Super League
Der Vortänzer – Wicky muss die Richtung selbst vorgeben

FCB-Trainer Raphael Wicky ist ein ruhiger Mensch – beim Sieg gegen den FCZ (1:0) zeigte er eine neue Seite

Sébastian Lavoyer
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Raphael Wicky hat erkannt, dass er die Richtung selbst vorgeben muss, dass er auch mal aufbrausend sein darf.

Raphael Wicky hat erkannt, dass er die Richtung selbst vorgeben muss, dass er auch mal aufbrausend sein darf.

Keystone

Sie kennen das Phänomen. Aus der Schul-Disco, dem In-Klub, vom Tanzabend. Alles ist angerichtet, die farbigen Scheinwerfer schwenken durch den Raum, die Discokugel dreht sich, die Musik wummert aus den Boxen.

Aber die Tanzfläche ist leer. Alle stehen nur rum, halten sich an den Gläsern fest, um sich nur bloss an irgendetwas festhalten zu können. Bis der Eisbrecher kommt, der Vortänzer. Und plötzlich zieht es alle aufs Parkett, plötzlich wird aus der lahmen Fete eine fette Sause.

Ein bisschen war das so beim FC Basel. Wenigstens bis zum Spiel gegen den FC Zürich. Eigentlich ist alles da, was man braucht, um Erfolg und damit so richtig Spass zu haben. Ein gutes Kader, auch wenn es weniger stark ist als vergangene Saison. Ein junger, motivierter Trainer mit eigenen Ideen. Ein tolles Publikum, das seit Jahren so zahlreich ins Stadion strömt wie nirgends sonst in der Schweiz.

Aber statt Fussballfeste zu feiern, machte sich zuletzt bittere Enttäuschung breit im Joggeli. Die Tiefpunkte der noch jungen Saison: die 1:2-Heimpleite gegen Lausanne und der Auftritt in St. Gallen (1:2). In gewissen Phasen wirkt der FCB in diesen Partien blutleer, irgendwie ohne Emotion. Die Niederlage erduldend, hatte man zum Teil fast das Gefühl.

Klatschen, brüllen, antreiben

FCB-Trainer Raphael Wicky sprach das Problem an, forderte seine Mannschaft auf, sich daran zu erinnern, was die Grundlagen dieses Sports sind: kämpfen, rennen, beissen. Denn während ein paar der FCB-Spieler noch kaum je eine fussballerische Krise durchlebt haben mit ihrem Klub, kennt Wicky diese Situationen aus seiner Karriere.

Wer beim HSV und bei Werder Bremen gespielt hat, weiss, wie man Krisen meistern kann. Für Wicky war klar: Wir müssen zurück zum Grundlegenden. Kampf statt Kultur. Oder wie er sagt: «Es bringt nichts, wenn wir spielen, spielen, spielen und am Schluss mit nichts dastehen.» Das ist zwar nicht, was der FCB versprach: Nicht nur erfolgreichen, sondern vor allem auch schönen Fussball. Aber egal.

Seit knapp drei Monaten ist Wicky im Amt. Vom schönen Tempo-Fussball des Wallisers hat man bis dato ziemlich wenig gesehen. Der FCB schlitterte nach dem Umbruch im Sommer in eine der grössten Resultat-Krisen der letzten Jahre. Wicky war arg unter Druck vor diesem Heimspiel gegen den FC Zürich. Und was macht er?

Er gibt den Vortänzer, er geht voraus, er bringt Emotionen rein, wie man das von ihm noch nie gesehen hat. Immer wieder klatscht er seine Spieler nach vorne. Bei nicht geahndeten Foulspielen springt er an der Linie rauf und runter wie ein Rumpelstilz, brüllt den vierten Offiziellen an.

Endlich wieder Klassiker

Natürlich, es war der FC Zürich zu Gast. Endlich wieder Klassiker nach einem langen Jahr ohne Duelle gegen die Zürcher. Das ist an sich eine emotionale Angelegenheit. Das Joggeli war voll wie noch nie diese Saison.

Aber die Voraussetzungen beim Saisonauftakt in Bern wären ähnlich gewesen: die heissesten Titelanwärter im Direktduell, das Stade de Suisse ausverkauft. In Bern aber blieb Wicky stets ruhig, wirkte gefasst, abgeklärt, fast schon gleichmütig schien er dieses 0:2 hinzunehmen.

Doch so ist Wicky eigentlich. Schon vor der Saison sagte er: «Ich weiss, wie es ist als Spieler. Du kriegst praktisch nichts mit von dem, was der Trainer an der Linie herumschreit. Das bringt einfach nichts.»

Wicky hat sein Credo gegen den FCZ nicht über den Haufen geworfen. Aber er hat realisiert, dass es nicht nur um Worte geht. «Es gibt Spiele, in denen mich die Mannschaft mehr spüren muss. Wenn ich will, dass meine Mannschaft hoch presst und aggressiv draufgeht, dann muss ich Zeichen geben.»

Vor diesem wegweisenden Spiel hat Wicky nicht nur betont, wie wichtig die Einstellung sei, sondern auch, dass man aus solchen Situationen nur als Team herauskommt. Nur gemeinsam. Nur, wenn alle in die gleiche Richtung ziehen. Der FCB-Trainer hat seinen Teil dazu beigetragen. Er hat erkannt, dass keiner seiner Spieler in der Lage ist, Emotionen ins Team zu bringen.

Klar, da gibt es einen Aggressivleader wie Taulant Xhaka. Der kann mit einer Grätsche einen Impuls setzen. Aber oft ist er irgendwie zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er wirklich mitreissen könnte. Ähnliches gilt für Serey Die. Marek Suchy ist zwar Captain, aber vom Naturell her eher abgebrüht und rational. Aufbrausend erlebt man ihn selten.

Keiner, der das Team wachrütteln kann

Kurz: Es hat schon Typen, die das Potenzial haben, das Team zu führen. Aber einen Alex Frei oder einen Marco Streller hat es nicht in dieser Mannschaft. Da ist keiner, der das Team wirklich wachrütteln kann. Wicky scheint nun gewillt, diesen Aspekt in gewissen Partien selbst einzubringen.

Gegen den FCZ geht der Plan auf. Wicky peitscht an, seine Spieler fressen Gras, grätschen, geben alles. Das Siegtor ein Ausdruck dieser Einstellung. Ecke Zuffi, Suchy drückt FCZ-Verteidiger Nef in den Rücken. Irgendwie kommt der Ball zu Oberlin, irgendwie stochert er ihn über die Linie.

Alain Nef nervte sich nach der ersten Niederlage des FCZ: «Das war ein klares Foul.» Und er hat recht. Aber die Pfeife von Schiedsrichter Sandro Schärer bleibt stumm. Das Tor zählt und bringt dem FCB den ersten Sieg in der Meisterschaft seit dem 13. August. Und das im Klassiker gegen den FC Zürich.

Es könnte ein Wendepunkt sein für Wicky und sein Team. Aber nur, wenn man jetzt im ersten Champions-League-Heimspiel am Mittwoch gegen Benfica Lissabon wieder eine ansprechende Leistung zeigt. Bis jetzt ist es erst ein erster Schritt. Der Tanz dauert noch lange. Und die Tanzfläche ist noch längst nicht voll. Der Vortänzer ist gefordert.