

Oft im Mittelpunkt war auch der Video-Schiedsrichter. Die Technik soll das Spiel gerechter machen. Ein schöner und nobler Ansatz. Ich bin grundsätzlich ein Befürworter dieser Neuerung. Aber ich halte die Abläufe noch für sehr verbesserungswürdig. Ich würde mir wünschen, dass die Zuschauer, egal ob im Stadion oder vor dem TV, 1:1 dasselbe Bildmaterial zu sehen bekommen wie der Schiedsrichter vor seinem Bildschirm. Nur so kann man Entscheidungen besser nachvollziehen. Und dann wäre es gut, wenn der Schiedsrichter seine Entscheidung per Lautsprecher begründet. Wie beim American Football.

Ausserdem würde ich es auch begrüssen, wenn sich der Videoschiedsrichter auch bei Sachen einschalten könnte, wo es keinen Interpretationsspielraum gibt. War es Eckball oder nicht? Das lässt sich in zwei Sekunden und ohne das Spiel zu verzögern abklären. Also Herr Fifa-Präsident Infantino: Wenn Sie das lesen, bitte anpassen!

Keine WM für Krake Paul

Sportlich betrachtet gab es an der WM viele Überraschungen. Es gab selten ein Turnier, bei dem ich mit meinen Tipps so sehr danebenlag. Ich wage sogar zu behaupten, dass auch die berühmte Krake «Paul» (Gott hab ihn selig) an seine Grenzen gestossen wäre. Keiner der absoluten Top-Favoriten im Halbfinal. Klar, die eine oder andere Überraschungsmannschaft gibt es immer, aber in dieser Fülle? So sehr ich es den Kroaten gegönnt hätte, fairerweise muss man sagen: Die Franzosen lachen verdient vom Thron.

Trainer Didier Deschamps hat es irgendwie geschafft, aus einem Haufen talentierter Individualisten eine Einheit zu formen. Ich hatte bei den Franzosen während des ganzen Turniers das Gefühl, dass sie als Mannschaft funktionieren, respektive dass die Atmosphäre im Team stimmt. Für den Verzicht auf Superstar Benzema erntete Deschamps vor der WM viel Kritik. «Benzema sollte bei der WM sein und nicht Deschamps», meldete Zlatan Ibrahimovic. Ich denke, der eine oder andere «Experte» bereut heute seine Wortspende.

«Falsche Neun» bald Geschichte?

Für meine Stürmerseele war es eine Wohltat, zu sehen, dass mit Frankreich und Kroatien zwei Mannschaften im Final standen, die mit einem klassischen Mittelstürmer spielten. Vielleicht ist ja die «falsche Neun» bald wieder Geschichte …

Zeit meines Lebens haben mir immer alle möglichen Leute eingebläut: «Stürmer werden an ihren Toren gemessen.»

Zeit meines Lebens haben mir immer alle möglichen Leute eingebläut: «Stürmer werden an ihren Toren gemessen.»

  

Zeit meines Lebens haben mir immer alle möglichen Leute eingebläut: «Stürmer werden an ihren Toren gemessen.» Nun, kein erzieltes Tor und nur ein einziger verbuchter Torschuss wirken jetzt nicht unbedingt wie der Arbeitsnachweis eines Stürmers des Weltmeisterteams. Doch Olivier Giroud ist der lebende Beweis dafür, dass es neben Toren noch andere Werte für Stürmer gibt, welche die eigene Daseinsberechtigung untermauern.

Giroud war für Deschamps gesetzt, ja unverzichtbar. An vorderster Front eroberte der bullige Stürmer das Herz seines Trainers, indem er Bälle sicherte, defensiv viel mithalf und immer wieder Räume für seine Mitspieler aufriss.

Der kroatische Fussball - er improvisiert

Ein letzter Gedanke sei mir noch zu Kroatien gestattet: So beeindruckend ich die Leistung fand, wer glaubt, ihr WM-Coup beruht auf einer ausgeklügelten Strategie, die seit Jahren umgesetzt wird, liegt falsch. Kroatien passierte dieser Erfolg. Talent und Herz – das war alles, was sie dazu brauchten, um ihr Land in Ekstase zu versetzen.

Wirklich geplant war von dieser Glanzleistung herzlich wenig. Vier Trainer innert vier Jahren, jeder einzelne davon mit wechselnden Strategien, zeugen nicht unbedingt von guter Planung und einer gemeinsamen Idee. Tatsächlich tut der kroatische Fussball seit Jahren vor allem eines: improvisieren. Das hingegen sehr erfolgreich.

Der WM-Erfolgstrainer Zlatko Dalic übernahm das Team nach einer enttäuschenden WM-Qualifikation 48 Stunden vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen die Ukraine, fuhr einen 2:0-Sieg ein und schaffte danach via Barrage gegen Griechenland die WM-Qualifikation. Auch nicht zu vergessen ist, dass Kroatien seit 2004 bei keiner U21-EM mehr dabei war. Trotzdem bringt das Land regelmässig Ausnahmekönner hervor, die bei Topvereinen schöne Erfolge feiern.

Am Ende sind es genau solche unvorhersehbare Geschichten, für die wir den Fussball so sehr lieben.

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